Wirtschaft : Berlin-Chemie schließt Börsengang nicht aus

Maren Peters

Der designierte Vorstandsvorsitzende der Berlin-Chemie schließt einen Börsengang des Unternehmen nicht aus. "Langfristig kann ich mir das schon vorstellen", sagte Reinhard Uppenkamp dem Tagesspiegel. Allerdings werde dies nicht in den nächsten fünf Jahren passieren.

Der Chemiker, der seit vier Jahren als stellvertretender Vorstandsvorsitzender den Geschäftsbereich Pharma Deutschland geleitet hatte, wird das Amt am 1. Januar von seinem Vorgänger Hansjürgen Nelde übernehmen. Mit dem gebürtigen Düsseldorfer, der zuvor für die Pharmaunternehmen Hoechst, Schwarz Pharma und Madaus gearbeitet hat, rückt zum ersten Mal ein Westdeutscher an die Spitze des ehemaligen Ost-Kombinats.

Berlin-Chemie führt neben dem zweiten großen Pharmakonzern der Stadt, der im Dax notierten Schering AG, ein Schattendasein. Die frühere VEB Berlin-Chemie gehört seit 1992 zur italienischen Menarini-Gruppe und hat in den neunziger Jahren eine harte Umstrukturierung durchgemacht. Im Gegensatz zur Schering AG, die ein Nischenanbieter mit Schwerpunkt Hormonprodukte, Zentrales Nervensystem und Onkologie ist, bietet die Berlin-Chemie - als Mitglied einer großen Pharmagruppe - ein sehr breites Spektrum von Medikamenten an, das von Herz-Kreislauf-Pillen über Diabetikermittel bis zu Antibiotika reicht. Und anders als Schering, das als börsennotiertes Unternehmen regelmäßig Quartalsberichte veröffentlicht, geht der Ost-Berliner Wettbewerber nur selten an die Öffentlichkeit. "Die Menarini-Gruppe hält es wie Porsche eher mit dem langfristigen Denken", sagte Uppenkamp. "Wir wollen uns nicht der Hektik der Quartalsberichte unterwerfen."

Der neue Berlin-Chemie-Chef hat sich vorgenommen, das ehrgeizige Wachstumstempo auch in den kommenden Jahren beizubehalten. "Wir werden auch im Jahre 2002 definitiv zweistellig wachsen." Auch in diesem Jahr werde der Konzern den Umsatz zweistellig auf über 630 Millionen Mark steigern. Im vergangenen Jahr hatte die Berlin-Chemie rund 470 Millionen Mark umgesetzt.

Den Gewinn veröffentlicht der Konzern nicht. Dabei solle es auch in Zukunft bleiben, sagt Uppenkamp. Nur so viel: "Wir reinvestieren jede Mark in das Unternehmen." Besonders viel Geld werde für die Weiterbildung der Mitarbeiter ausgegeben. Die Zahl der Beschäftigten soll auch im kommenden Jahr wachsen: Ende 2002 werde das Unternehmen 2500 Mitarbeiter beschäftigen, zurzeit sind es 2200, davon rund 1200 in Berlin.

Berlin-Chemie will in den nächsten Jahren zwei bis drei neue Produkte auf den Markt bringen. Für ein Pharma-Unternehmen ist das viel. So werde im zweiten Quartal 2002 ein Herz-Kreislauf-Produkt eingeführt und spätestens zu Beginn des dritten Quartals ein Präparat gegen Migräne, für das die Berlin-Chemie den europäischen Vertrieb übernehme. Umsatzstärkstes Medikament ist der Betablocker Nebulet mit einem Umsatzanteil von fast zehn Prozent.

Zurzeit ist die Berlin-Chemie die Nummer 24 unter den deutschen Pharmaunternehmen. Uppenkamp hat sich vorgenommen, bis 2007 unter die ersten Zehn zu rücken.

Innerhalb der Menarini-Gruppe konzentriert sich die Berlin-Chemie auf Deutschland und die osteuropäischen Länder. "Hier wird auch im nächsten Jahr unsere Priorität liegen", sagte Uppenkamp. "Wir sehen uns als Brückenkopf zu Osteuropa." Vor allem in dieser Region erwartet Uppenkamp starke Zuwachsraten. Allein in Russland will das Unternehmen im kommenden Jahr "weit über 100 Million Mark" umsetzen. In Osteuropa strebt das Unternehmen in diesem Jahr insgesamt einen Umsatz von 280 Millionen Mark an, im kommenden Jahr sollen es weit über 300 Millionen werden. Langfristig will Uppenkamp auch Indien und China in Angriff nehmen, auch wenn diese Länder, wie er einräumt, "sehr schwierige Märkte mit ganz anderen Strukturen" haben.

Bei den Wachstumsaussichten in Deutschland ist der neue Berlin-Chemie-Chef zurückhaltender. Das soeben verabschiedete Gesundheitssparpaket von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hält er für nicht sehr gelungen und zu kurzfristig. Uppenkamp plädiert für langfristige Ansätze. "Die Idee eines runden Tisches, an dem sich alle Beteiligten zusammensetzen, halte ich für prinzipiell richtig", sagt er. "Wir müssen zunächst einmal die Frage klären, wie viel Gesundheit wir brauchen." Der Pharmachef plädiert für eine "Abkehr vom generellen Kollektivgedanken" und eine Trennung in eine Grundversorgung, die allen Versicherten zukommt, und Individualleistungen, die selbst zu bezahlen sind. "Beim Zahnersatz bezahlt man seine Goldkronen ja auch selbst", sagt Uppenkamp.

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