Wirtschaft : Beim Agrar-Marketing in Sachsen-Anhalt herrscht dicke Luft

EBERHARD LÖBLICH

MAGDEBURG .Den Mohr, der seine Schuldigkeit getan hat, möchte Diethart Henning nicht spielen.Da geht er lieber rechtzeitig von selbst.Mit einem Blick zurück im Zorn hat Henning als Geschäftsführer der Agrarmarketing-Gesellschaft Sachsen-Anhalt (AMG) gekündigt.Die wohl erfolgreichste Landesgesellschaft zur Vermarktung ostdeutscher Produkte hat immer weniger politische Unterstützung erfahren, meint Henning."Die Ernährungsindustrie des Landes kann von einer Agrarmarketing-Gesellschaft zu Recht erwarten, daß wir ihr Angebote zur Verkaufsförderung unterbreiten", zieht der AMG-Chef Abschiedsbilanz."Aber für dieses Jahr, das bereits sieben Monate alt ist, wurde noch nicht einmal die Hälfte der von uns beantragten Projekte genehmigt."

Die Finanzmittel für Markenfleischprogramme wie das bei der Grünen Woche in Berlin erstmals präsentierte Strohschwein sowie für den Altmarkspargel seien zwar zügig genehmigt worden.Projekte, die aber den Veredlern, also der Ernährungsindustrie des Landes, zusätzliche Marktanteile im Westen bescheren sollten, liegen dagegen noch immer auf Eis.Dabei wären gerade diese Programme ungemein wichtig für Sachsen-Anhalt, das die höchste Arbeitslosenrate aller Bundesländer aufweist.Jedes Prozent mehr Marktanteil im Westen würde innerhalb der eigenen Landesgrenzen einen Zuwachs von 7000 Arbeitsplätzen bedeuten, haben Statistiker errechnet."Wir haben dennoch zuletzt nur noch reine Landwirtschaftsprogramme gemacht", klagt Henning.Und führt das auf die Politik zurück.

Angedeutet habe sich das bereits, als die grüne Umweltministerin Heidrun Heidecke, die seit 1996 auch für die Landwirtschaft zuständig war, die Bauern in ihr Boot zu holen versuchte.Aus ihrem Ministerium heraus wurden die Schwerpunkte der AMG immer mehr in Richtung Erzeugermarketing verschoben.Der Staatssekretär, der dies mit veranlaßt hat, ist jetzt selbst als Minister nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch für die AMG zuständig.Erfolglos bemühte sich das Wirtschaftsministerium, die AMG in die eigene Zuständigkeit zu bekommen.Ein Vorpreschen der Ernährungs- und Veredlungsindustrie des Landes im Westen, heißt es aus dem Wirtschaftsressort, käme schließlich auch den landwirtschaftlichen Erzeugern zugute."Wer das geschafft hat, was die von der AMG geschafft haben, den muß man eigentlich auf Händen durch die Welt tragen", schwärmt ein Wirtschaftsministerieller.Tatsächlich hat die Gesellschaft für Schlagzeilen und Filmberichte gesorgt, auch international.Die Weihnachtspaket-Aktion, die der damals stellvertretende AMG-Geschäftsführer Hasso Mansfeld unter dem Motto "Langsam ist es an der Zeit, sich beim Westen für die Pakete von damals zu bedanken" 1996 gestartet hatte, war ein voller Erfolg.Allein in der Weihnachtszeit 1996 gingen weit mehr als 100 000 Freßpakete mit Erzeugnissen der sachsen-anhaltischen Ernährungs- und Genußmittelindustrie in den Westen und ins Ausland.Die Branche verzeichnete traumhafte Zuwachsraten und profitiert von der Aktion bis heute."Allein im ersten Halbjahr 1998 konnte die Ernährungsindustrie einen Zuwachs von 19,5 Prozent verzeichnen", heißt es aus dem Wirtschaftsministerium."Und mit der Zahl der Arbeitsplätze liegt dieser Industriezweig sogar noch vor der Chemieindustrie."

Aber seit der Paketaktion sind keine neuen Vermarktungskampagnen für die Ernährungsindustrie mehr angeschoben worden.An den Mitarbeitern der AMG hat das nicht gelegen.Aber wenn sie jede einzelne Fahrtkostenabrechnung gegenüber der vorgesetzten Ministerialbürokratie in langen Aktenvermerken begründen müssen, wenn sie in Pflichtveröffentlichungen der Landesregierung nachlesen können, daß sie mit Abstand das Schlußlicht bei der Besoldung von Mitarbeitern in Landesgesellschaften sind, dann gehen Kreativität und Motivation verloren.Mansfeld, der Vater der Ostpakete-Aktion, hat bereits vor mehr als einem halben Jahr völlig entnervt das Handtuch geworfen.Er vermarktet jetzt Öko-Lebensmittel im Westen.

Auch die Nahrungs- und Genußmittelbranche selbst geht mittlerweile zum Agrarministerium auf Distanz."Entsprechend ihrer Möglichkeiten machen die AMG-Leute auch heute noch einen guten Job", heißt es aus Kreisen der Industrie."Das ändert aber nichts daran, daß wir als Ernährungsindustrie nur noch ein Anhängsel einer durch das Ministerium erzwungenden Ausrichtung der AMG auf die bäuerlichen Erzeuger sind." Manch ein Nahrungsmittelerzeuger versteht überhaupt nicht, warum er und seine Produkte beim Agrarressort angesiedelt sind.Die Rohstoffe der Magdeburger Kaffeerösters "Röstfein" stammen kaum von den Feldern Sachsen-Anhalts, und ähnlich geht es auch anderen namhaften Unternehmen."Wir verarbeiten zwar auch Zucker", heißt es zum Beispiel aus der Halloren-Schokoladenfabrik in Halle."Aber das ist wirklich die einzige Verbindung, die wir zur hiesigen Landwirtschaft haben."

Schon vor mehr als zwei Jahren hatte die Teilprivatisierung der AMG, also eine Beteiligung der Unternehmen der Ernährungsindustrie, auf der Tagesordnung gestanden.Vorangetrieben wurden derartige Planungen nie, denn für die Ressortleitung war die AMG stets auch ein willkommenes Instrument zur Befriedung der Bauern.Und von den drei Mill.DM, die die Landesregierung noch Anfang des Jahres als Sonderzuwendung für eine neue Marketingkampagne in den alten Bundesländern in Aussicht gestellt hatte, haben bislang weder die Unternehmen noch die AMG auch nur einen Pfennig gesehen.

Fast 20 namhafte Markenartikler haben sich deshalb jetzt zu einer "Initiative zur Gründung einer wirtschaftseigenen unabhängigen PR- und Marketinggesellschaft für die Ernährungsindustrie des Landes Sachsen-Anhalt" zusammengeschlossen.Bei der Gründung der Initiative haben die Unternehmen in einem Schreiben an Regierungschef Reinhard Höppner ihre Sorgen geschildert und ihn um eine konkrete Stellungnahme gebeten.Das war im Mai.Eine Antwort steht bis heute aus.

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