Wirtschaft : Berlin hat Innovationskraft

Die Hauptstadt erreicht Platz zwei im EU-Vergleich – hinter Baden-Württemberg / Hochwertige Dienstleistungen wachsen stark

-

Düsseldorf - Berlin ist einer der innovationsstärksten Standorte in Europa. Das belegt ein Innovationsindex, den das Statistische Landesamt Baden-Württemberg in diesem Jahr zum zweiten Mal nach 2004 berechnet hat. Der Index, der dem Handelsblatt bereits vorliegt, wird an diesem Montag veröffentlicht.

Danach zählen die deutschen Bundesländer insgesamt zu den innovationsfähigsten Regionen der Europäischen Union. Unter den 20 bestplatzierten Regionen sind allein elf deutsche Länder. Auf Platz eins im europäischen Gesamtvergleich: Baden-Württemberg.

„Zu den Stärken der erfolgreichen deutschen Flächenländer im internationalen Vergleich zählt vor allem die große Zahl ihrer Patentanmeldungen, ihre hohe Forschungsintensität und der hohe Anteil der High-Tech-Industrie an der gesamten Wirtschaft“, sagt Ulrike Winkelmann, die den Index berechnet hat. So betrage der Anteil der Forschungs- und Entwicklungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland 2,5 Prozent, in Spanien hingegen etwa nur ein Prozent. In Baden-Württemberg – vor Berlin und der französischen Hauptstadtregion Ile de France die innovationsfähigste Region in der EU – liegt der Anteil mit 3,9 Prozent deutlich über dem Bundesdurchschnitt.

Dass Berlin mit seiner hohen Dichte innovativer Technologiefirmen besonderes Wachstumspotenzial hat, wird auch von internationalen Konzernen wie Microsoft bestätigt. „Berlin wächst schneller als andere Standorte“, sagte Werner Leibrandt, Direktor Mittelstand in der deutschen Niederlassung des weltgrößten Softwarekonzerns, dem Tagesspiegel. Gerade im Mittelstand zeichne sich die deutsche Hauptstadtregion durch hochwertige Dienstleistungen und innovationsstarke Neugründungen aus.

Martin Lindner, Vorsitzender der FDP-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, sagte dieser Zeitung, das Ergebnis der Studie zeige, wozu die Berliner Wirtschaft bei „vernünftigen Standortbedingungen“ fähig wäre. Denn das Innovationspotential stehe in keinem Verhältnis zur Arbeitslosenquote. Würden die Schulen besser und die Gebühren niedriger, könnte sich die Innovationsfähigkeit noch viel stärker auswirken.

Die baden-württembergischen Statistiker haben insgesamt 68 EU-Regionen betrachtet. Große Staaten wie Deutschland oder Italien wurden in Regionen unterteilt, die den deutschen Bundesländern entsprechen. Sechs Indikatoren, darunter die Ausgaben für Forschung und Entwicklung im Verhältnis zum BIP, der Anteil der Erwerbstätigen in der industriellen Hochtechnologie sowie die Zahl der Patentanmeldungen beim Europäischen Patentamt je eine Million Einwohner, gingen in den Index ein.

An aussichtsreichen Ideen mangelt es in Deutschland nicht. Das belegen neben dem Innovationsindex auch Zahlen des Europäischen Patentamtes, wonach 2005 knapp 20 Prozent aller weltweiten Patentanmeldungen aus Deutschland kamen. Nur die USA lieferten mit gut einem Viertel aller Patentanmeldungen mehr Ideen. Gleiches gilt für die im vergangenen Jahr tatsächlich erteilten Patente.

Diese Erfolge können allerdings nicht über einen großen Mangel hinwegtäuschen: Hierzulande hapert es an der Durchsetzungskraft. Das geht aus anderen internationalen Vergleichsstudien hervor. So verwies das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Deutschland in seiner letztjährigen Untersuchung in puncto Innovationen nur auf einen Platz im Mittelfeld. Das mäßige Abschneiden der größten europäischen Volkswirtschaft habe vor allem einen Grund: Am Standort Deutschland gelangen viele Erfindungen nicht zur Marktreife, das Geldverdienen übernehme häufig die ausländische Konkurrenz.

Prominentes Beispiel: die MP3-Technologie. Das von der Frauenhofer Gesellschaft (FhG) in Erlangen entwickelte Produkt habe in Deutschland kein Unternehmen begeistern können, nun machten US-Konzerne wie Apple das große Geschäft mit dem digitalen Musik-Player iPod, der die MP3-Technologie einsetzt. „Während die FhG im vergangenen Jahr 100 Millionen Euro Lizenzerträge bekam, betrug der Apple-Reingewinn 1,5 Milliarden Euro – maßgeblich dank des iPods“, meint Koppel.

Zweiter Fall: der Transrapid. Das Gemeinschaftsprodukt von Siemens und Thyssen-Krupp verkehrt seit Anfang 2004 fahrplanmäßig in China, zwischen Shanghai und dem Flughafen Pudong – nicht aber im Land der Erfinder Deutschland. Hiesige Unternehmen müssten Rahmenbedingungen hinnehmen, die schlechter als im internationalen Vergleich seien, sagt IW-Wissenschaftler Koppel. Vor allem kleine Betriebe würden bei ihren Innovationsanstrengungen behindert, wenn sie sich mit aufwändigen Projektanträgen um Gelder aus genau definierten Fördertöpfen bewerben müssten.

Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, das kürzlich sein Innovations-Ranking vorlegte, zählt das Bildungssystem, mangelndes Risikokapital und eine zu geringe Partizipation von Frauen am Innovationsprozess zu den Schwächen Deutschlands. Weltspitze seien deutsche Firmen bei der Produktion von Hochtechnologie, vor allem in der Autoindustrie, im Maschinenbau und in der Elektrotechnik. doh (HB)/mot/wvb

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben