Wirtschaft : Berlin spielt wieder erste Geige

DANIEL WETZEL

Eine Hochburg des Instrumentenbaus / Hochqualifizierte Meisterbetriebe siedeln sich in der Hauptstadt an VON DANIEL WETZEL

In der Werkstatt der Geigenbauer Gentges und Scheit liegt ein feines Aroma von Fichtenholz und Lack in der Luft.Rotbraun glänzt ein Cellokörper auf der Werkbank, Stechbeitel, Biegeeisen und Schnitzermesser liegen daneben.Eine Hinterhof-Werkstatt am Prenzlauer Berg."Für den Klang ist am Ende entscheidend, welches Verhältnis der Musiker zu seinem Instrument hat." Geigenbaumeister Felix Scheit glättet mit einer Ziehklinge das Deckenholz einer Violine."An einem guten Instrument blüht der Geiger ja erst auf." Der Mangel an Ahorn und Fichte in Preussens Wäldern hatte Berlin lange Zeit nicht zu einem Zentrum des Geigenbaus werden lassen."Seltenheit, vortrefflich preußische Violinen zu finden", murrte Carl Friedrich Zelter, Leiter der Berliner Singakademie noch 1799."Jeder Musikus bezahlt lieber italienische Instrumente mit Goldstücken, als er ein inländisches für den eigenen Gebrauch behielte." Doch 200 Jahre später ist die preußische Geige im Kommen; Berlin entwickelt sich zu einer Hochburg des Instrumentenbaus.Während die Handwerkskammer in den 70er Jahren kaum noch eine Handvoll Geigenbauer zählte, sind es inzwischen 18 Meisterbetriebe."Berlin läuft den alten deutschen Hochburgen Mittenwald und Markneukirchen den Rang ab", glaubt der Potsdamer Geigenbaumeister Tilman Muthesius."So viele Instrumente wie jetzt - und in dieser Qualität - wurden hier noch nie gebaut." Janine Wildhage, die ihre Lehrzeit an der Geigenbauer-Schule von Cremona begann und nun bei Gentges und Scheit vollendet, preßt mit Zuleimschrauben Decke, Zargen und Boden einer Geige zusammen.Noch ist das Holz, das nach siebenjähriger Lagerung leicht und trocken geworden ist, weiß.Wie bei vielen jungen Leuten, die ihre Liebe zu dem Handwerk entdecken, steht auch bei Wildhage eine doppelte Leidenschaft hinter der Berufswahl: Das Arbeiten mit Holz und die Freude an klassischer Musik."Ich finde Geigenmusik wunderschön, aber ich habe nie genug geübt." Mit 20 begann Wildhage daher die Ausbildung an der Geigenbau-Schule in Cremona, wechselte dann nach Deutschland, um bei Gentges und Scheit abzuschließen.Auch ihr Chef Kevin Gentges kennt das lombardische Cremona, die Geburtsstadt Antonio Stradivaris.Vier Jahre lernte der gebürtige Kölner dort sein Handwerk und machte sich dann mit einer eigenen Werkstatt selbständig."Die heutigen Neubauten können einer Stradivari durchaus ebenbürtig sein", ist seine Erfahrung. Daß der 31jährige zurück nach Berlin kam, um mit seinem Kollegen Felix Scheit die Werkstatt am Prenzelberg zu gründen, hat vor allem mit den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu tun: Die drei Symphonie-Orchester der Hauptstadt sorgen für gefüllte Auftragsbücher.Neben dem Neubau von Violinen, Geigen und Celli - eine handgefertigte Geige aus der Werkstatt kostet bis zum 13 000 DM - verdient die Werkstatt zusätzlich durch Reparaturen und den Verleih von Instrumenten.Für Berlin sprach auch die Förderung von Existenzgründern.Gentges und Scheit beantragten für die Gründung ihrer Werkstatt vor drei Jahren Zuschüsse sowie günstige Existenzgründer-Kredite.Die Investitionen haben sich gelohnt.Während Ein-Mann-Betriebe unter den Geigenbauern oft die Regel sind, konnte sich die Werkstatt Gentges und Scheit bald vergrößern und mit dem Lehrling auch noch Maja Walier als Gesellin einstellen. Nach dem Zusammenfügen des Geigenkörpers werden mit einem Pinsel bis zu 30 Schichten eines harzigen Alkohollacks auftragen.Obwohl sich die Fachwelt darüber einig ist, daß das Geheimnis Stradivaris nicht der Lack gewesen sein kann, setzt jeder Geigenbauer auf seine eigene, individuelle Mischung.August Riechers, Berlins großer Geigenbaumeister des letzten Jahrhunderts, empfahl nach einem Grundanstrich mit peruanischem Balsam einen Harz aus drei Teilen Sanderak und Mastix, dazu zehn Tropfen Terpentinöl, vermischt mit Farbpigmenten aus Rotsandelholz. Geigenbau braucht Geduld.Mehr als 200 Arbeitsstunden stecken in einem guten, handgefertigten Instrument.Das erfordert Fähigkeiten, die nicht recht in unsere schnellebige Zeit zu passen scheinen.Doch an jungen Berlinern, die sich um eine Lehrstelle als Geigenbauer bewerben, herrscht kein Mangel.Wie Janine und Maja entscheiden sich viele Frauen für diesen Weg.Anders als in anderen Handwerksberufen ist der Geigenbau keine Männerdomäne.Die erste deutsche Meisterin dieser Kunst, Olga Adelmann, ist Berlinerin und legte bereits 1937 ihre Gesellenprüfung ab. Um die Jahrhundertwende gab es noch Geigenbau-Fabriken in Berlin, wie die "Neu-Cremona" in der Friedrichstraße oder die "Musik-, Signalinstrumenten und Trommelfabrik C.W.Moritz".Hunderte von Frauen standen dort an langen Werktischen und leimten die maschinell ausgefrästen Decken, Böden und Zargen zusammen.Für 25 Mark gab es eine "gute Ausführung, Wirbel, Griffbrett und Saitenhalter aus Ebenholz".Bis zu 70 Mark kostete die "feinste Kopie alter Meister, Stradivarius-Modell, alt, limitiert".Doch die Massenfertigung blieb die Ausnahme, weiß Martin Elste vom Staatlichen Institut für Musikforschung in Berlin: "Das Gros der Geigenbauer verdiente sich sein Geld in kleinen Werkstätten vornehmlich mit Reparaturen." "Heute steht in Berlin wieder der Neubau im Vordergrund - und das in hoher Qualität", sagt Tilman Muthesius aus der berühmten Potsdamer Geigenbauer-Familie.Welche Leistungsfähigkeit das Handwerk in Berlin inzwischen erreicht hat, zeigte im Frühjahr diesen Jahres eine Aktion, die Muthesius zusammen mit der Dresdner Bank im Rahmen ihres "Kulturjahres" organisierte.Zwölf Geigenbauer aus Berlin und Potsdam bauten zwölf Meister-Celli, die zum Abschluß der Aktion von den 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker in einem Konzert im Schloßpark-Theater bespielt wurden.Für viele Konzertbesucher war bis dahin völlig unbekannt, daß Berlin inzwischen einen Ruf für hochwertigen Instrumentenbau erworben hat.Doch ob sich die neue Blüte des Berliner Geigenbaus weiter entfalten kann, bleibt für Muthesius noch zweifelhaft.Die Förderung der Musikschulen geht zurück, die Orchester der Stadt werden zusammengestrichen: "Ich bin sicher, daß es für die Geigenbauer Berlins in den nächsten Jahren sehr viel härter werden wird."

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