Wirtschaft : Berlin gesundet

Von der Apotheke bis zur Biotechnologie: Die Branche rechnet bis 2020 mit 30 000 neuen Arbeitsplätzen in der Region

Yasmin El-Sharif

Berlin - Bert Rürup will mit einem Mythos aufräumen. „Es gibt den Mythos des Job- und Beschäftigungsmotors in der Gesundheitswirtschaft“, sagt der Chef der fünf Wirtschaftsweisen. Verlässliche Daten dazu gebe es aber bislang nicht. Seit Mittwoch soll das anders sein: Eine neue Studie, die Wissenschaftler seines Lehrstuhls an der Technischen Universität verfasst haben, belegt die Chancen des Medizinsektors. „Die Ergebnisse zeigen, dass es sich bei der Gesundheitswirtschaft in Berlin und Brandenburg um eine Zukunftsbranche handelt“, sagte Rürup.

Kernaussage der Untersuchung ist, dass die Zahl der Beschäftigten in der Region bis zum Jahr 2020 um rund 30 000 auf dann 374 100 steigen soll. Auch die Wertschöpfung, also der Wert der hier hergestellten Produkte und Dienstleistungen, werde um rund drei auf mehr als 15 Milliarden Euro steigen. „Die Entscheidung der Länder Berlin und Brandenburg, Gesundheit zu einem Schwerpunkt der regionalen Wirtschaft zu machen, zahlt sich aus“, sagte Günter Stock, Sprecher des Netzwerks Gesundheitswirtschaft Berlin-Brandenburg.

Laut Studie hat die Zahl der Erwerbstätigen im Gesundheitssektor in der Region bereits zwischen 1996 und 2004 um 30 000 Menschen auf insgesamt 344 500 zugenommen. Die Wertschöpfung in Berlin-Brandenburg sei in diesem Zeitraum um mehr als 20 Prozent auf 12,3 Milliarden Euro gewachsen. Im bundesweiten Durchschnitt sei der Gesundheitssektor allerdings noch stärker gewachsen – und zwar um mehr als 30 Prozent auf rund 189 Milliarden Euro im Jahr 2004. Aktuellere Zahlen gibt es derzeit nicht.

Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) machte deutlich, dass die Länder Berlin und Brandenburg noch etwas aufzuholen hätten. „Wir bilden bundesweite Trends nach, aber wir liegen noch leicht unter dem Durchschnitt“, sagte er. Zwar habe sich das Gesundheitswesen, also der Betrieb von Krankenhäusern, Reha- und Pflegeeinrichtungen sowie die Wissenschaft und Forschung als Triebkraft der wirtschaftlichen Entwicklung hervorgetan. Industrie und Handel seien in der regionalen Gesundheitswirtschaft aber noch unterrepräsentiert.

„Mehr Wertschöpfung gibt es nur, wenn wir über die Region hinaus Dienstleistungen erbringen“, sagte Sarrazin. Außerdem müssten Berlin und Brandenburg weiterhin in die Felder Medizintechnik und Biotechnologie investieren. „Daneben ist es nötig, dass wir mehr Patienten von außen zu uns bringen“, sagte der Finanzsenator. Daran sei auch das Land Berlin als wichtiger „Gesundheitsunternehmer“ interessiert – schließlich sind die großen Klinikkonzerne Vivantes und Charité noch immer im Landesbesitz.

Gerade weil das Gesundheitswesen in Berlin und Brandenburg stark ausgeprägt ist, sieht die Studie die Chancen für einen überdurchschnittlichen Zuwachs an Beschäftigung in den kommenden Jahren. Denn etwa in der Pflege und in der Forschung werde voraussichtlich mehr Personal benötigt. Allerdings dürfte sich die Gesundheitsindustrie etwas schwächer entwickeln als im Rest der Republik – eine Folge des Stellenabbaus etwa bei Bayer-Schering Pharma und des ohnehin schwachen Industriesektors in Berlin und Brandenburg. Insgesamt werde die Wirtschaftskraft der Gesundheitsbranche daher etwas verhaltener wachsen als in anderen Regionen.

Jan Eder, Hauptgeschäftsführer der IHK Berlin, machte deshalb deutlich, dass um die Ansiedlung neuer Industrien stärker geworben werden müsse. „Wir haben zwar große Firmen und Technologieparks, aber das sind keine Selbstläufer“, warnte er. Eder forderte eine stärkere Zusammenarbeit der Länder, um die Region insgesamt besser vertreten zu können. „Was wir brauchen ist eine abgestimmte Förderpolitik.“

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