Wirtschaft : Berlin schließt seinen Börsensaal

Elektronischer Wertpapierhandel hat Makler und Banker verdrängt – Präsenzhandel ohne Funktion

Henrik Mortsiefer

Berlin - Die Berliner Börse beendet als eine der letzten deutschen Regionalbörsen den Präsenzhandel. „Der Handelssaal im Ludwig-Erhard-Haus wird bis Ende September aufgegeben“, sagte Jörg Walter, Vorstand der Berliner Börse AG, dem Tagesspiegel. „Für modernen Börsenhandel ist ein Saal nicht mehr erforderlich.“ Wie die Räumlichkeiten künftig genutzt werden sollen, ist noch offen. „Es gibt mehrere Interessenten“, sagte Holger Lunau, Sprecher der Industrie- und Handelskammer (IHK).

Die Berliner Börse, die sich 2003 mit der Börse Bremen zusammengeschlossen hat, ist seit 1996 einer der größten Mieter im Ludwig-Erhard-Haus der IHK. Über die Höhe der Miete geben weder die Börse noch die IHK Auskunft. Ausziehen will die Börse auch nach der Schließung des Handelssaals nicht. „Die Handelsüberwachung, die Verwaltung und der Rentenhandel bleiben selbstverständlich im Gebäude der IHK“, sagte Börsenchef Walter. Bereits vor einigen Jahren war die Wertpapierhandelsbank Tradegate, die an der Berliner Börse als preisfeststellender Makler rund 10 000 Werte betreut, nach Halensee umgezogen.

Mit dem Börsensaal verliert die Berliner Wirtschaft ein Symbol ihrer Eigenständigkeit. Zwar hatte der Saal für das Geschäft der Hauptstadtbörse kaum noch eine Bedeutung, weil der Wertpapierhandel überwiegend elektronisch abläuft. Banken und Maklerfirmen haben ihr Personal schon lange abgezogen. Als Repräsentationsort diente der Saal gleichwohl. Wie die anderen Regionalbörsen in Hamburg, Hannover, Düsseldorf, Stuttgart und München kämpft die im Jahr 1685 vom Großen Kurfürst von Brandenburg gegründete Berliner Börse gegen die Übermacht des Finanzplatzes Frankfurt. Mehr als 90 Prozent des Handels mit deutschen Standardwerten werden täglich über das Handelssystem der Deutschen Börse AG in Frankfurt abgewickelt. Der dortige Börsensaal wird ebenfalls kaum noch genutzt. Anwesende Händler dienen oft nur als Statisten für Live-Sendungen der TV-Stationen. In Stuttgart wird der Börsensaal als Großraumbüro genutzt, in München stehen Internetrechner auf dem Parkett. Die Hamburger Börse gab ihren Handelssaal Ende 2005 auf, in Düsseldorf wurde er 2000 abgerissen.

Die Berliner Börse hält sich zugute, als Handelsplatz für Auslandsaktien und Investmentfonds attraktiv für Privatanleger geblieben zu sein. „Die Berliner Börse ist und bleibt sehr lebendig – auch ohne die Präsenz der Makler und Banken auf dem Parkett“, sagt Börsenchef Walter. Wichtig für Anleger seien Qualität, Service und Schnelligkeit. Wie andere Regionalbörsen bedient sich Berlin des üblichen Handelsverfahrens mit zentralen Orderbuchführern. Die einst als amtliche Kursmakler bezeichneten Skontroführer sammeln dabei Wertpapieraufträge elektronisch. Früher wurden ihnen die Orders von Händlern zugerufen. „Mit der Ausweitung der elektronischen Handelsfunktionalitäten und Realtime-Informationen über das Internet sowie dem Auslaufen der Präsenzpflicht der amtlichen Kursmakler hat der Berliner Börsensaal schon länger seine ursprüngliche Funktion verloren“, sagt Jörg Walter. Besucher, die sich für das Börsengeschehen interessieren, sollen weiter „an exponierter Stelle im Haus“ informiert werden, versichert der Börsenchef. Zu sehen gibt es freilich künftig noch weniger als bisher.

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