Wirtschaft : „Beide Seiten können ihr Gesicht wahren“

Der frühere ÖTV-Chef Herbert Mai über den Schlichterspruch

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Herr Mai, sind Sie froh, keine Tarifverhandlungen mehr führen zu müssen?

Das kann man wohl sagen. Insbesondere im öffentlichen Dienst ist das ein ganz schwieriges Geschäft, weil sich zum einen die Arbeitgeberseite sehr heterogen zusammensetzt und weil zum anderen auf Arbeitnehmerseite die Ansprüche groß sind.

Ist deshalb der Schlichterspruch von Bremen zu Gunsten der Gewerkschaft ausgefallen?

Das ist er nicht. Ich komme auf eine Belastung für die öffentlichen Arbeitgeber von unter zwei Prozent.

Wie das?

Es gibt eine Erhöhung um 2,4 Prozent für zwölf Monate und danach eine weitere Erhöhung um 0,6 Prozent für vier Monate. Auf die gesamte Laufzeit gerechnet ergibt das eine Kostenbelastung von 2,25 Prozent. Dafür verzichten die Arbeitnehmer auf einen freien Tag, der mit etwa 0,50 Prozent zu veranschlagen ist. Unterm Strich bleibt also eine Kostenbelastung von 1,75 Prozent. Das halte ich auch angesichts der knappen Kassen für vertretbar.

Also alles in allem eine gelungene Empfehlung der Schlichter?

Es ist ein Schlichterspruch, der beide Seiten das Gesicht wahren lässt. Mit 2,4 Prozent plus 0,6 Prozent hat die Gewerkschaft die angestrebten drei Prozent erreicht. Und die Arbeitgeber bekommen über die lange Laufzeit und den freien Tag eine Kostenkompensation.

Trotzdem steigt die Streikwahrscheinlichkeit. Wie groß sind die Einigungschancen am kommenden Mittwoch?

I ch befürchte, dass beide Seiten der Konfrontation nicht ausweichen wollen. Wie 1992 lehnen die Arbeitgeber den Schlichterspruch ab. Damals wurde zwölf Tage für die Durchsetzung des Schlichterspruchs gestreikt. Mit jedem Streiktag steigen die Erwartungen der Streikenden, die am Ende mehr wollen als im Schlichterspruch vorgesehen. Die Arbeitgeber akzeptierten schließlich, aber beide Seiten waren am Ende sauer.

Das befürchten Sie jetzt wieder?

Ja. In einem Arbeitskampf werden alle verlieren.

Ist die Streikbereitschaft unter den VerdiMitgliedern groß genug?

Nach meiner Kenntnis ja. Und jetzt, nach dem Schlichterspruch, wird sie noch größer. Auf der anderen Seite ist die Konfrontationsbereitschaft der Arbeitgeber ungewöhnlich groß. Das alles gibt Anlass zur Besorgnis, denn gerade in diesem schwierigen Jahr brauchen wir dringend einen Konsens.

Das Gespräch führte Alfons Frese.

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