Wirtschaft : Beim Ritt auf dem Tiger muß man sich gut festhalten

HARALD MAASS

Deutsche Firmen denken nicht an einen Rückzug aus AsienVON HARALD MAASS PEKING.Überraschend ist es schon, wenn in diesen Tagen Spitzenmanager aus allen Branchen der deutschen Wirtschaft nach China aufbrechen.Von der Krisenstimmung, die seit einem halben Jahr die asiatische Region überschattet, ist im Vorfeld der "7.Asien-Pazifik-Konferenz der deutschen Wirtschaft", die in der kommenden Woche in Peking stattfindet, nichts zu spüren.Im Gegenteil: 750 Teilnehmer aus Politik und Wirtschaft haben sich angesagt - fast doppelt so viele wie vor zwei Jahren.Das Ende der asiatischen Turbulenzen? "Das wohl nicht", sagt Thomas Gindele vom Delegiertenbüro der deutschen Wirtschaft in Peking."Die Unternehmen wollen sich in der Region neu orientieren." Rund ein Achtel aller deutschen Exporte gehen nach Asien.In den kommenden Jahren, so rechnen Beobachter, wird sich dieser Anteil weiter erhöhen.Kein Wunder, daß sich das Teilnehmerverzeichnis der Asien-Pazifik-Konferenz, die alle zwei Jahre von den Außenhandelskammern organisiert wird, diesmal wie ein Who-Is-Who der deutschen Wirtschaft liest: Von der Allianz über BASF bis zu Volkswagen sind die Großen der deutschen Wirtschaft nicht nur vertreten, viele haben extra ihre Vorstandsmitglieder und ranghohen Manager geschickt.Mit im Flugzeug von Bundeswirtschaftsminister Günter Rexrodt, der am Dienstag die zweitägige Konferenz eröffnen wird, reist eine der größten Wirtschaftsdelegationen seit Jahren nach China. Die Diskussionen versprechen spannend zu werden.Seit man vor einem Jahr mit den Planungen für die Konferenz begann, hat sich die Situation in Asien drastisch verändert.Die Euphorie, mit der westliche Wirtschaftsnationen einst in Asien investiert haben, ist ins Gegenteil umgeschlagen.Nach dem Niedergang der "Tigerstaaten", dem Synonym für den Wirtschafts- und Wohlstandsboom einer ganzen Region, zogen sich Anleger wie Investoren erst einmal zurück.Man wartete ab, schaute zu.Die Geschwindigkeit, mit der Thailand, Indonesien und zum Teil auch Südkorea in der Krise versanken, war für viele ausländischen Unternehmer eine Warnung. Auch wenn es mittlerweile erste Anzeichen einer Besserung gibt, stabil ist die Lage in Asien keineswegs.Thailand, Indonesien und Südkorea - die es in der Krise am schwersten getroffen hat - werden praktisch nur noch durch Hilfskredite des Internationalen Währungsfonds vor dem Zusammenbruch bewahrt.Eine Studie der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) rechnet damit, daß die Wirtschaftsleistung in diesen Ländern 1998 schrumpfen wird.In Malaysia, den Philippinen, Hongkong und Taiwan wird es - wenn überhaupt - nur ein minimales Wachstum geben. Investoren sind deshalb weiter vorsichtig.Die Deutsche Bank, Siemens und andere Großfirmen haben in den vergangenen Monaten die Risikovorsorge in ihren Bilanzen um Milliardensummen erhöht, um sich gegen mögliche weitere Turbulenzen zu wappnen.Mit einer raschen Erholung der Region rechnet in den Vorstandsetagen niemand."Zwei bis drei Jahre", schätzt Siemens-Chef Heinrich von Pierer, werde die Krise noch andauern. Welchen Sinn macht es, ausgerechnet in diesen Zeiten eine Asienkonferenz abzuhalten? Die deutsche Industrie bemüht sich in Peking vor allem um eine Neuorientierung.Wie geht es weiter in Asien? War das "asiatische Wirtschaftswunder", das bis vor kurzem westliche Manager dazu verleitete, auf Seminaren Buddhismus und chinesisches Schattenboxen zu studieren, nur eine Seifenblase? Das Treffen in Peking soll ein Rückblick und Überblick sein."Es geht jetzt darum, die Fehler der vergangenen Jahre zu analysieren und Chancen für die weitere Entwicklung zu finden", sagt Gindele.Im