Berliner Cluster, Teil 2 : Gesundheitswirtschaft - Wirtschaft nach Plan

Die Gesundheitswirtschaft der Region soll mit Hilfe eines Masterplans entwickelt werden. Leuchtturmprojekte funktionieren vor allem mit Hilfe öffentlicher Mittel.

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Vielleicht kommt etwas dabei raus. Das Biotechnologieunternehmen Celltrend aus Luckenwalde will künftig mit dem Krankenhaus in Treuenbrietzen zusammenarbeiten. Es geht um Krebsdiagnose. Im Bereich Lungenkrebs ist die 400-Betten-Klinik in Treuenbrietzen führend in Brandenburg. Bei Celltrend, 1998 gegründet, beschäftigen sich die zehn Mitarbeiter unter anderem mit Wirkstoffanalyse. Vertreter des Krankenhauses und der Biotechfirma trafen am vergangenen Mittwoch in Luckenwalde bei einer Clusterkonferenz zusammen, lernten sich kennen und verabredeten die Kooperation. „Ein Zufallstreffer“, wie Kai Bindseil zugibt. „Aber das ist ja der Sinn der Sache.“

Bindseil, promovierter Chemiker und angestellt bei der Technologiestiftung Berlin (TSB), hat auf der Visitenkarte „Cluster Manager Health Capital“ stehen. Das ist eine Mischung aus Eventmanager und Heiratsvermittler, wie er selbst meint: Auf Konferenzen, Tagungen und Workshops versucht der Clustermanager, Leute aus der Gesundheitsbranche zusammenzubringen: Forscher und Ärzte, Klinikleiter und Kassenfunktionäre, Medizintechniker, IT-Experten, Verwaltungsmenschen und Politiker. Viel Arbeit für Bindseil, auf rund 80 Veranstaltungen kommt die TSB im Jahr. Und deckt damit nur einen Bruchteil der diversen Bereiche und Aktivitäten der Gesundheitswirtschaft ab: In Berlin und Brandenburg gibt es fast 6000 Unternehmen mit 275 000 Beschäftigten. Und sieben Technologieparks mit Schwerpunkten in den sogenannten Lebenswissenschaften.

Am Mittwoch in Luckenwalde waren rund 35 Personen zugegen. Ein wichtiges Thema waren die „schwierigen Abrechnungsmodalitäten bei der Diagnostik“, wie Bindseil sagt. Die Konferenz hat einen Impuls dafür gesetzt, dass Ärzte, Kassen- und Firmenvertreter sich nun über eine Verbesserung von Versorgungsverträgen austauschen. Auch um solche vermeintlich kleinen Dinge geht es auf dem weiten Feld der Gesundheitswirtschaft. Und fast immer geht es um Geld.

Die Firma Berlin Heart ist mit ihren Produkten Weltmarktführer: Herzunterstützungssysteme für Kinder, eine Überbrückungslösung bis zur Herztransplantation. 1996 wurde das Unternehmen durch das Deutsche Herzzentrum Berlin und private Investoren gegründet. In der Anfangsphase half die TSB mit einer stillen Beteiligung bei der Finanzierung. „Heute stellt die TSB Weichen zu Förderprogrammen“, sagt Berlin-Heart-Finanzchef Sven-René Friedel. Gefördert werden Technologien und Menschen, etwa Uni-Absolventen mit dem Landesprogramm „Innovationsassistent“. Ein guter Draht hilft bei den Förderanträgen, sagt Friedel, und diesen Draht in Politik und Verwaltung haben die Partner von der TSB. Und sie kennen die Szene. „Man kann die anrufen“, sagt Friedel, „wenn man zum Beispiel jemanden sucht, der bestimmte Oberflächengüter bei Metallen sucht, die in Kontakt mit Blut kommen“.

Gesundheit ist ein riesiges Geschäft – und der Steuerzahler ist dabei. Allein die Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft und die landeseigene Investitionsbank IBB stecken jedes Jahr rund 50 Millionen Euro an Fördermitteln in den Bereich. Dazu kommen Bundes- und EU- Mittel. Allein das Bundesforschungsministerium fördert 122 Projekte nur im Bereich der Biotechnologien. Die Firmen oder Institute zu den passenden Fördertöpfen zu führen, ist auch eine Aufgabe des Clustermanagements. Und das Einwerben von Projekten, die dann mit staatlichen Mitteln in Gang kommen. Wie zum Beispiel Fontane.

Weil es zu wenige Kardiologen auf dem flachen Land gibt, sterben in Nordbrandenburg etwa 40 Prozent mehr Menschen an den Folgen einer Erkrankung des Herz-Kreislauf-Systems als im Durchschnitt der Republik. Einen bundesweiten Wettbewerb zum Thema „Gesundheitsregionen der Zukunft“ gewannen die Fontane-Initiatoren aus der Charité. Mit IT-Partnern, Arztpraxen, Kassen und Kliniken, ausgewählten Patienten und diversen Geldgebern wird nun bis 2015 getestet, ob den herzkranken Menschen in der Provinz mit Hilfe der Telemedizin geholfen werden kann. „Am Ende kriegen wir das hier gerissen“, freut sich Projektleiter Friedrich Köhler, „das Zusammenspiel von Metropole und strukturschwachem Raum.“

Rund zehn Millionen Euro für Fontane kommen vom Land Brandenburg und dem europäischen Fonds für regionale Entwicklung sowie den beteiligten regionalen Partnern für die technische Entwicklung. Die Telekom ist mit einem Millionenbetrag dabei, und das Bundesforschungsministerium beteiligt sich mit mehr als acht Millionen Euro an der klinischen Studie. „Alles in allem ist das ein richtig großes Vorhaben“, sagt Projektleiter Köhler, der als Kardiologe in der Charité arbeitet.

Fontane ist beispielhaft für eine ideale Arbeitsteilung von Berlin und Brandenburg. Und doch gibt es Friktionen zwischen den Ländern, die naturgemäß ihre eigenen Interessen vertreten. Deshalb ist es auch kein Wunder, wenn ein Cluster wie die Gesundheitswirtschaft, in dem rund ein halbes Dutzend Ministerien und Senatsverwaltungen mitmischen, eine zähe Veranstaltung ist. Dabei liegt die Gesundheitswirtschaft im Vergleich zu den anderen vier Clustern weit vorn, denn hier gibt es bereits einen Masterplan. Und das schon seit 2007. Dieser Plan wiederum setzt sich aus einem Dutzend Handlungsfeldern zusammen, zum Beispiel Medizintechnik, Angebote für ältere Menschen, Prävention und Reha, Export von Gesundheit/Gesundheitstourismus.

Das alles war zu viel des Guten. Im Auftrag der Berliner Wirtschaftsverwaltung und des Brandenburger Gesundheitsministeriums hat das Institut Arbeit und Technik aus Gelsenkirchen die bisherige Clusterpolitik untersucht und kommt dabei zu einem naheliegenden Ergebnis: Es gibt zu viele Handlungsfelder im Masterplan. „Berlin ist das Land der Masterpläne und Konzepte“, hat die neue Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (parteilos, für die CDU) am vergangenen Freitag, ihrem ersten Tag im Amt, gemeint. Ihr Anspruch, diese schnell in die Tat umzusetzen, ist aller Ehren wert. Aber nicht sehr realistisch.

Am 26. Oktober werden die Evaluierungsergebnisse im Rahmen einer Konferenz des Clusters Gesundheit vorgestellt. Und es werden die Felder diskutiert, die in den kommenden Jahren den Cluster prägen sollen: Erstens Krankenhäuser und ambulante Versorgung, zweitens Biotechnologie und Pharma, drittens Medizintechnik und Health IT sowie schließlich Prävention, Reha und Gesundheitsförderung. Fachkräfte sind als Querschnittsthema identifiziert, das für alle vier Bereiche relevant ist.

Clusterchef Bindseil zufolge braucht jedes Handlungsfeld einen Verantwortlichen, der sich hauptamtlich um den Bereich kümmert. Ansonsten bleibt es bei guten Absichten, wie zum Beispiel beim Masterplan Industrie des Berliner Senats: Der hat sogar 34 Handlungsfelder oder -projekte, die aber nicht durch eine professionelle Arbeitsstruktur unterlegt sind.

Da ist die länderübergreifende Clusterpolitik zumindest bei der Gesundheit schon weiter. Allerdings dauert es Bindseil zufolge noch ein Jahr, bis der neue Masterplan steht: Auf die Evaluierung folgen im ersten Halbjahr 2013 sogenannte Werkstattgespräche, dann geht ein Entwurf des neuen Masterplans in die Politik. Über allen Clustern schwebt ein Lenkungskreis aus Staatssekretären der beiden Bundesländer. „Viele Kräfte wollen gebündelt werden“, weiß Clustermanager Bindseil aus Erfahrung.

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