Wirtschaft : "Berlin muß Film und Fernsehen ernster nehmen"

Am 30. August wird das Medienzentrum von Sat 1 in Berlin eröffnet. Wie wurde Sat 1 in Berlin willkommen geheißen? KOGEL: An der Grundsatzentscheidung, nach Berlin zu gehen, ist nicht zu zweifeln. Sie war richtig. Ein Fernsehsender ist in Berlin am richtigen Ort. Aber: An anderen Medienstandorten werden wir mit dem roten Teppich empfangen, wenn es um Produktions- und Investitionsvorhaben geht. Hier in Berlin ist es weniger der rote Teppich als das Linoleum der Vorzimmer, das man in Erinnerung behält. Wir haben 275 Mill. DM in das Medienzentrum investiert, wir geben pro Jahr zwischen 300 und 350 Mill. DM für TV-Produktionen in Berlin aus, und wir haben rund 800 neue Arbeitsplätze allein hier im Sender geschaffen. Dafür könnte man zumindest ein Entgegenkommen erwarten. Was heißt das? KOGEL: Zum einen reden wir schon seit Jahren über eine zentrale Anlaufstelle beim Senat für Film- und Fernsehproduktionen. In Berlin geht das immer noch über verschiedene Ämter. Das kann man einem Berliner Produzenten gerade noch erklären, aber keinem Amerikaner, der hier eine internationale Koproduktion realisieren will. Zum anderen stoßen wir bei der Film- und Fernsehförderung auf Schwierigkeiten, die wir aus anderen Bundesländern nicht kennen.HOFMANN: In Bayern oder Nordrhein-Westfalen hat der Produzent einen Marketing-Berater, der ihm bei der Suche nach den richtigen Motiven hilft. Hier in Berlin gibt es das nur ansatzweise. Dabei wäre das doch eine echte Aufgabe zum Beispiel für "Partner für Berlin". Wenn man Berlin in vielen Filmen und Produktionen sieht, wird dadurch auch das Interesse an der Stadt gestärkt. Dazu kommt das Desaster der Filmförderung. Das Filmboard Berlin-Brandenburg hat ein jährliches Volumen von 30 Mill. DM, die Bayern haben 50 Mill., die Filmstiftung Nordrhein-Westfalen 70 Mill. Die Förderung ist eine Beihilfe, ohne die bestimmte Projekte nicht in Berlin gedreht werden könnten. Nur sie ist viel zu gering. Welche Projekte? HOFMANN: Wir wollen zum Beispiel für Sat 1 den Zweiteiler "Der Tunnel" produzieren. Der Film kostet elf Mill. DM. Es ist ein Berliner Stoff und thematisiert den legendären Bau eines Fluchttunnels von Ost nach West vor dem Mauerbau. Um den Film wirklich in Berlin machen zu können, müßte uns das Filmboard mit zwei Mill. DM unterstützen. Im Augenblick ist das aber nicht absehbar, weil eine Haushaltsperre und die finanzielle Lage Berlins dies angeblich nicht zulassen. Kann man denn keine vernünftigen Fernseh- und Kinofilme drehen, ohne daß man gefördert wird? HOFMANN: Ein so großes und hochklassiges Projekt beruht auf einer Mischfinanzierung. Klaus Keil, der Chef des Filmboards, hat uns nicht sagen können, ob es zu einer Förderung kommt. Fred Kogel und ich prüfen jetzt, ob wir den "Tunnel" teilweise in Tschechien drehen, oder die zwei Mill. DM Förderung beim Film-Fernseh-Fonds Bayern beantragen und in bayerischen Studios drehen und dort Teile von Berlin nachbauen. Das ist doch absurd. Welchen Unterschied würde es denn machen, ob Sie einen Film wie den "Tunnel" in Berlin oder in Tschechien drehen? HOFMANN: Strenggenommen gibt es da keinen Unterschied. Die Produktion dort ist nur mit einem erheblich größeren Kraft- und Zeitaufwand verbunden. Und: Alle gelder und alle Arbeitsplätze würden eben aus Berlin abgezogen. Sie hätten den Kostenvorteil... HOFMANN: