Wirtschaft : Berlin AG: Für den Senat ist die KPM ein unverzichtbares Kulturgut

Dagmar Rosenfeld

Auf dem Rand des weißen Porzellantellers glänzen in goldener Handschrift die Worte Wärme, Freude, Charme, Sinnlichkeit. Der Teller mit den weichen, wohlklingenden Worten gehört zu der neuen Service-Kollektion "Berlin" mit der die alteingesessene Königliche Porzellanmanufaktur Berlin (KPM) ins junge Jahrhundert startet. Insgesamt 300 positiv besetzte Begriffe zieren Terinnen, Tassen und Schalen der Berlin Serie - modernes Lebensgefühl schriftlich fixiert auf porzellanenem Untergrund. "Positives Denken passt auch zu unserer Unternehmenssituation", sagt Bernd Hollmann, der im Juli 2000 die Geschäftsführung der KPM übernommen hat. Vor zwei Jahren drohten die Lichter in den Produktionshallen des ältesten Berliner Industriebetriebs für immer zu erlöschen und bis heute steckt die KPM tief in den roten Zahlen.

Die finanzielle Misere der Königlichen Manufaktur begann vor zehn Jahren. Die Wiedervereinigung und die Öffnung der Märkte nach Osteuropa führten zu drastischen Veränderungen auf dem deutschen Porzellanmarkt. "Die starke Porzellanindustrie in den neuen Bundesländern, allen voran Meissen, hat die KPM unter Druck gesetzt", erklärt Hollmann. Zeitgleich sank die Nachfrage und Importe aus dem asiatischen Raum sorgten zusätzlich für einen rapiden Preisverfall. Das Land Berlin, zu diesem Zeitpunkt alleiniger Gesellschafter der KPM, half mit finanziellen Zuschüssen: Der Senat erhöhte 1993 das Stammkapital von 15 auf 20 Millionen Mark, 1996 wurde nochmals um 13 Millionen Mark aufgestockt. Zudem verordnete das Land der angeschlagenen Manufaktur ein tiefgreifendes Sanierungsprogramm: Die Belegschaft wurde um die Hälfte reduziert, Teile des nicht betriebsnotwendigen Geländes verkauft und mit der Erneuerung der veralteten Fertigungsmaschinen begonnen. Doch durchschlagende Erfolge blieben aus. Die Kosten stiegen ins uferlose, so dass Mitte 1999 die Erneuerung der Produktionsanlagen gestoppt wurde.

Die KPM sterben lassen, das wollte niemand. Patricia Neis von der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft und Technologie führt "historisch-emotionale" Beweggründe an: Die Manufaktur, die Preußenkönig Friedrich II. 1763 für 225 000 Reichstaler erworben hatte, sei ein erhaltenswertes und unverzichtbares Kulturgut. Die KPM sollte allerdings nicht in private Hände gelangen und wurde deshalb im Juli 2000 an die zur Landesbank gehörige Investitionsbank Berlin (IBB) übergeben. Der Senat, jetzt mittelbarer Eigner der KPM, hofft durch die Veräußerung auf eine langfristige Konsolidierung der Porzellanmanufaktur.

Trotz großer Vergangenheit und dem langjährigem Dasein als staatliches Zuschuß-Unternehmen will Hollmann die KPM nicht nur als kulturell wertvollen Handwerksbetrieb mit Museumscharakter verstanden wissen. Sein Ziel ist, aus der altehrwürdigen Porzellanmanufaktur ein profitables Unternehmen zu machen. Dabei treiben ihn weniger historische Sentimentalitäten als nüchterner Geschäftssinn. Denn Hollmann hat als Unternehmensberater im Auftrag der IBB das Sanierungsprogramm erstellt und soll nun als KPM-Geschäftsführer sein Konzept auch umsetzen. "Zusammen mit der IBB können wir es schaffen, in fünf Jahren schwarze Zahlen zu schreiben", sagt Hollmann. Der erste Schritt in eine bessere Zukunft war die Umstruktierung der KPM. Das Immobiliengeschäft, darunter fallen der Verkauf des restlichen nicht betriebsnotwendigen Grundstückes und die Sanierung des Produktionsgeländes, wurde ausgegliedert. "Der lebensfähige Teil der KPM ist das operative Geschäft und auf den müssen wir uns jetzt konzentrieren", sagt Bernd Hollmann.

Das bedeutet für den ehrgeizigen Geschäftsführer Ärmel hochkrempeln und zupacken, denn das alte Management der KPM hat einiges versäumt. "Das Marketing steckt noch in den Kinderschuhen, der Nachholbedarf ist gigantisch", erklärt Hollmann. Sein Ziel ist es, KPM als Marke international zu etablieren. Dazu bedürfe es einer differenzierten und vor allem kontinuierlichen Marketingstrategie. Gerade an Kontinuität habe es in der Geschäftsetage der Königlichen Manufaktur aber in den letzten zehn Jahren gemangelt. Das Führungszepter sei im Zwölf-Monats-Rythmus weitergereicht worden, wobei auf dem Chefsessel keineswegs die Idealbesetzung gethront habe. "Den meisten hat die nötige Nähe zum Markt gefehlt", urteilt Hollmann.

Die Vertriebsmethoden der Königlichen Manufaktur haben sich seit dem 19. Jahrhundert kaum verändert, und so steht die Neuausrichtung der Vertriebswege auf Hollmanns Aufgabenliste ganz oben. Der Fachhandel und das Exportgeschäft seien sträflich vernachlässigt worden: "Wir bieten Luxusartikel an und haben eine Exportquote von unter fünf Prozent, das ist eine Todsünde." Ebenso hätten seine Vorgänger dem Fachhandel die kalte Schulter gezeigt und den Verkauf fast exklusiv über die KPM-eigenen Galerien betrieben. "Dabei hängen 70 Prozent der Produktion vom Fachhandel ab", sagt Hollmann. Und auch die Präsentation des Porzellans in den wenigen Fachgeschäften und Kaufhäusern lasse zu wünschen übrig: Die KPM-Ware steht versteckt in der hintersten Ecke und an den Regalen sind keine Herstellerschilder angebracht. Die Markenschilder, die in den Verkaufsstellen fehlen, hat Hollmann vor kurzem in den Kellerräumen der KPM gefunden - verstaubt und unberührt.

Hollmanns Konzept zielt darauf, die KPM fit für die Privatwirtschaft zu machen: "Wir agieren schon jetzt so, als ob die IBB ein privater Investor wäre." Seine Vision: In ein paar Jahren soll die KPM in der Lage sein, strategische Allianzen mit privaten Minderheitsgesellschaftern zu schließen.

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