Wirtschaft : Berlin und Delhi starten Energie-Dialog Beide Länder wollen Handel deutlich ausbauen

Ruth Ciesinger/Bernd Hops

Berlin - Der Energiebedarf der aufstrebenden Weltmacht Indien wächst so gewaltig wie ihre Wirtschaft. Seit Anfang der 90er legte das Bruttoinlandsprodukt im Schnitt um sechs Prozent im Jahr zu, bis 2011 avisiert die Regierung eine Steigerung auf zehn Prozent. Schätzungen zufolge nimmt dann auch der Energieverbrauch jährlich um zehn Prozent zu. Wenn nun Premier Manmohan Singh am Sonntag mit Bundeskanzlerin Angela Merkel die Hannover Messe eröffnet, wird deshalb die Energiepolitik zwischen beiden Politikern wichtiges Thema sein.

Sie werden auch über Kernenergie sprechen – das bestätigte am Freitag ein Regierungssprecher. Doch anders als zwischen Washington und Delhi wird keine Kooperation bei der zivilen Kernenergie vereinbart werden. Ein solcher Schritt ist in Deutschland schon aus innenpolitischen Gründen unmöglich. Dafür soll in Hannover aber ein Energiedialog zwischen beiden Ländern offiziell ins Leben gerufen werden.

Denn bei weitem sind die Inder nicht nur an Kernkraft interessiert – die bisher höchstens drei Prozent des indischen Energiebedarfs deckt. Der Löwenanteil liegt mit etwa 50 Prozent bei der Kohle, wo deutsche Firmen vor allem im Bereich so genannter „Sauberer Kohleenergie“ ihre Kenntnisse anbringen können. Indien habe zwar „eigene Kohlereserven für Jahrhunderte“, sagt Wolfgang-Peter Zingel vom Südasien-Institut der Uni Heidelberg, aber „mit hohen Asche- und Schwefelanteilen“. Für Deutschland als Weltmarktführer im Bereich der Kohletechnologie gebe es hier hervorragende Kooperationsmöglichkeiten.

Beim Öl, mit 34 Prozent zweitgrößter Energieträger nach der Kohle, kann Indien dagegen kaum auf eigene Vorkommen zurückgreifen. Bereits 70 Prozent des Rohöls werden importiert, sagt Christian Wagner von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Und hier konkurriert Delhi mit einer Reihe weiterer Staaten um die immer teurer werdenden Reserven. Allen voran die Volksrepublik China, der zweite asiatische Riese, der kaum weiß, wie er den Energiebedarf seiner 1,3-Milliarden-Bevölkerung decken soll. Indien, mit etwa einer Milliarde Menschen nur unwesentlich kleiner, ist sich dessen genau so bewusst wie der Endlichkeit der Rohstoffe Öl und Uran.

Deshalb setzt das Land auch auf erneuerbare Energien. Selbst wenn sich diese bisher nicht auffällig im Energiemix niederschlagen, hat zum Beispiel Windenergie einen hohen Stellenwert, sagt Zingel, besonders an der Südspitze des Landes würden entsprechende Anlagen gebaut.

Wenn voraussichtlich am Mittwoch der Energiedialog in Hannover zum ersten Mal stattfindet, sitzen neben Vertretern der Ministerien auf deutscher Seite auch Vertreter des BDI oder des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau mit am Tisch. Denn auch wenn das Handelsvolumen zwischen Deutschland und Indien noch niedrig ist – es liegt bei 7,6 Milliarden Euro, der deutsch-chinesische Wert bei 50 Milliarden –, so sehen deutsche Firmen hier gute Geschäftsmöglichkeiten. Indien hat sich für ausländische Investoren seit Anfang der 90er immer weiter geöffnet. Dass das Land noch hinter China zurückliegt, ist auch darauf zurückzuführen, dass Peking gut zehn Jahre früher mit Reformen begann. Ziel Deutschlands und Indiens ist es jetzt, den gemeinsamen Handel deutlich auszuweiten.

Im Kraftwerksbereich exportiert Siemens seit Jahren nach Indien. Aber auch die Deutsche Bank ist seit 25 Jahren im Land. Zunächst ging es vor allem um größere Geschäftskunden. Jetzt sind es auch kleinere und mittlere Unternehmen sowie Privatkunden. Acht Filialen hat die Bank in Indien – und will weiter expandieren, sagt ein Sprecher. Nach den Konten sollen Konsumentenkredite folgen: „Es ist ein boomender Markt.“ Immer mehr Inder würden wohlhabender, 260 Millionen zählt inzwischen der indische Mittelstand. Mit dem Wohlstand steigt der Bedarf an Finanz- und Versicherungsdienstleistungen. Daneben profitiert die Bank vom wachsenden Interesse deutscher Firmen an Indien, derzeit betreut sie 165, die sich dort engagieren.

Der deutsche Automobilzulieferer Bosch ist schon seit 1951 in Indien aktiv – insbesondere durch die Motor Industries company Limited (Mico), an der die Deutschen gut 60 Prozent halten. Zwischen 2005 und 2008 will Bosch in dem Land 325 Millionen Euro investieren – eine deutliche Steigerung zu den bisherigen Plänen. Kein Wunder. Der Umsatz der indischen Bosch- Töchter kletterte auch im vergangenen Jahr um ein Viertel auf 685 Millionen Euro. In den vergangenen zehn Jahren hat er sich nach Unternehmensangaben vervierfacht. Vor allem die Dieseltechnik werde stark zulegen, prognostiziert Bosch.

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