Mittelpunkt der Konferenz steht nicht zufällig China.Das Riesenreich hat die Asienkrise bisher vergleichsweise gut verkraftet.Anders als die Nachbarländer hat Peking auch der Versuchung widerstanden und seine Währung nicht abgewertet Die meisten Analysten sind sich einig, daß China so ein Überschwappen der Krise nach Europa und die USA verhindert hat.Auch aus Deutschland mangelt es nicht an Lob..Ein "Fels in der Brandung" sei China in der Asienkrise, sagt Wirtschaftsminister Günter Rexrodt.Außenstaatssekretär Werner Hoyer spricht von einem chinesischen "Anker der Stabilität".Ganz uneigennützig war Chinas Standfestigkeit allerdings nicht.Peking wollte vor allem Hongkong schützen.Durch eine Abwertung des chinesischen Yuan wäre auch der an die US-Währung gebundene Hongkong-Dollar zusammengebrochen. Wie es in Asien weiter geht, wird sich (neben Japan) vor allem in China entscheiden.Der im März neu ernannte Regierungschef Zhu Rongji läßt zwar keine Gelegenheit aus, um zu beteuern, daß Peking nicht abwerten werde.Den Preis für die Stabilität zahlt jedoch die chinesische Exportindustrie.Durch die hohen Kurse sind chinesische Produkte in einigen Sparten um bis zu 30 Prozent teurer als etwa indonesische Konkurrenzgüter.Im ersten Quartal 1997 sank der Zuwachs der chinesischen Exporte um acht Prozentpunkte auf 12,8 Prozent.Die chinesische Gesamtwirtschaft blieb mit 7,2 Prozent Wachstum in den ersten drei Monaten des Jahres ebenfalls deutlich hinter den Erwartungen zurück. Auch in der deutschen Wirtschaft betrachtet man die Entwicklung im Reich der Mitte mit Vorsicht.Knapp drei Viertel aller deutschen Investitionen in Asien gingen im vergangenen Jahr nach China.Deutschland ist der mit Abstand größte europäische Handelspartner Chinas - nach Japan, USA, Hongkong, Korea und Taiwan weltweit die Nummer sechs.Das Chemieunternehmen BASF ist gerade dabei, in der südchinesischen Stadt Nanjing die größte Investition in seiner Firmengeschichte zu tätigen.Mit einem chinesischen Partner wird dort ein petrochemisches Werk im Wert von umgerechnet 5 Mrd.DM errichtet.Andere deutsche Firmen sind ähnlich stark engagiert.Siemens hat insgesamt 39 Joint-ventures in China gegründet.Der Elektronikriese erwartet im Mobiltelefonbereich und anderen Sparten in den nächsten Jahren "einen großen potentiellen Markt", sagt China-Manager Ernst Behrens. Den riesigen Markt zu erobern, das haben die Erfahrungen der vergangenen Jahre gezeigt, ist allerdings nicht einfach."Es ist ein Fehler zu glauben, daß es den einen chinesischen Markt gibt", sagt Jürgen Kracht von der Unternehmensberatung Fiducia.So groß China ist, so unterschiedlich seien auch die Märkte.Produkte die sich im wohlhabenden Schanghai gut verkaufen lassen, mögen für Käufer in der 3000 Kilometer entfernten Provinz Xinjiang viel zu teuer sein.China als ein Markt von 1,2 Milliarden homogenen Käufern ist für die meisten ausländischen Unternehmen ein Traum geblieben. Deutsche Unternehmer sind realistischer geworden: "Man hat sich mittlerweile besser auf das Land eingestellt, sucht sich seine Märkte genauer aus", sagt Gindele vom Pekinger Büro der deutschen Wirtschaft. Auch wenn fast alle über Korruption und Behördenwillkür, über Knebelverträge und mangelnde Freizügigkeit für ausländische Investoren klagen, würden einer Umfrage zufolge 94 Prozent der deutschen Firmen erneut in China investieren - wenn viele auch mit anderen Partnern und an anderen Standorten.An einen Rückzug aus Asien denkt in der deutschen Industrie jedenfalls niemand.Ulrich Cartellieri, Aufsichtsrat der Deutschen Bank, beschrieb die Stimmung am besten: "Wir haben immer gewußt, daß man sich beim Ritt auf dem Tiger gut festhalten muß."

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