Wirtschaft : Berlin liegt doch so nah

Polen gründen Betriebe in der Stadt – und sind als Konsumenten genauso gefragt

Daniel Rhée-Piening
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„Polen“, davon ist Christoph Lang, Sprecher von Berlin Partner, überzeugt, „ist ganz wichtig für Berlin.“ Die wirtschaftlichen Verflechtungen seien eng, die Polen wichtig, sowohl als Arbeitgeber als auch als Konsumenten. Und Lang fügt hinzu: „Wir bedauern, dass für polnische Arbeitnehmer in Deutschland noch nicht die volle Freizügigkeit gilt.“ Polen können in der Regel nicht als Angestellte arbeiten. Der Polnische Sozialrat in Berlin schätzt, dass 40 000 bis 50 000 Menschen mit polnischem Pass dauerhaft in Berlin leben. Es sind längst nicht mehr nur Angelernte oder Hilfskräfte auf dem Bau. Designer, Softwarespezialisten oder Architekten sind darunter. Die Polen sind mittlerweile die zweitgrößte ausländische Bevölkerungsgruppe in Berlin.

Auch große Konzerne wie etwa Orlen (Tankstellen) haben sich engagiert. Dabei sind aber auch Betriebe aus der Konfektionsbranche und ein Hersteller von Warenetiketten beispielsweise. „Die Polen kommen auch, um hier die Gepflogenheiten in der EU zu lernen“, sagt Lang. In Polen nehme man manchmal die EU-Vorschriften nicht so genau, Berlin sei da der richtige Testmarkt.

Und dann stellen die polnischen Unternehmer fest: Berlin ist in manchen Bereichen preiswerter als Warschau. Bei Wohnungen etwa. Aber auch qualifizierte Arbeitskräfte erhalten in Polen inzwischen die gleichen Gehälter wie an der Spree. Solaris, der polnische Bushersteller und seit 1994 Jahren in Berlin, hat deshalb für die Gestaltung seiner jüngsten Busreihe ein Berliner Designbüro beauftragt. Das konnte beim Preis mit der polnischen Konkurrenz mithalten. Firmen kommen auch aus der Modebranche. Entworfen wird jetzt in Berlin.

Ende des vergangenen Jahres zählte die Industrie- und Handelskammer mehr als 4500 polnische Unternehmen in Berlin. Meistens handelt es sich um kleine oder mittelständische Betriebe. Die Polen liegen damit hinter den Türken auf Platz zwei bei den nichtdeutschen Unternehmern. Auch jeder zehnte selbstständige Handwerker in der Stadt ist inzwischen Pole. Fast 2500 Handwerksbetriebe zählte die Kammer zu Beginn dieses Jahres. Deutschlandweit haben Polen seit dem EU-Beitritt ihres Landes 2004 weit mehr als 500 Millionen Euro investiert. Und schließlich fallen die polnischen Konsumenten ins Auge. Ihnen gefolgt sind deren einheimische Läden. „Smyk“ zum Beispiel, eine Kette für Kinderartikel, die bereits im Einkaufzentrum Schloss in Steglitz vertreten ist. Oder auch „Bytom“. Vor zwei Jahren eröffnete der Anbieter von Konfektion ein Ladenlokal am Kurfürstendamm auch er ist inzwischen im Schloss vertreten.

Die Aussichten sind also gut, nicht zuletzt, weil die polnische Wirtschaft zu den dynamischsten in der EU zählt. Wachstumsraten von etwa sechs Prozent wurden zuletzt erreicht. Einer der Wachstumsmotoren ist dabei die private Nachfrage. Größter Profiteur dieser erfreulichen Entwicklung: Deutschland, das nach wie vor mit Abstand Polens wichtigster Handelspartner ist. 2005 (neue Zahlen liegen nicht vor) gingen knapp 28 Prozent der polnischen Ausfuhren – also Waren für mehr als 16 Milliarden Euro – nach Deutschland, während rund 24 Prozent der polnischen Einfuhren (fast 22 Milliarden Euro) aus Deutschland kommen. Auch Berlin hatte im vergangenen Jahr einen leichten Ausfuhrüberschuss. Für 555,2 Millionen Euro wurden Waren nach Polen ausgeführt und von dort Waren im Wert von 542,2 Millionen Euro bezogen. Daniel Rhée-Piening

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