Wirtschaft : Berlin noch nicht auf der Talsohle

Arbeitslosigkeit steigt im Vergleichzum Bundesgebiet überdurchschnittlich an
BERLIN (alf).Berlin verkommt immer mehr zur Arbeitslosenmetropole: Von denin ganz Deutschland im Februar zusätzlich gemeldeten 13500 Arbeitslosenstammen 3500 aus Berlin.Daran wird deutlich, daß die Hauptstadt noch"nicht auf der Talsohle angelangt" ist, wie der Präsident desLandesarbeitsamtes Berlin-Brandenburg, Klaus Clausnitzer, am Donnerstaganläßlich der Vorlage der jüngsten Arbeitsmarktzahlen sagte.In derBerliner Industrie werde "in großen Blöcken entlassen", Besserung seinicht in Sicht.Dagegen stehe Brandenburg, auch aufgrund des mildenWetters, "relativ gut da".Ende Februar waren in Berlin 263100 Menschenarbeitslos, addiert man die 64100 Personen in arbeitsmarktpolitischenMaßnahmen hinzu, ergibt sich für die Stadt eine Arbeitslosenquote von21,1 Prozent.In Brandenburg führt die entsprechende Rechnung zu einerArbeitslosenquote von 26,77 Prozent; 228800 Brandenburger waren EndeFebruar ohne Arbeit, 100500 nutzten die Instrumente des zweitenArbeitsmarktes (ABM, Weiterbildung, Kurzarbeit, Altersübergangsgeld,Maßnahmen der produktiven Arbeitsförderung). Wirtschaftssenator Elmar Pieroth kommentierte die Arbeitsmarktzahlenmit der Einschätzung: "Entscheidend beim Abbau der Arbeitslosigkeit bleibtdie Kostensenkung für Unternehmen"; dazu sei die Gewerbekapitalsteuerabzuschaffen."Frei werdende Mittel können die Unternehmen dann etwa inExport- und Innovationsanstrengungen stecken", glaubt der Senator.Dagegenfragte Pieroths Senatskollegin Christine Bergmann in einer Stellungnahmenach dem "Beitrag der Unternehmen".Aus "kurzfristigen Gewinnüberlegungenwerden reihenweise ganze Belegschaften entlassen".Die vorhandene Arbeitmüsse jedoch "auf mehr Schultern verteilt werden".VW und Mercedes hättenmit ihren Beschäftigungssicherungsverträgen gezeigt, "daß dies möglichist".Im öffentlichen Dienst sollten nach Meinung der ArbeitssenatorinVerhandlungen über Arbeitsumverteilungen geführt werden.Schließlichwarnte Bergmann vor einer weiteren Einschränkung der Arbeitsmarktpolitik,weil die Bundesregierung "bei der Aufstellung des Haushalts derBundesanstalt für Arbeit von unrealistischen Zahlen ausgegangen ist". Die meisten Arbeitslosen in Berlin-Brandenburg gab es im Februar in denVerwaltungs- und Büroberufen (66800), den Bauberufen (43600) sowie unterden Warenkaufleuten (39500).Rund 17400 freie Stellen wurden imBerichtsmonat den Arbeitsämtern gemeldet, die deutlichstenNachfrageimpulse gingen dabei vom Dienstleistungsgewerbe, dem Bau sowie demHandel aus.In Brandenburg setzte "nach den massiven Entlassungen in denvergangenen Monaten" im Baugewerbe und bei der Landwirtschaft eine"deutliche Belegung der Nachfrage nach Arbeitskräften ein".In Berlinstiegen die Arbeitslosenzahlen insbesondere in den Metall- undElektroberufen sowie auf dem Bau.Aufgrund des milden Klimas meldete derBau allerdings mehr offene Stellen als noch im Januar.Neben den obengenannten Berufsgruppen ist in Berlin die Zahl der Arbeitslosen inSozialberufen mit 16200 auffällig hoch. Ein differenziertes Bild ergibt sich bei der Betrachtung der Bezirke.Dieaktuellen Arbeitlosenquoten liegen zwischen 9,2 Prozent in Zehlendorf und28,1 Prozent in Kreuzberg.Vergleichsweise gut sieht es auch in Wilmersdorf(11,5), Steglitz (12,9) und Tempelhof aus; überdurchschnittlich schlechtsind die Quoten in Tiergarten (21,2), Wedding und Neukölln (jeweils 20,8),Schöneberg (19,2), Prenzlauer Berg (18,8) und Weißensee (18,4). Arbeitsamtschef Clausnitzer legte am Donnerstag auch eine"Arbeitsmarktbilanz 1996" vor.Danach hat sich im vergangenen Jahr erstmalsseit 1992 die Lage auf dem Arbeitsmarkt "deutlich verschlechtert".Zwischen1992 und 1994 waren im Jahresdurchschnitt in Berlin-Brandenburg rund 387000Personen arbeitslos gemeldet, seit Herbst 1994 gab es sogar einen leichtenRückgang der Erwerbslosenzahlen.Ende 1995 schlug der Trend um: VonDezember 1995 bis heute "stieg die Arbeitslosigkeit sprunghaft an".ImSchnitt waren 1996 rund 423000 Berliner und Brandenburger ohne Arbeit;65000 Personen weniger als im Vorjahr waren sozialversicherungspflichtigbeschäftigt.Als Ursachen für die Abwärtsbewegung nennt dasLandesarbeitsamt die "anhaltenden strukturellen Anpassungsprozesse derhiesigen Wirtschaft", die Abschwächung der Konjunktur sowie dieangespannte Lage der öffentlichen Haushalte, die eine antizyklischeWirtschaftspolitik verhindere.Von den diversen arbeitsmarktpolitischenMaßnahmen wurden im vergangenen Jahr 193000 Personen in Berlin-Brandenburgaufgefangen.

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