Möglicherweise, aber genau das ist ja das Problem. Sat 1 könnte ja sagen, 300 Mill. DM werden nicht mehr in der Region Berlin-Brandenburg ausgegeben, sondern anderswo. So kalkuliert die zum Beispiel die Automobilindustrie. Aber der Gedanke, den "Tunnel" in Tschechien zu produzieren, widerstrebt mir unter kreativen Gesichtspunkten total. Der größte Berliner Sender Sat 1 will mit einem Berliner Produzenten ein Berliner Thema produzieren, und das in Berlin.KOGEL: Hier liegt der große Unterschied zwischen einem Automobilhersteller und einem Film-Produzenten. Wir haben es mit der Kreativität von Menschen zu tun, die sich unmittelbar auf das Werk auswirkt. Die Rechnung von Sat 1 geht also so: Der Sender zahlt drei Mill. DM jährlich an das Filmboard und erwartet dafür eine Förderung von sechs, sieben und mehr Millionen. KOGEL: Das Prinzip ist nicht von uns erfunden. Aber sonst könnten wir die drei Mill. auch gleich selber ausgeben. Erst die Subvention der öffentlichen Hand läßt Sender und Produzenten lokalpatriotisch denken? KOGEL: Nein. "Der Tunnel" gehört einfach nach Berlin, so wie "Der König von St. Pauli" in Hamburg hätte gedreht werden müssen. Er ist aber in München produziert worden. Beide Fälle haben doch groteske Züge. Wir bekommen Avancen von anderen Medienstandorten, aber keine Avancen von den natürlichen Standorten: eben Berlin und Hamburg. "Der Tunnel" und "Der König von St. Pauli" sind herausgehobene Projekte, mit denen sich ein Standort ausweisen kann, Projekte, die weitere Investitionen nach sich ziehen. Sat 1 produziert in der Region für für über 300 Mill. DM, umgekehrt machen die hier erlösten Werbeeinnahmen gerade mal 1,4 Prozent unseres gesamten Werbeerlöses von 1,7 Mill. DM aus. Wir machen freiwillig seit Jahren enorme Berlin-Förderung.HOFMANN: Die Berliner Produzenten wollen natürlich mehr als nur die Förderung eines Projektes. Wir wollen, daß die gesamte Situation ernster genommen wird. Berlin hat alle Chancen, es gibt einen enormen Zuzug in allen kreativen Bereichen,von den Schauspielern bis zu den Werbeagenturen. Warum muß die Berliner Politik noch etwas tun, wo sich der Sog doch längst eingestellt hat? HOFMANN: Die Politik hat sich bisher nicht mit Ruhm bekleckert. Sie bemüht sich auch nicht unbedingt um das Gespräch mit den Kreativen. Aber feiert sich stattdessen unheimlich gerne bei allen Berliner Events.KOGEL: Die Stadt muß ein Bewußtsein für Film und Fernsehen, für die Medienbranche überhaupt entwickeln, so, wie sie es in Köln par excellence finden. Das ist nicht mehr nebenbei, zehn Minuten am Tag zu machen. Wir haben vor anderthalb Jahren überlegt, die "Harald Schmidt Show" von Köln nach Berlin zu verlagern. Das ist dann nicht passiert, weil die Rahmenbedingungen in NRW unschlagbar gut waren. Es wird einem dort sehr, sehr leicht gemacht.Können Sie nicht verstehen, daß eine Stadt, die an allen Ecken sparen muß, auch bei der Film-Förderung Einschnitte macht?KOGEL: Das Problem ist, daß in Berlin Film und Fernsehen immer noch nicht als Wirtschaftszweig begriffen werden. Berlin könnte sicher einige Kitas mehr finanzieren, wenn der Mehrwert, den Film und Fernsehen abwerfen, auch abgeschöpft und als potentieller Wachstumsbereich endlich auch erkannt und ernst genommen würde.HOFMANN: Wir reden beim "Tunnel" über zwei Mill. echter Wirtschaftsförderung, die eine Investition von 11 Mill. DM nach sich zieht, die 105 