Wirtschaft : Beispiel USA: Die Entwicklung eines Universalbankensystems

Walter Pfaeffle

Jahrzehntelang haben sich die amerikanischen Volksvertreter auf dem Kapitolshügel der USA-Hauptstadt Washington mit Händen und Füßen gegen die Konzentration im Geldgewerbe gesträubt. Im Herbst vergangenen Jahres mussten die letzten Verfechter des Trennbanken-Systems nun endgültig die Fahnen streichen. Mit dem am 12. November unterzeichneten Gesetz zog Präsident Bill Clinton einen Schlussstrich unter den aus den dreißiger Jahren stammenden Glass Steagall Act.

Dieses Gesetz hatte die Banken in den Vereinigten Staaten von Amerika trotz der freien Marktwirtschaft regulatorisch eingemauert. Es beschränkte die Aktivitäten der Geschäftsbanken auf das Einlagen-und Kreditgeschäft sowie auf den Zahlungsverkehr. Das Wertpapiergeschäft wurde abgetrennt und den Investmentbanken zugewiesen. Damit wollte der Gesetzgeber verhindern, dass die Banken und Millionen ihrer Kleinkunden im Falle eines Börsenkrachs zu wirtschaftlichem Schaden kommen.

Der so genannte McFadden Act von 1927, der das amerikanische Bankgeschäft über bundesstaatliche Grenzen hinweg reglementierte, wurde 1933 dahingehend novelliert, dass Banken nur noch in den Staaten ihres Sitzes ihre gesamten Dienstleistungen anbieten durften. Dies hatte zur Folge, dass sich in den USA eine regelrechte Banken-Kleinstaaterei mit 13 000 Geschäftsbanken aller Größenordungen entwickelte. Darüber entstand eine Aufsichtsbürokratie, die sich in ihren Kompetenzen überschnittt und die in ihren Zielsetzungen nicht immer mit einer Stimme sprach.

Dann kam Ende der siebziger Jahre der grosse Umbruch. Kaum zeichnete sich das Ende der Rezession von 1981/82 ab, da setzten mit der Zahlungskrise in Mexiko die Liquiditäsprobleme der Dritten Welt ein, die die US-Banken Milliarden-Summen kosteten. Es folgte eine Finanzkrise in Texas und anderen Ölstaaten wegen des Zusammenbruchs der Energiepreise. Und gegen Ende des Jahrzehnts zitterten die Banken um ihre Immobilienengagements. Parallel dazu wurde die starke Stellung der Geschäftsbanken von allen Seiten untergraben. Nicht nur wurde den Sparkassen das Eindringen in traditionelle Bankgeschäfte gestattet, sondern auch Investmentsbanken, Finanzsupermärkte und Unternehmen schnitten sich Scheiben des Bankkuchens ab.

Durch ein Loch des Glass-Steagall-Gesetzes schlüpften die sogenannten "Nicht-Banken", also Unternehmen, die zusätzlich Bankgeschäfte betreiben wie General Electric und Ford Motor Company. Überdies machte sich die Konkurrenz durch Großbanken aus Japan und Europa auch in den USA immer stärker bemerkbar. Mit der wachsenden Globalisierung begannen die Traditionalisten im Kongress ihren Einfluss zu verlieren.

Mit Unterstützung der Notenbank Federal Reserve unter ihrem Vorsitzenden Alan Greenspan drängten die Reformer auf die Rückkehr der Banken ins Wertpapiergeschäft. Nicht zuletzt als Folge der Sparkassenkrise der achziger Jahre kam es zu einer Welle von Zusammenschlüssen, die längst nicht abgeschlossen ist. Und in den neunziger Jahren begannen sich Großbanken nach Partnern umzuschauen.

Die Chemical Bank übernahm die Manufacturers Hanover Bank und fusionierte gleich darauf mit der Chase Manhattan Bank. Letztes Jahr schlossen sich Citicorp und der Versicherungs- und Maklerkonzern Travelers Group zur Citigroup zusammen. Das war die bis dahin größte Firmenfusion. Im Februar gab Merrill Lynch, das führende Maklerunternehmen, die Einführung von Bankdienstleistungen aller Art bekannt, einschließlich zinsbringenden Girokonten.

Die von Präsident Clinton unterzeichnete Bankenreform dürfte die Konzentrationswelle im amerikanischen Geldgewerbe weiter beschleunigen. Banken, Versicherer und Makler in den Vereinigten Staaten dürfen jetzt auch das Geschäft der beiden anderen Sparten betreiben. Der Glass-Steagall Act aus den dreißiger Jahren ist damit weitgehend außer Kraft gesetzt.

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