Wirtschaft : Berliner bezahlen zu viel für Strom

Tausende Kunden sind in einem ungünstigen Tarif – doch die Bewag weist sie nicht darauf hin / Rund 60 Euro Ersparnis möglich

Anselm Waldermann

Berlin - Tausende Berliner bezahlen womöglich zu hohe Stromrechnungen. Das geht aus den Absatzzahlen des Versorgers Bewag hervor, die dem Tagesspiegel vorliegen. Demnach beziehen 84 Prozent der Privatkunden den Tarif „Berlin Klassik“. Dieser Tarif lohnt sich in der Regel jedoch nur für Single-Haushalte – und deren Anteil an allen Berliner Haushalten liegt gerade einmal bei 50 Prozent. In absoluten Zahlen bedeutet das, dass bis zu 570000 der insgesamt 1,7 Millionen Bewag-Kunden einen günstigeren Tarif wählen könnten.

Seit der Liberalisierung des Strommarkts vor sieben Jahren können die Verbraucher ihren Anbieter wechseln. Allerdings sind die allermeisten Berliner der Bewag treu geblieben. Doch auch diese Kunden können zwischen verschiedenen Preismodellen wählen: So bietet die Bewag neben dem Tarif „Berlin Klassik“ zum Beispiel auch „Klassik Plus“ oder „Multiconnect“ an. Welcher Tarif für die Kunden der günstigste ist, richtet sich nach dem Verbrauch und den persönlichen Vorlieben (siehe Tabelle). Allerdings machen nur wenige Berliner von ihrer Wahlmöglichkeit Gebrauch: Gerade einmal vier Prozent der Bewag-Kunden sind im Tarif „Klassik Plus“, acht Prozent haben sich für „Multiconnect“ entschieden. Die große Mehrheit hingegen ist nach wie vor bei „Berlin Klassik“ – dem Tarif, der noch aus alten Monopolzeiten stammt.

Dabei lohnt sich „Berlin Klassik“ preislich nur bei einem Jahresverbrauch von unter 1700 Kilowattstunden (kWh). Das trifft jedoch nur auf Single-Haushalte zu: Denn laut Verband der Elektrizitätswirtschaft (VDEW) verbraucht bereits ein Zwei-Personen-Haushalt durchschnittlich 3000 kWh. Bei einem Wechsel von „Berlin Klassik“ zu „Multiconnect“ könnte ein solcher Haushalt daher mehr als 30 Euro pro Jahr sparen. Bei einem Vier-Personen-Haushalt mit einem Verbrauch von 4400 kWh beträgt die mögliche Ersparnis sogar 63 Euro.

Ein Grund für die geringe Wechselquote der Berliner könnte sein, dass die Bewag in ihren Jahresabrechnungen nicht explizit auf die Alternativen zu „Berlin Klassik“ hinweist. Lediglich im Internet und in Broschüren werden sie erwähnt. „Wer sich dafür nicht bewusst interessiert, bekommt das gar nicht mit“, erklärt Torsten Elsner vom Internetportal Stromtip.de. „Solange der Kunde zahlt, gibt es für den Versorger keinen Grund, ihn davon abzuhalten. Das Ziel ist schließlich die Gewinnmaximierung.“ Bei Stromtip.de seien schon zahlreiche Beschwerden von Kunden eingegangen, die im Tarif „Berlin Klassik“ jahrelang zu viel bezahlt hätten.

Bei der Bewag hingegen weist man jede Verantwortung von sich. „Bei unserer Kundenberatung ist nicht allein der Preis das ausschlaggebende Kriterium“, sagt ein Sprecher. Vielmehr gehe es um die „individuellen Bedürfnisse der Kunden – je nachdem, ob sie Qualitätsstrom oder einfach nur preiswerten Strom beziehen möchten“. Unter Qualitätsstrom versteht die Bewag, die ab Januar wie der schwedische Mutterkonzern „Vattenfall“ heißen wird, zum Beispiel den Tarif „Berlin Klassik“, weil dieser Strom aus umweltfreundlichen Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen in Berlin stammt. Der Strom für „Multiconnect“ hingegen wird unabhängig von der Erzeugungsart in ganz Europa zusammengekauft.

Eine automatische Einstufung in den jeweils günstigsten Tarif lehnt die Bewag ab. „Die Entscheidung trifft bei uns immer der Kunde – je nach seinen persönlichen Ansprüchen“, sagt der Bewag-Sprecher. Das sei wie beim Mobiltelefon, wo die Kunden entsprechend ihren Gewohnheiten den passenden Vertrag wählen.

Rein rechtlich ist der Bewag dafür kein Vorwurf zu machen. „Es gibt keine Pflicht, über günstige Angebote aufzuklären“, erklärt Bernd Ruschinzik von der Verbraucherzentrale Berlin. „Das sind erlaubte Spitzfindigkeiten, die der Gesetzgeber den Energieversorgern zubilligt.“ Der Verbraucherschützer rät Bewag-Kunden daher, konkret nach dem günstigsten Angebot für ihren jeweiligen Stromverbrauch zu fragen. Dann ist der Versorger nämlich verpflichtet, den passenden Tarif zu benennen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben