Wirtschaft : Berlinale 2001: Es ist noch ein weiter Weg bis Hollywood

Henrik Mortsiefer

"Ganz ehrlich", sagt Barbara Kranz, "wir sind aus guter Laune nach Berlin gezogen." Im März 2000 hat die teilhabende Geschäftsführerin von Laszlo Kadar Film Hamburg verlassen, um sich an der Spree niederzulassen. "Das hat richtig Geld gekostet." Richtig ausgezahlt hat es sich aber eigentlich nicht: Die gute Auftragslage ist geblieben wie sie war. Aus Berlin, wo die Etats immer noch zu klein sind, kam bisher wenig. "Wir haben unsere Kunden aus Hamburg, Frankfurt oder München mitgebracht", sagt Kranz. Ein einziges größeres Projekt haben die Werbefilmer bisher mit einer in Berlin ansässigen Agentur realisiert: Einen Volkswagen-Spot der Werbeagentur DDB. Trotzdem hat Laszlo Kadar Film "viel gedreht" in der Hauptstadt. Die etablierten Kreativen in den großen Agenturen schätzen die "Location" und die Originalschauplätze in der Metropole. Die acht Angestellten von Laszlo Kadar betreuen Kunden von Asbach bis Zeiss und erwirtschaften einen Umsatz von 15 Millionen Mark.

Ins Scheinwerferlicht des internationalen Filmgeschäfts wird Berlin bis zum kommenden Sonntag getaucht. Die Berlinale unterstreicht die internationale Attraktivität der Stadt für Cineasten - und lässt zugleich für eine paar Tage vergessen, dass es noch weit ist vom Potsdamer Platz bis Hollywood. Die Filmwirtschaft der Region, so hat die Bankgesellschaft Berlin jetzt ausgerechnet, trägt 2,2 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei. Hollywood bestreitet über 50 Prozent des Umsatzes der umliegenden Region.

Doch hinter dem vergleichsweise bescheidenen Anteil am Wohlstand Berlins verbergen sich ansehnliche Wachstumsraten. Die Umsätze der Film- und Fernsehbranche in der Hauptstadtregion sind nach Schätzungen der Bankgesellschaft zwischen 1994 und 2000 um 40 Prozent auf zuletzt 1,6 Milliarden Mark gestiegen. Aus Mangel an genauen Zahlen, die die amtliche Statistik nicht hergibt, greifen die Volkswirte auf Umsatzsteuerberechnungen zurück. Die Filmbrache - die Industrie- und Handelskammer zählt rund 600 Unternehmen mit 8000 Mitarbeitern - entwickelte sich wesentlich dynamischer als der Rest der Berliner Wirtschaft (siehe Grafik). Allein 1999 entstanden gut 300 Filme an der Spree, täglich drehen bis zu 40 Filmteams in der Stadt. Kamerateams, Caterer und Kunstlicht gehören inzwischen zum Stadtbild.

Kein Grund für "Jubelstatistiken", wie Thomas Hertz, Hauptgeschäftsführer der IHK, meint. Egal, welches Zahlenwerk herangezogen wird, Berlin liegt im Ranking der Medienstädte meist hinter Hamburg, München oder Köln. "Allerdings sind Zahlen, Daten und Statistiken keineswegs alles", kommentiert Hertz die Ergebnisse einer Umfrage, die die IHK im vergangenen Jahr am Medienstandort Berlin durchgeführt hat. Danach werten die Befragten vor allem die "weichen" Standortfaktoren Berlins - die Kultur und die gute Qualifikation des Personals - als besonders positiv. Anders als in der Vergangenheit wird inzwischen aber auch die Infrastruktur gelobt. Studios, Künstleragenturen und Multimedia-Dienstleister, die die Bildbearbeitung, Spezialeffekte und Synchronisation übernehmen, sind in Berlin heute reichlich vorhanden. Gefragt sind seit Jahren auch Location-Scouts, die für Außen- oder Innendrehs interessante Orte auftun. 18 Agenturen bieten ihre Dienste an.

Die Vielfalt der Anbieter spiegelt die insgesamt mittelständisch geprägten Branche wieder. "Gerade in Berlin ist das, was wir als Filmindustrie verstehen, kleinteilig und entspricht volkswirtschaftlich eher der Manufaktur", erklärt der Filmexperte Rolf Giesen. Nur zwei Prozent der Firmen setzten im Jahr mehr als 100 Millionen Mark um. Darunter zum Beispiel börsennotierte Unternehmen wie die Senator Entertainment AG.

Grafik:
Filmwirtschaft in Berlin-Brandenburg

Überregionale oder gar internationale Ausstrahlung erlangt die auf dichtem Raum versammelte Branche zurzeit aber nicht nur wegen ihrer Kreativität. Der teure Dollar macht Drehs in Berlin zum Beispiel für amerikanische Produzenten attraktiv - die Produktionskosten sind niedriger als in Hollywood. Der Berlinale-Eröffnungsfilm "Enemy at the Gates" dokumentiert die neue Anziehungskraft und wird in diesen Tagen gern als Aushängeschild präsentiert. Der mit 180 Millionen Mark bisher teuerste europäische Film wurde in den Babelsberger Studios produziert. Nach der Schlacht um Stalingrad hoffen die Studios nun auf Folgeaufträge.

"Babelsberg ist auf die internationale Landkarte des Films zurückgekehrt", sagt Friedrich-Karl Wachs, Ex-Chef der Studios vor den Toren Berlins. "Die Frage ist nur: Was kommt danach?" Wachs nahm vor einem Jahr mitten auf der Berlinale seinen Abschied, weil er den Sparkurs des Studio-Betreibers - die Vivendi-Tochter CGIS - nicht mehr mittragen wollte. Heute ist er Vorstand der Producers AG Media Capital, einer Zehn-Mann-Gesellschaft, die sich an unabhängigen Film- und TV-Produktionsfirmen beteiligt. "Mit einer Großproduktion wird ein Standort noch kein Selbstläufer", sagt der Risikokapitalgeber. Die Studios, die Filmförderung, die Medienpolitik - "alle müssen etwas in den Topf tun, um weitere Projekte in die Region zu holen". Mit "großer Ernüchterung" musste Wachs feststellen, dass die neuen Babelsberg-Chefs seinem Motto "Volldampf, Wachstum und Risiko" nicht gefolgt sind. Er konzentriert sich deshalb einstweilen auf die kreativen Mittelständler, für die seine Producers AG immerhin ein Finanzierungsvolumen von 200 Millionen Mark bereitstellt.

Wie Wachs setzen viele aus der Berliner Filmbranche derzeit nicht auf millionenschwere Mega-Drehs, sondern auf das kreative Pozenzial der Stadt. Barbara Kranz von Laszlo Kadar Film ist deshalb von Hamburg weggezogen. "Nicht wegen des Big Business, sondern weil wir unseren Mitarbeitern eine schönere Stadt bieten wollten und weil wir in Berlin auf bessere Partys gehen können." Für einen Berlinale-Besuch fehlt auch dieses Jahr einfach die Zeit.

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