Berliner Autohändler und der VW-Skandal : „Wir an der Front dürfen das ausbaden“

Berliner VW-Händler und die Konkurrenz geben sich entspannt – nur bei Audi herrscht dicke Luft. Der Skandal um gefälschte Abgaswerte vertreibt die Kunden.

von
Gläsern. Die Mitarbeiter in den Autohäusern – hier in der Franklinstraße – haben engen Kontakt zum Kunden. Foto: Markus Mechnich
Gläsern. Die Mitarbeiter in den Autohäusern – hier in der Franklinstraße – haben engen Kontakt zum Kunden.Foto: Markus Mechnich

Wir tauchen ein in eine Welt in Blau. Glas vom Boden bis zur Decke. Weiß-blaue Luftballonketten hängen im VW-Autohaus im Berliner Westen. Es ist Mittagszeit, zahlreiche Mechatroniker aus der Werkstatt sitzen im offenen Bistrobereich. Die Stimmung ist fröhlich, Trübsal bläst hier niemand. Kunden sind allerdings auch keine in Sicht, zumindest nicht im Bereich der Neuwagen.

Dort steht direkt am Eingang ein Passat GTE mit Plug-in-Hybrid. Kurz dahinter ein Passat als Benziner und erst etwas verschämt dahinter – der Diesel-Klassiker mit dem Zwei-Liter- TDI. Beim Passat liegt die Diesel- Quote bei rund 90 Prozent. Er ist das klassische Vertreter- Auto. An dem Diesel hängt ein Blatt mit den Verbrauchswerten und Emissionsangaben eines Benziners. Sicher ein Versehen.

Die Verkäufer sitzen in Glaskabinen hinter ihren Schreibtischen. Ob denn der VW-Abgasskandal bei der Kundschaft ein Thema ist? „Bei uns rufen derzeit schon vereinzelt Kunden an, die in den letzten zwei bis drei Monaten einen Wagen gekauft haben, und erkundigen sich, wie es aktuell um Diesel von VW steht“, sagt der End-Dreißiger mit Dreitagebart. „Aber wir sind mit den Neuwagen ja weniger betroffen, da diese ja alle schon Euro-Norm 6 erfüllen.“ Aufträge seien bisher nicht verloren gegangen. Er habe hier gerade mehrere Abschlüsse liegen.

Die Gebrauchten haben die manipulierten Motoren unter der Haube

In der Abteilung für Gebrauchte stehen einige ältere Dieselmodelle, die nur die Euro-Norm 5 erfüllen und die betroffenen Motoren vom Typ EA 189 haben. In den Steuergeräten ist die Schummelsoftware einprogrammiert. Ein junger Mann schaut sich um. Interessiert ihn der Abgasskandal? „Für mich ist das kein Thema. Es ist doch bekannt, dass alle Hersteller schummeln“, sagte Malte. Er arbeitet selbstständig und ist etwa Anfang 30. Er sucht „einen Transporter oder einen großen Kombi“ Diesel? Na klar. „Ich denke, dieses Thema wird gesteuert“, glaubt er. „Mich hat nur enttäuscht, dass sich die Kanzlerin nicht vor VW stellt und das Unternehmen in Schutz nimmt.“ Volkswagen hat treue Kunden.

Auch der Gebrauchtwagenverkäufer registriert keinen Kundenschwund und nur wenige Nachfragen. „Der Schaden betrifft eher das Image. Das ist Betrug, das muss man ganz klar sagen“, sagt er. „Da gibt es auch keine Entschuldigung. Und es wird lange dauern, diesen Verlust an Ansehen wieder gut zu machen.“

Damit liegt er im Einklang mit den Ergebnissen einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens YouGov. Demnach sank das Markenimage von Volkswagen seit Bekanntwerden des Skandals von 40 Punkten auf neun. Vom Held zum Verlierer innerhalb von gut einer Woche. So schnell geht das. Aber im VW-Autohaus ist bisher wenig angekommen.

Dürfte E-Mails aus der Konzernzentrale

Bei einer großen Audi-Niederlassung allerdings ist die Stimmung anders. Im Gegensatz zu VW stehen hier noch viele der ins Zwielicht geratenen Zwei-Liter- TDIs. Der Gebrauchtwagenverkäufer reagiert wortkarg auf die Frage, ob die Kunden jetzt beim Diesel wegbleiben. „Nein. Auf keinen Fall.“ Nachfragen nach Abgaswerten? „Gab es bei mir nicht, überhaupt nicht.“ Tatsächlich? Im Neuwagenbereich bittet uns ein Verkäufer, ein Mann um die 40, Platz zu nehmen. Den VW-Skandal spüre er bei der Arbeit. „Ja klar. Die Kunden stornieren Aufträge, teilweise sogar rechtswidrig“, sagt er. „Ich habe diese Woche drei solcher Fälle gehabt, bei denen Kunden versuchen, aus ihren Verträgen herauszukommen.“ Hinzu kämen drei laufende Verkaufsgespräche, die abgebrochen würden. Dann redet er sich in Rage. Er habe aus der Zentrale bisher nur dürftige E-Mails bekommen. Er wisse auch nur soviel, wie in der Presse stehe. Anhand einer Zeichnung erklärt er, wie das mit dem NEFZ-Testzyklus und dieser Schummelsoftware ist. Ob er das denn oft erklären müsse derzeit? Klar, mehrmals jeden Tag. „Wir an der Front dürfen das ausbaden“, sagt er. Besonders für die Verkäufer sei das hart. 2470 Euro Brutto sei das Tarifgehalt eines Auto-Verkäufers. Man lebe im Grunde vor allem vom Absatz. Es gebe Kollegen, die hätten derzeit nur das Bruttogehalt. Davon könne man kaum die Miete zahlen. „Bosch hat diese Software sicher auch anderen verkauft. Die haben bestimmt genauso geschummelt. Nur ist das noch nicht raus“, unkt der Audi-Mann. Drei Monate werde das vielleicht noch dauern, dann seien die anderen auch dran.

"Die Kunden sind eher solidarisch", heißt es bei der Konkurrenz

Eigentlich müsste die Konkurrenz profitieren. Doch die freundliche Dame bei Fiat und Jeep gegenüber kennt auch keine Kunden, die dort wegen des Dieselskandals bei VW erschienen wären. „Drüben ist das ja auch kein Thema. Die haben am Sonnabend den neuen Touran vorgestellt. Da war richtig was los“, sagt die junge Frau. Wir fragen den Serviceleiter, ob die Kunden denn beim Thema Diesel jetzt vorsichtiger sind. „Wir haben da keine Nachfragen“, sagt er. „Wir gehen aber auch ehrlicher mit dem Thema um“, sagt der Kollege am Nachbarschreibtisch. Der Jeep Wrangler mit dem 2,8 Liter Diesel habe Euro 6 nicht geschafft. Dafür wurde eine Ausnahmegenehmigung beantragt. Sind Plug-in-Hybride jetzt mehr gefragt als Diesel? Ein Verkaufsberater eines Mitsubishi-Autohauses in Steglitz erzählt, dass er durchaus einige frühere VW-Kunden in den vergangenen Tagen gehabt habe. Andere seien früher eher Dieselfahrer gewesen. „Da gab es auch Kaufabschlüsse. Aber einen Andrang gibt es jetzt nicht.“ Man werde hierzulande schnell in Sippenhaft genommen, glaubt der Verkäufer. VW sei nun mal ein deutsches Unternehmen. „Da sind die Kunden eher solidarisch oder verdächtigen andere gleich mit.“

16 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben