Wirtschaft : Bei EMI regiert der Music Man

Alain Levy baut den britischen Musikkonzern um und gibt weniger Geld für Manager und teure Videoclips aus

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Von Charles Goldsmith

und Jennifer Ordonez

Die EMI-Gruppe erlebt eine Revolution. Der Franzose Alain Levy hat 1789 Arbeitsplätze im britischen Musikkonzern gestrichen. Die Zahl hat symbolische Bedeutung: Im Jahr der Französischen Revolution begannen die Köpfe zu rollen. Und die Köpfe rollen auch bei EMI. Levy beließ es nicht bei Stellenstreichungen. Er warf ein Viertel der (meist unbekannten) unter Vertrag stehenden Künstler hinaus. Er krempelt den Herstellungs- und Distributionsprozess der CDs um. Und er hat die Entlohnung der Manager revolutioniert: Mit üppigen Gehältern ist es vorbei, an ihre Stelle traten Boni, die an die Rentabilität und die Entwicklung des Künstlers geknüpft sind.

Seit Levy im vergangenen Oktober Chef der EMI-Tonträgersparte Recorded Music wurde, verfolgt er sein Ziel: Einerseits will der ehemalige Polygram-Chef an die ruhmreiche Geschichte von EMI anknüpfen. Der Musikkonzern ist 105 Jahre alt und hatte Künstler wie die Beatles, die Rolling Stones und Garth Brooks unter Vertrag. Andererseits will Levy den „schlechten Praktiken der Musikbranche“ – überteuren Musikvideos, überbezahlten Managern – ein Ende machen. Der Druck ist da. Der Branche geht es schlecht. Musikpiraterie und der Mangel an Megastars machen der Industrie zu schaffen.

Neben Stellenkürzungen will Levy den Londoner Musikkonzern neu positionieren. Levy versucht, EMI bei den Künstlern als das einzige „reine“ Musikunternehmen anzupreisen. Die anderen größeren Musikunternehmen gehören zu großen Unterhaltungskonzernen. Levy wirbt damit, dass an der Spitze jedes größeren Geschäftsbereiches von EMI nun ein „Music Man“ stehe und erst darunter die Erbsenzähler kommen. Nur noch kreative Leute, die Talente anheuern und fördern, erhalten bei EMI weiter langfristige Verträge.

Von einigen erhält der EMI-Chef für seine Anstrengungen Lob. Levy sei bereit, der Branche zu sagen, „wir machen alles falsch“ und dass der Industrie ein nachhaltiges Modell fehle, sagt Medienanalyst Johnathan Barrett vom Brokerhaus Teather& Greenwood in London. „Und ich denke, dass er Recht hat.“ Und doch stoßen Levys Pläne auf zahlreiche Widerstände. Bislang konnte der Franzose die Finanzmärkte nicht beeindrucken: Wenn in dieser Woche der Londoner Leitindex FTSE-100 überprüft wird, wird EMI wahrscheinlich herausfallen. Das wäre das erste Mal seit der Einführung des Index im Jahre 1984.

EMI gehört zwar zu den fünf größten Musikkonzernen der Welt, doch ist der Aktienkurs seit Anfang 2000 um drei Viertel gefallen. Das Unternehmen steht auch nicht mehr auf der FTSE-Liste der britischen Unternehmen mit der höchsten Marktkapitalisierung. Warum die Skepsis an den Märkten? Es sei noch nicht klar, ob EMI wieder auf dem richtigen Weg sei, sagt Michael Nathanson, ein Analyst von Sanford C. Bernstein& Co in New York. Levy selbst lehnte es ab, für diesen Artikel interviewt zu werden.

