Berliner Cluster, Teil 1 : Wissen macht Wirtschaft

Mit der Clusterstrategie wollen sich Berlin und Brandenburg profilieren. In unserer Serie lesen Sie, wie sich die einzelnen Wachstumsfelder seit ihrer Einführung schlagen.

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Von der Idee zum Produkt die gesamte Wertschöpfungskette umfassen – das zeichnet ein gut laufendes Cluster aus.
Von der Idee zum Produkt die gesamte Wertschöpfungskette umfassen – das zeichnet ein gut laufendes Cluster aus.Foto: peshkova Fotolia

Der Horizont von Steffen Kammradt ist weiter geworden. Früher, so erzählt der Chef der Zukunftsagentur Brandenburg (ZAB), habe sich die Wirtschaftsförderung auf die Unternehmen konzentriert und beschränkt. Heute dagegen geraten auch Forscher und Anwender in der Blick. Kammradt spricht von einer „neuen Qualität in der Wirtschaftsförderung“ und erläutert das am Beispiel der Gesundheitsbranche, dem ersten gemeinsamen Cluster von Berlin und Brandenburg. Als Anwender gelten hier vor allem Kliniken. Der Clustermanager erkundige sich bei denen nach ihren Bedürfnissen; in Projekten mit Forschungseinrichtungen und Firmen würden dann Lösungen gesucht. „Wir haben mehr Mehrwert für alle Beteiligten“, sagt Kammradt.

Mitte 2011 haben die Regierungen von Berlin und Brandenburg eine gemeinsame Innovationsstrategie (innoBB) verabschiedet, um die Region voranzubringen. Im Kern stehen dabei fünf Cluster – englisch für Bündel oder Traube – auf die sich die Politik konzentriert, weil in diesen Wirtschaftsbereichen Potenz und Potenzial steckt. Inzwischen landet der ganz überwiegende Teil öffentlicher Fördergelder in den Clustern, die früher Kompetenzfelder hießen. Das war 2007 noch so, als es für die Gesundheitswirtschaft als erstem Bereich ein länderübergreifendes Konzept gab: einen Masterplan. Dieser Plan setzt sich aus Handlungsfeldern zusammen, die dann mit Projekten beackert werden. Jedes Cluster bekommt ein Management, das von der Potsdamer ZAB und der Berliner Technologiestiftung (TSB) gestellt wird. Ein ehrenamtlicher Clustersprecher kommt hinzu; beispielsweise ist das für die Gesundheit der frühere Schering-Vorstand Günter Stock (siehe Text unten), für das Cluster Verkehr, Mobilität und Logistik spricht Barbara Lenz vom Zentrum für Luft- und Raumfahrt.

Richtig gut läuft bislang nur das Cluster Gesundheit – weil es hier die meisten Firmen und Forschungseinrichtungen gibt, weil Sprecher und Management gut funktionieren und weil es seit langem einen Masterplan gibt. Der wird bis Mitte nächsten Jahres überarbeitet und die Zahl der Handlungsfelder reduziert. Wenn es bis spätestens Ende 2013 entsprechende Pläne und Projekte für alle Cluster gibt, dürfte endlich Schwung in die Innovationspolitik insgesamt kommen.

An den beteiligten Institutionen soll es nicht scheitern. In Brandenburg sind seit Jahren die klassische Wirtschaftsförderung – Pflege der ansässigen Firmen und Akquise neuer – und die Technologiepolitik unter dem Dach der ZAB vereint. In Berlin wird das nun angegangen. Jedenfalls war das Ende August der Entschluss von Wirtschaftssenatorin Sybille von Obernitz. Bis Ende nächsten Jahres soll die Innovationsagentur der Technologiestiftung mit der Wirtschaftsförderung Berlin Partner fusioniert werden.

Der Plan ist alt und wird von großen Teilen der Wirtschaft unterstützt. Aber Obernitz musste zwischenzeitlich abtreten, und es gibt Widerstände in der Technologiestiftung. Nicht nur bei deren Chef Norbert Quinkert (siehe Interview rechts), sondern auch im Kuratorium. Beispielsweise hält TU-Präsident Jörg Steinbach, stellvertretender Vorsitzende des Kuratoriums, nicht viel von der Fusion.

Tatsächlich sind einige Fragen zu klären. Wenn die TSB Innovationsagentur GmbH mit Berlin Partner verschmolzen wird, erweitert sich der Gesellschafterkreis. Bislang sind die landeseigenen Investitionsbank Berlin (IBB) und die privatwirtschaftliche Partner-Holding/Gesellschaft für Hauptstadtmarketing die mit Abstand größten Anteilseigner. Ferner gehören IHK, Handwerkskammer und Unternehmensverbände dazu. Wenn die TSB, die als strategischer Think Tank weiterexistieren wird, ihre operative Einheit verliert, dann will sie einen entsprechenden Anteil an „Berlin Partner für Forschung und Innovation“, wie die neue Gesellschaft heißen könnte. Aber welcher Altgesellschafter gibt Anteile ab? Und wer leitet die neue Organisation? Ein Geschäftsführer für das Management, wie es jetzt Melanie Bähr bei Berlin Partner ist, plus ein Geschäftsführer für Technologietransfer, wie Adolf Kopp bei der Innovationsagentur? Und wer kümmert sich um die Akquise?

Auf diese Fragen müssen die neue Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) und der Fusionsbeauftragte Günter Stock Antworten finden. Auch auf Budgetfragen. TSB-Chef Quinkert wünscht sich eine „Grundfinanzierung“ die der neuen Gesellschaft mehr Spielräume eröffnet als der jetzigen Innovationsagentur. In den vergangenen zehn Jahren sind Quinkert zufolge mehr als 100 Millionen Euro EU-Mittel in Berliner Innovationsprojekte geflossen. Die EU finanziert aber nur 85 Prozent der Projektkosten, 15 Prozent müssen von der Innovationsagentur kommen – die oft nicht die erforderlichen Mittel hatte. Wenn das künftig anders wird, wäre das gut für die Hauptstadtregion. Und ein gewichtiges Argument für die Fusion.

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