Berliner Firmen : Volle Akkus für die Energiewende

Neue Stromspeicher, Solar- und Windkraft: Berliner Firmen setzen auf den Ausstieg aus der Atomkraft. Für die klimaschonende Energiegewinnung kommen neben Photovoltaik und Solarthermie auch Biomasseverbrennung in Kraftwerken und Geothermie infrage.

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An der Solartankstelle. Younicos erprobt in Adlershof Stromspeicheranlagen. Solarzellen speisen den Riesen-Akku darunter, an dem Elektroautos aufgeladen werden können.
An der Solartankstelle. Younicos erprobt in Adlershof Stromspeicheranlagen. Solarzellen speisen den Riesen-Akku darunter, an dem...Foto: picture alliance / dpa

Alexander Voigt träumt von den Azoren – aber nicht vom Strandurlaub, sondern von einem Pilotprojekt für erneuerbare Energien. Ab 2012 will seine Firma Younicos mit Riesen-Akkus dazu beitragen, dass 4500 Bewohner der Insel Graciosa ihren Strom zu mehr als 75 Prozent aus Sonnen- und Windkraft beziehen. Doch auch in Deutschland steigt das Interesse, seit sich mit der Debatte um den schnellen Ausstieg aus der Atomkraft eine Wende in der Energiepolitik abzeichnet.

„Die Leute interessieren sich brennend für unsere Speicher“, sagt der 46-jährige Voigt, der auch Mitbegründer der Solarunternehmen Solon und Q-Cells ist. Jetzt habe sich die Zahl der Anfragen nochmals „deutlich erhöht“, sagt Firmensprecher Philip Hiersemenzel. Nur Vertragsabschlüsse gebe es noch nicht; das Atom-Moratorium nach der Reaktorkatastrophe in Japan gelte schließlich erst seit wenigen Tagen. Younicos ist Mieter bei Solon in Adlershof, derzeit simulieren die 40 Mitarbeiter mit Natrium-Schwefel-Akkus die autarke Versorgung einer Gemeinde mit 1500 Einwohnern. Auch andere Produkte sind gerade marktreif geworden: In Darmstadt und Texas werden Stromspeicher für Wohnhäuser erprobt, und ein kleiner Akku für Büros wird bald auf Fachmessen vorgestellt. Die Stärke der Technologie sieht Voigt in der dezentralen Versorgung. So müssten weniger Überlandleitungen gebaut werden, um Ökostrom zu transportieren.

Einen Erfolg meldet auch ein anderer Entwickler: Das Berliner Start-up DBM Energy ließ seinen Lithium-Polymer-Akku für Elektroautos von der Bundesanstalt für Materialprüfung und -forschung (BAM) testen. Nun sieht die Firma die Zweifel an der Sicherheit und Zuverlässigkeit ihrer Technologie widerlegt, die nach einer Probefahrt von München nach Berlin aufgekommen waren. Derweil plant die Firma yoove Mobility ab Mitte April die „deutschlandweit erste Vermietung von Elektroautos“. Diese sollen unter anderem in Hotels ausgeliehen werden können – ähnlich wie die Segway-Elektroroller, die yoove bereits anbietet. Diese Entwicklungen passen zum Ziel des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD), Berlin zum „Leitmarkt für Elektromobilität“ zu machen.

Im Labor. Firmenchef Alexander Voigt an einer Stromverteileranlage. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Im Labor. Firmenchef Alexander Voigt an einer Stromverteileranlage. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Mit einem höheren Ökostrom-Anteil rechnet die Unternehmerin und Präsidentin des „Berlin Solar Network“, Dagmar Vogt. Ihre Firma ib Vogt plant und baut Fotovoltaik-Fabriken. Mehr Aufträge gibt es zurzeit zwar nicht, doch nach Vogts Eindruck machen sich immer mehr Verbraucher „Gedanken darüber, wo der Strom herkommt“ und erwägen den Umstieg auf „sauberen Strom“ – was mittel- bis langfristig die Nachfrage nach den Anlagen aus Charlottenburg steigern werde. Bei Politikern stoße sie „noch mehr auf offene Ohren“, sagt Vogt. Bisher sei die Kostenfrage „immer zum Nachteil der Solarenergie ausgelegt“ worden. Beim Solarmodulhersteller Sulfurcell spürt der Gründer Nikolaus Meyer eine „gewisse Belebung“ des Geschäfts, die er zum Teil auf den „Japan-Effekt“ sowie auf saisonale Gründe zurückführt. Die energiepolitische Diskussion bringe die Branche voran, glaubt er. Schon 2010 sei für Sulfurcell ein „starkes Jahr“ gewesen, in dem „mehr Fotovoltaikanlagen als je zuvor installiert wurden“. Allerdings gerieten die Hersteller durch Konkurrenz aus China „unter Druck“.

Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) erwartet einen „weiteren Schub“ für regenerative Energien, falls sich die Bundesregierung zum „konsequenten Kurswechsel in der Atompolitik“ entschließe. Das Bewusstsein der Bevölkerung habe sich verändert, sagt Wolf. Dies könne zur „größeren Akzeptanz höherer Energiepreise“ führen, die der Ausbau grüner Energien mit sich bringe. Die Investitionsbank fördere viele Projekte. Zudem will die Berliner Volksbank ihr Kreditvolumen für Vorhaben mit erneuerbaren Energien auf 100 Millionen Euro verdoppeln.

Für die klimaschonende Energiegewinnung kommen in der Stadt neben Photovoltaik und Solarthermie auch die Biomasseverbrennung in Kraftwerken und Geothermie infrage. Die Gasag prüft zum Beispiel, ob es Heißwasser unter dem Tempelhofer Flugfeld gibt. In Pankow steht seit 2008 eine Windkraftanlage, der Betreiber plant in dem Außenbezirk bereits den zweiten Standort. Aus dem Senat hieß es am Dienstag, auch auf Berlins Stadtgütern im Umland seien Windkrafträder denkbar.

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