Arbeitsplätze für einen Zeitraum von vier Monaten schafft. Braucht ein Sender eine Heimatstadt? KOGEL: Die Frage kann ich für Sat 1 mit einem energischen Ja beantworten. Wir finden in Berlin eine neue Identität, wir gründen uns hier quasi neu. Das ist etwas anderes, als wenn sie nur mit großem Brimborium Hauptstadt-Studios eröffnen. Wir hoffen, daß Sat 1 in Berlin eine ähnlich starke Basis haben wird, wie RTL heute in Köln. Sat 1 wird den "Tunnel" als TV-Ereignis in der Prime-Time vermarkten. Wird dies auch in Zukunft möglich sein, oder zieht der Eigentümer Leo Kirch die Highlights ins Pay-TV? KOGEL: Ich bin Geschäftsführer von Sat 1, und dafür verantwortlich, welche Programme bei uns laufen und welche nicht. Hier geht es um das Kerngeschäft von Sat 1. Natürlich gibt es Absprachen im Gesellschafterkreis darüber, wo wir eine gemeinsame Strategie verfolgen und eine komplette Programm-Verwertungskette anstreben. Zum Beispiel bei den Sportrechten. Aber nicht bei den drei bis vier großen jährlichen Projekten wie dem "Tunnel", die wir als Produktionen betrachten, die unser Image maßgeblich bestimmen. Image ist nicht teilbar. Alles andere hätte zur Folge, daß sich Sat 1 an Produktionen, die im Pay-TV Premiere haben, nicht mehr beteiligen könnte. Wir tragen beim "Tunnel" den Löwenanteil der Produktionskosten. Bei solchen Programmen macht für uns nur eine Erstverwertung Sinn. Versteht der Gesellschafter Leo Kirch ihre Strategie? KOGEL: Warum nicht? Das deutsche Pay-TV ist im übrigen - anders als in den USA - heute noch nicht in der wirtschaftlichen Situation, um große Event-Produktionen als Eigenleistung ausschließlich für das eigene Programm zu erbringen. Wie kann denn diese Wettbewerbssituation innerhalb der Sendergruppe um Sat 1 produktiv genutzt werden? KOGEL: Eine Produktion wie der "Tunnel" kann, so hoffen wir, auch nach einer erfolgreichen Erstausstrahlung bei Sat 1 in einem nachträglichen Pay-TV-Fenster bei Premiere für Furore sorgen. Können Sie sich eine solche Aufgabenverteilung auch bei Fußball-Übertragungen vorstellen? KOGEL: Fußball muß bei uns zu darstellbaren Konditionen stattfinden. Jede Mark, die ich für die Übertragungsrechte mehr ausgebe, wird von unserem Gewinn abgezogen. Sehr viel mehr, als wir im Moment für die Bundesliga bezahlen, ist nicht drin. Sat 1 will, nachdem der Turnaround 1998 geschafft wurde, im kommenden Jahr einen dreistelligen Millionengewinn machen... KOGEL: Wir wollen im Jahr 2000 zwischen 50 und 100 Mill. DM Gewinn machen. Gleichwohl wachsen bei den Werbeerlösen die Bäume nicht mehr in den Himmel. Würde ich bei unserem Programmbudget von insgesamt 1,4 Mrd. DM einsparen, sähe man das dem Programm auch an. Wir geben schon jetzt 300 Mill. DM weniger aus als RTL. Ich kann nicht mehr 20 oder 30 Mill. DM herausholen, die nicht auch zu sehen sind. Sie wollen eine engere Verknüpfung mit Pro Sieben und Kabel#t1 sowie den Regionalprogrammen von TV Berlin und TV München. Wann wird denn daraus die erträumte Sender-Familie? KOGEL: Ich sehe das ganz entspannt. Es gibt für den Einzelsender Sat 1 über das angestrebte Umsatzziel hinaus keine größeren Wachstumsperspektiven. Wir müssen uns also überlegen, wie wir einen Mehrwert schaffen. Und der könnte in der Tat in mehr Kooperationen liegen. Zuallererst ist es jedoch meine Aufgabe Sat 1 auf Erfolgskurs zu halten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben