Berlin : Viele Lehrlinge brechen ab

Heute beginnt das Ausbildungsjahr. In Berlin brechen so viele Lehrlinge ab wie sonst nirgendwo.

Laura Gitschier

Berlin - Mehr als 300 Ausbildungsberufe gibt es allein in Deutschland. Doch nicht immer treffen Jugendliche die richtige Wahl für sich. Unrealistische Erwartungen, Probleme im theoretischen Teil oder Konflikte mit dem Arbeitgeber können Gründe für das vorzeitige Ende einer Ausbildung sein. Und die Zahl solcher Abbrüche nimmt zu, vor allem in Berlin. Mit einer Quote von 28,8 Prozent aufgelöster Ausbildungsverträge in 2008 führt die Stadt die Negativliste der Bundesländer an. Zum Vergleich: In Baden-Württemberg beträgt die Zahl 18 Prozent. Dazwischen, das hat das Bildungsministerium in seinem Berufsbildungsberichts 2010 ermittelt, pendelt sich bei 21,5 Prozent der bundesweite Schnitt ein.

Drei wesentliche Gründe für die hohe Quote sieht der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) Berlin-Brandenburg: Zum einen gäbe es innerhalb der Ausbildung zu viele ausbildungsfremde Tätigkeiten. „Die Betriebe sollen die Leute für einen Beruf qualifizieren und sie nicht Toiletten putzen lassen“, sagt DGB-Sprecher Dieter Pienkny. Ein weiterer Faktor für die vielen Abbrüche seien Probleme mit dem Ausbilder im Betrieb. „Oft werden die Auszubildenden zu wenig angeleitet, Learning by Doing ist nicht das erklärte Ziel einer Ausbildung“, so Pienkny. Auch die hohen Überstunden seien oft ein Beweggrund für einen vorzeitigen Abbruch der Ausbildung. Pienkny gesteht aber auch ein, dass mancher Jugendlicher noch nicht die Kraft aufbrächte mit seinem Chef über bestimmte Missstände und Probleme zu sprechen. Der DGB stützt sich bei seinen Aussagen auch auf den Ausbildungsreport für Berlin-Brandenburg, für den mehr als 2000 Jugendliche in der Region zu ihrer Situation befragten wurden. 30 Prozent äußerten sich darin unzufrieden über die Qualität ihrer Ausbildung.

Die Bundesagentur für Arbeit (BA), die unter anderem bei der Vermittlung von Stellen Unterstützung anbietet, sieht das Problem der hohen Abbrecherquoten durchaus – und ist schon seit längerem bemüht, dem entgegenzuwirken, unter anderem mit der vertieften Berufsorientierung in den Schulen. Auch setzten sie zu Informationszwecken mehr und mehr auf Onlineangebote, sagt der Sprecher der BA Berlin-Brandenburg, Erik Benkendorf. Er weist auch darauf hin, dass die Arbeitsagentur schon seit einigen Jahren sogenannten bezahlten Förderunterricht anbiete, der vor allem darauf zielt, sozial schwächeren Jugendliche zu helfen.

Unterstützung für die Arbeitsagenturen gibt es von der Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg. Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer, Klaus-Dieter Teufel, sagt: „Derzeit gibt es sehr viele parallele Entwicklungen bei den Ausbildungsorganisationen. Wir fordern, dass die verschiedenen Strömungen klar bei den Arbeitsagenturen gebündelt werden.“ Einen Hauptgrund für den Abbruch sieht er darin, dass viele Bewerber in Berlin mangels Plätzen oft nicht ihren Wunschberuf bekämen und dann zunächst auf eine Ersatzausbildung zurückgriffen.

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) hat eine Art Präventivprogramm im Angebot. Sie hilft den Arbeitgebern und den Auszubildenden bei gravierenden Problemen mit einem Wechsel des Betriebs. Die Vermittlung durch die IHK-Ausbildungsberater sei erfolgreich und helfe oft, komplette Abbrüche zu vermeiden, erklärt Christoph von Knobelsdorff, IHK-Geschäftsführer für Aus- und Weiterbildung. Katharina Schumann leitet das Referat Bildungsberatung bei der Berliner Handwerkskammer. Für sie ist das Problem „nicht ganz so gravierend, wie es die Zahl erscheinen lässt“. Sie sagt: „Viele Jugendliche brechen zwar eine Ausbildung ab, finden aber auch wieder eine neue.“ Die Handwerkskammer kämpft eher mit einem anderen Problem: Oft werden zwei Verträge parallel abgeschlossen. Viele Lehrlinge entscheiden sich dann erst kurzfristig, welchen Platz sie antreten. Eine Erklärung, warum die Zahl in der Hauptstadt höher ist als anderswo, hat sie aber dennoch: „ Jugendliche in Berlin haben mehr Chancen und eine breitere Wahl an Ausbildungen als Jugendliche auf dem Land. Das führt eventuell zu einer höheren Wechsel- und Abbruchbereitschaft hier“, mutmaßt Schumann. Die Lösung der Handwerkskammer: Die Schulen müssen früher ansetzen, den Kontakt zu den Unternehmen weiter zu intensivieren. Die Betriebe wiederum sollten sich im Gegenzug die Zeit nehmen, Jugendliche auch mal längerfristig kennenzulernen.

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