Wirtschaft : Berlin wirbt um Lufthansa-Tochter

Der Konzern prüft, die Zentrale seiner neuen Billigflug-Gesellschaft am Flughafen BER einzurichten.

von

Berlin - In der Frankfurter Lufthansa-Zentrale läuft das brisante Projekt unter dem Codenamen „Direct 4 you“. Schon unkte und ulkte man in der Branche, das könne der neue Markenname der geplanten Billigfluggesellschaft sein – das wies der Konzern zurück. Das Kind hat noch keinen Namen, die Geburtsvorbereitungen aber werden konkreter: Schon Ende August könnte der Vorstand entscheiden, ob die neue Airline tatsächlich gegründet wird und an welchem Standort sie ihre Zentrale bezieht. Politiker der Länder Berlin und Brandenburg jedenfalls werben derzeit intensiv dafür, dass die Gesellschaft ihren Sitz im Umfeld des neuen Flughafens BER bezieht.

Im Mai hatte Carsten Spohr, Vorstand der Passagier-Sparte, sich zu ersten Gerüchten geäußert, wonach der Konzern seine bestehende Billigflugtochter Germanwings mit den sogenannten „Direct Services“ zusammenlegen könnte. Das sind Routen, die der Konzern unter der Kernmarke Lufthansa betreibt, die aber nicht in die Flugpläne rund um die beiden Drehkreuze Frankfurt und München eingebunden sind. Spohr sagte damals, dass man derzeit zwei Geschäftsmodelle erprobe: Eines in Stuttgart mit Fliegern von Germanwings und eines in Berlin unter der Marke Lufthansa. Im Frühjahr 2013 werde man sich entschieden haben, unter welcher Marke man künftig fliege.

Zum Sommerflugplan stockte Lufthansa seinen Standort Berlin kräftig auf: Lufthansa Technik weihte am BER einen neuen Wartungshangar ein und erhöhte die Zahl der fest stationierten Flugzeuge von acht auf 15. Die Zahl der Direktverbindungen steigt von acht auf 39. Um Flüge ab 49 Euro anbieten zu können, stellte Lufthansa Mitarbeiter über eine Zeitarbeitsfirma ein, die zwar zum gleichen Einstiegsgehalt wie andere Lufthanseaten arbeiten – aber mehr Stunden.

Der Haken: Spohr stellte das Modell am 3. Mai natürlich in der Annahme vor, Lufthansa könne es ab Juni am neuen Hauptstadtflughafen ausprobieren. Fünf Tage später aber platzte der Termin. So fliegt Lufthansa jetzt mit dem erweiterten Billigprogramm unter verengten Bedingungen ab Tegel.

Zwar ist der Groll der Frankfurter Zentrale auf den Berliner Flughafenbetreiber entsprechend groß, gleichwohl ist BER als Standort der Verwaltungszentrale der neuen Billigfluggesellschaft offenbar noch gut im Rennen. Außerdem sind die heutige Germanwings-Zentrale in Köln und der Flughafen Düsseldorf im Gespräch. Das Brandenburger Wirtschaftsministerium so wie die Wirtschaftsverwaltung des Berliner Senats bestätigten Gespräche mit Lufthansa. Zu Gerüchten, wonach die Länder die Lufthansa mit Subventionen locken könnten, sagte Sybille von Obernitz (parteilos) dem Tagesspiegel am Donnerstag: „Grundsätzlich steht ansiedlungswilligen Unternehmen das gesamte Wirtschaftsförderinstrumentarium zur Verfügung.“ Eine solche Ansiedlung hätte für den Standort Berlin eine große wirtschaftspolitische Bedeutung, fügte sie hinzu. „Immerhin geht es um viele Arbeitsplätze“, sagte sie.

Die seit Juli amtierende Lufthansa-Finanzchefin Simone Menne versuchte allerdings den Eindruck zu zerstreuen, ihr klammer Konzern lasse sich nur von Geld locken. „Es geht nicht darum, dass wir staatliche Beihilfen bekommen“, sagte sie am Rande der Präsentation der Halbjahreszahlen (siehe Kasten). Entsprechende Angebote seien nicht ausschlaggebend. Zudem sei die Entscheidung, ob die Gesellschaft überhaupt gegründet wird, formal noch nicht gefallen.

Am Verwaltungssitz von Germanwings in Köln hoffen die 380 Mitarbeiter, dass die neue Gesellschaft auch dort ihren Sitz hat. Sie haben diesen Wunsch bereits in Form eines Plakates mit Unterschriften an die Geschäftsführung übergeben, sagte Betriebsratschef Daniela Bartik. In der Chefetage hat man Verständnis, zeigt sich aber offen für einen Wechsel an die Berliner Stadtgrenze. „Wir sind offen für das, was der Konzern entscheidet. Mit Veränderungen wird man leben müssen“, sagt ein Sprecher gestern.

Autor

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben