Berliner Filmfirma Senator : Zurück in die Zukunft

Die Berliner Filmfirma Senator wird aus der Insolvenz entlassen – und kämpft mit Gerichten und der Vergangenheit

Henrik Mortsiefer

Berlin - Der Horror soll für den Berliner Filmproduzenten und -verleiher Senator Entertainment ein Ende haben. In zehn Tagen, am 31. März, soll das Unternehmen aus der Insolvenz entlassen werden - mit neuen Eigentümern, befreit von Millionenschulden und mit einer radikal dezimierten Mannschaft. Doch will in den Geschäftsräumen in der Rankestraße 3 keine rechte Feierstimmung aufkommen. Vom Glanz des Filmgeschäfts, der Senator einst zum Star am Neuen Markt machte, ist wenig übrig geblieben. Anfang des Monats verhinderte das Oberlandesgericht Frankfurt, dass sich Senator mit einem Knalleffekt beim Kinopublikum zurückmelden kann. Das Gericht verbot die Premiere des Menschenfresser-Films „Rohtenburg“, die eigentlich für den 9. März geplant war.

Die Richter sahen in dem „Real-Horrorfilm“ über den als „Kannibalen von Rohtenburg“ bekannten Armin Meiwes dessen Persönlichkeitsrechte verletzt. Senators neue Eigentümer, der Kölner Medienanwalt Helge Sasse und der Filmproduzent Marco Weber, wollen nun bis vors Bundesverfassungsgericht ziehen, um neuen Schaden von Senator abzuwenden. Die Rede ist von einem Gewinnausfall von bis zu einer Million Euro. Ins Kino bringt Senator am 13. April jetzt die romantische Komödie „Reine Formsache“ – einen „Film für Frischverliebte und alle, die an die große Liebe glauben“. Leichte Kost statt Horror.

„Das Verbot von ’Rohtenburg’ ist sehr ärgerlich, aber kein Drama für Senator“, sagt Vorstandschef Christopher Borgmann im Gespräch mit dem Tagesspiegel. „Ich gehe nicht davon aus, dass wir einen wirtschaftlichen Schaden haben.“ Auch Helge Sasse winkt ab: „Der Schaden ist marginal.“ Wer ihn zu tragen habe, falls er dennoch eintrete, sei „eine rechtlich komplizierte Frage“. „Mit Streit ist nicht zu rechnen“, sagt Sasse. Er und Borgmann hoffen, dass der Produzent Atlantic Streamline für die Anlaufkosten und entgangene Einnahmen aufkommt.

Aktionärsvertreter teilen diese Hoffnung nicht. „Da kommt wahrscheinlich ein Prozess auf Senator zu“, glaubt Michael Kunert von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). „Dass das Rohtenburg-Verbot keine Auswirkungen für Senator haben soll, ist verharmlosend.“ Doch Sasse und Borgmann bleiben dabei. Senator sei auf gutem Wege. Mit deutschen Filmen, einem Schwerpunkt im Verleih und selektiv eingekauften internationalen Filmlizenzen wolle man ins Geschäft zurückkehren. „Die Lektionen haben wir aus der Vergangenheit gelernt“, versichert Borgmann. Eine Million Euro Gewinnausfall durch „Rohtenburg“? Aus der Luft gegriffen!

Mit Luftnummern hat Senator schlechte Erfahrungen gemacht. Der ehemalige Vorstandschef des Unternehmens, Hanno Huth, hatte mit Anlegerkapital und Hilfe der Banken große Filmpakete teuer eingekauft – und sich dabei verspekuliert. Senator geriet 2004 in Zahlungsschwierigkeiten, die Aktie stürzte ab. Eine Beteiligung an der Kinokette Cinemaxx, die 166 Millionen Euro gekostet hatte, musste abgeschrieben werden. Zum Schluss stellte die Gläubigerversammlung einen Schuldenberg von 180 Millionen Euro fest. Senator war am Ende. Das folgende Insolvenzverfahren unter der Regie der Deutschen Bank und dem Berliner Insolvenzverwalter Rolf Rattunde zog sich hin. Nach Kapitalschnitt, Aktionärsklagen und einer Reduzierung des Personals von 130 auf 20 stieg schließlich im Oktober 2005 die Investmentfirma HSW, hinter der Sasse und Weber stehen, als Mehrheitseigentümer ein. Auch prominente Privatinvestoren wie der Karstadt-Quelle-Chef Thomas Middelhoff sollen Anteile halten. 30 Prozent liegen noch bei der Deutschen Bank. „Wir würden gerne die restlichen Anteile übernehmen“, sagt Helge Sasse.

Dahinter steht wohl auch der Versuch, das angespannte Verhältnis zur Berliner Produktionsfirma X-Filme zu beruhigen, an der Senator mehrheitlich beteiligt ist und die für den Neustart von zentraler Bedeutung sein könnte. X-Filme, das sind der Produzent Stefan Arndt sowie die Regisseure Tom Tykwer, Dani Levy und Wolfgang Becker – und Kassenschlager wie „Lola rennt“ oder „Good Bye, Lenin!“, mit denen Senator sich einst schmückte.

Das Problem: Die X-Filmer, deren Unternehmen gesund ist, haben sich während des Insolvenzverfahrens mit den Controllern der Deutschen Bank derart überworfen, dass sie am liebsten wieder Herren im eigenen Haus sein würden. Der Rückkauf der Senator-Anteile scheiterte bisher allerdings an den Preisvorstellungen. „Wir schätzen den Wert auf 3,7 Millionen Euro, andere Gutachten kommen auf bis zu 14 Millionen Euro“, sagte Stefan Arndt dem Tagesspiegel. Was ihn besonders ärgert: „Wir haben investiert, sind gewachsen und haben sehr erfolgreiche Filme produziert – Senator hat das Geld seiner Aktionäre verbrannt.“ Dass X-Filme jetzt für seine Unabhängigkeit draufzahlen solle, sei indiskutabel. Mit den neuen Eigentümern von der HSW bestehe im Prinzip aber kein Dissens, betont der Produzent. Allein die scharf kalkulierende Deutsche Bank hat noch ein Wort mitzureden. Die X-Regisseure Becker, Tykwer und Levy haben unterdessen Konsequenzen aus der endlosen Geschichte gezogen. Sie gründeten unlängst eine neue Firma: Y-Filme. „Wir wollen keinen Streit mit Senator“, sagt Arndt, der die Zusammenarbeit mit seinen Regisseuren fortsetzen will. „Aber wir erwarten vertrauensbildende Maßnahmen.“ Für Senator ist der Rückzug der Kreativen ein Warnsignal: Die Vergangenheit lässt die Berliner Traumfabrik noch nicht los.

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