Mit den Restrukturierungsmaßnahmen will Levy die operative Gewinnmarge innerhalb von drei Jahren auf elf bis 14 Prozent steigern. Im ersten Halbjahr 2002 lag die Marge bei schätzungsweise sechs Prozent. Größter Schwachpunkt von EMI ist der US-Markt – der größte Musikmarkt der Welt. Dem britischen Konzern ist es nicht gelungen, dort zu expandieren. Ausnahme ist das erfolgreiche Music-Publishing, die zweite Sparte von EMI. Dort liegen die Verwertungsrechte an Stücken wie etwa der Beatles. EMI erwartet für das Jahr 2002 ein leichtes Umsatzwachstum. Doch Analysten bezweifeln, ob EMI einen Umsatzeinbruch vermeiden kann. Das Geschäft in den USA war im ersten Halbjahr industrieweit schwach.

Keine Frage: Der Branche geht es schlecht. Der weltweite Umsatz von produzierter Musik belief sich 2001 auf 33,6 Milliarden Dollar – nach 39,8 Milliarden Dollar (40,2 Milliarden Euro) fünf Jahre zuvor. Mit den fetten Jahren ist es vorbei. Mitte der 80er bis Ende der 90er Jahre hatte die Branche umsatzstarke Zeiten gesehen – dank der CD. Verbraucher hatten ihre alten Platten- und Kassettensammlungen ersetzt. Schwer zu schaffen macht der Industrie nun auch die Musikpiraterie. Die Musikkonzerne haben es bislang nicht geschafft, brauchbare, gebührenpflichtige Onlinedienste einzurichten, die mit den kostenlosen Musiktauschbörsen im Stil von Napster konkurrieren können.

Am teuersten kommt aber vielleicht der Popmusik-Branche zu stehen, dass es keinen neuen Michael Jackson oder keine neue Madonna gibt. Diese Künstler haben auf dem Höhepunkt ihres Erfolges zig Millionen von Alben verkauft und sich lange oben gehalten. Die Musikbranche ist eine kreative, von Moden abhängige Branche und auf neue Gesichter angewiesen.

Daher hat für Levy die Suche nach neuen Stars oberste Priorität – am liebsten amerikanische Künstler. Amerika ist mit Abstand der wichtigste Musikmarkt; dort werden zwei Drittel des internationalen Musikumsatzes gemacht. Und in den USA wird auch ein Großteil der Musik produziert, der ins Ausland exportiert wird. Doch der US-Marktanteil von EMI an neuen Titeln lag in diesem Jahr bislang bei 7,3 Prozent, heißt es bei dem Marktforschungsunternehmen Nielsen Soundscan. Und das ist weniger als die von Levy angestrebten zehn Prozent.

Die EMI-Labels sind erfolgreicher darin, ausländische Musiker in den USA zu vermarkten, als dort neue Stars aufzubauen. Zu EMIs Verkaufsschlagern in den USA gehören die australische Sängerin Kylie Minogue, deren letztes Album 750000 mal in den USA verkauft wurde, und die britische Band Coldplay, deren erstes Album „Parachutes“ 1,3 Millionen Mal über den Ladentisch ging. Album Nummer zwei „A Rush of Blood to the Head“ kam in der vergangenen Woche auf Platz fünf der Billboard-Album-Charts. Große Chancen rechnet EMI sich für das neue Album „Forty Licks“ der Rolling Stones aus.

Für Plattenunternehmen kann es riskant und teuer sein, etablierte Künstler unter Vertrag zu nehmen. EMI musste Mariah Carey eine Abfindung von 28 Millionen Dollar zahlen, um sich von ihr trennen zu können. Andererseits kann es lange dauern, neue Stars zu finden und aufzubauen. Andy Slater, seit 16 Monaten Chef des EMI-Labels Capital Records, erlebt erst jetzt, wie seine neuen Künstler langsam Erfolg haben. Allen voran die australische Rockband The Vines, die vor zwei Wochen prominent bei den MTV Video Music Awards vorgestellt wurde. Obwohl sie nicht aus den USA sind, wurde die Band von Slaters Mitarbeitern für das Label angeheuert. Ein anderer Hoffnungsträger von EMI ist Norah Jones, eine junge Jazz-Sängerin, die beim Label Blue Note Records unter Vertrag ist. Im Laufe des Jahres verkaufte sich ihr Album immer besser.

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