Wirtschaft : Berliner Freiverkehr AG vor kräftiger Expansion

JOACHIM HOFER

Für 1998 zehn Neuemissionen anvisiert / Holding-Struktur vorgesehen / Pläne für das Investmentbanking stützen den eigenen KursVON JOACHIM HOFER

BERLIN. Die Berliner Freiverkehr (Aktien) AG steht vor einer kräftigen Ausweitung ihres Geschäftes.Bereits Ende November werde er die neue Struktur des Unternehmens bekanntgeben, sagte Freiverkehrs-Vorstand Holger Timm dem Tagesspiegel.Demnach wird die erfolgreiche Börsenmaklerfirma eine Holdingstruktur bekommen.Die verschiedenen Geschäftsfelder sollen damit getrennt werden.Timm kündigte auch personelle Verstärkungen an und den Umzug vom bisherigen Firmensitz in einer Villa im Grunewald auf 1200 Quadratmeter in ein Bürohaus am oberen Ende des Berliner Kurfürstendamms.Künftig werde die Freiverkehr AG bei Neuemissionen "alles aus einer Hand" anbieten.Dazu zähle auch die zeitlich befristete Beteiligung an Firmen, die kurz vor dem Börsengang stehen. Mit der Umstrukturierung reagiere das Unternehmen unter anderem auf die "vielen Anfragen", die von Unternehmen für Börseneinführungen vorlägen.Täglich würden ein bis zwei Firmen auf die Freiverkehr AG zukommen, die den Gang an die Börse im Visier haben.Für 1998 lägen bereits erste Vorverträge vor.Timm rechnet insgesamt mit zehn Neuemissionen, die er begleiten werde.Darunter sei mindestens eine Berliner Firma.Voraussichtlicher Zeitpunkt: April.Einen Emissionskalender kündigte der Börsenmakler für kommenden Januar an.In diesem Jahr sei mit keiner Neueinführung mehr aus seinem Haus zu rechnen. Die Berliner Freiverkehr AG gilt als eine der erfolgreichsten Börseneinführungen des Jahres.Seit Juni haben sich die Anteilsscheine von 100 auf über 500 DM verteuert."Der Kursverlauf spiegelt die Phantasie im Neuemissionsgeschäft wider", beurteilt Timm die Preissteigerung seines Titels.Das Vorhaben, sich verstärkt im Investmentbanking zu engagieren, stütze den Kurs.Ferner seien alle Neuemissionen der Berliner Freiverkehr in diesem Jahr große Erfolge gewesen.Sämtliche Börsengänge seien um ein Vielfaches überzeichnet gewesen.Deshalb seien Überlegungen im Gange, das Zuteilungsverfahren zu verändern.Während bislang alle Bewerber um junge Aktien gleichbehandelt wurden, sei künftig die Bevorzugung von eigenen Kunden oder Aktionären möglich. Ziel sei es, Käufer zu finden, die die ausgegebenen Aktien möglichst lange halten.Dabei habe die Freiverkehr AG bereits einen festen Kundenstamm kleinerer professioneller Investoren ­ "Kundschaft, die man pflegen möchte", so Timm.Generell strebe er eine ausgewogene Verteilung zwischen institutionellen und privaten Anlegern an.Dies entspreche den Wünschen der Unternehmen, die meist an einer breiten Streuung ihrer Aktien interessiert seien. Das eigene Unternehmen will Timm im Frühjahr 1998 an den Neuen Markt in Frankfurt (Main) bringen.Ende März/Anfang April soll die Hauptversammlung dazu ihre Einwilligung geben.Daneben sollen dann im Verhältnis 1 zu 1 Gratisaktein ausgegeben und eine Kapitalerhöhung beschlossen werden. Berlin bleibe bei all den ehrgeizigen Planungen der Mittelpunkt der Arbeit, betonte Timm.In Zeiten computerisierten Börsenhandels sei der Standort freilich nicht mehr entscheidend.Neben Berlin hat das Unternehmen eine Filiale in Frankfurt.Der dort angesiedelte Neue Markt habe sich bei Privatanlegern etabliert.Langfristig wünsche er sich aber eine andere Aufteilung der Marktbereiche, die für Anleger leichter verständlich sei als die gegenwärtige Unterteilung in Amtlicher Handel, Geregelter Markt, Neuer Markt und Freiverkehr.Kriterien könnten etwa Transparenz und Liquidität eines Unternehmens oder auch die Aktienumsätze sein.Für Berlin sei ferner ein Segment für Osteuropatitel möglich oder ein spezieller Markt für Risikokapital.Den Präsenzhandel an der Börse sieht Timm langsam verschwinden.Das neue elektronische Handelssystem Xetra werde das Parkett aufs Abstellgleis schieben.In dem computerisierten, zunehmend globalen Handel hätten einzelne Makler keine Chance. Konkurrenz wittert Timm auf dem profitablen Feld der Neuemissionen.Bei einem Potential von 200 bis 300 Börsengängen pro Jahr sei das Geschäft für Ausländer interessant.Dabei schließt Timm eine Minderheitsbeteiligung an seinem Unternehmen ­ auch von einer deutschen Bank ­ nicht aus. Für alle Betriebe, die sich ihr Kapital über die Börse beschaffen wollen, hat die Freiverkehr AG ab Ende des Monats einen neuen Ratgeber parat: "Das Ende des Kapitalmangels" lautet der Titel eines Buches, das als Leitfaden für den Jungunternehmer dienen soll.

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