Berliner Gründerszene : 25 Start-ups in zwei Jahren

Die Firma Project A aus Berlin baut ein Start-up nach dem anderen auf. Sie sind nicht die einzigen Wiederholungstäter.

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Guter Rat. Uwe Horstmann von Project A (links) hilft Gründern dabei, ihr Unternehmen aufzubauen – zum Beispiel Stephan Linden (Mitte) und Christian Hoya, die Weine im Internet verkaufen.
Guter Rat. Uwe Horstmann von Project A (links) hilft Gründern dabei, ihr Unternehmen aufzubauen – zum Beispiel Stephan Linden...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Wer einmal ein Unternehmen gegründet hat, will es immer wieder tun. So geht es zumindest Uwe Horstmann. Zusammen mit Thies Sander, Christian Weiß und Florian Heinemann hat er vor zwei Jahren in Berlin Project A aufgebaut: ein Start-up, das andere Start-ups gründet. „Bei uns gibt es keinen Alltagstrott“, sagt Horstmann. Immer wieder auf ein Neues verfolgt er das Ziel, ein Unternehmen am Markt zu etablieren. „Bei jedem Projekt fangen wir von vorne an“, sagt er. Andere würde diese laufenden Neuanfänge frustrieren – Uwe Horstmann treiben sie an.

25 Start-ups in zwei Jahren

25 Start-ups hat die Berliner Firma in den vergangenen zwei Jahren bereits aufgebaut: zum Beispiel Tirendo, einen Onlineshop für Autoreifen, oder Kochzauber, einen Lieferdienst für Lebensmittel. Project A begleitet die Gründer bei ihren ersten Schritten und hilft ihnen aus einer Idee ein marktfähiges Produkt zu machen. Anders als klassische Risikokapitalgeber bringen die Vier nicht nur Geld in die Start-ups ein, sondern auch Wissen: Sie übernehmen das Onlinemarketing, helfen das richtige Personal zu finden und die IT aufzubauen. Dafür erhalten Horstmann, Sander, Weiss und Heinemann Anteile an den jungen Unternehmen. Geht ihr Plan auf, verkaufen sie die Anteile nach einiger Zeit mit Gewinn. Klappt das nicht, verbuchen sie es unter Erfahrung und versuchen, die gleichen Fehler nicht noch einmal zu machen.

Das Geschäftsmodell ist riskant. Es funktioniert nur, wenn mehr ihrer Start-ups Erfolg haben als scheitern. Bislang kann Uwe Horstmann sich aber nicht beklagen: „Unsere Erfolgsquote ist recht hoch“, sagt er. Horstmann und seine drei Mitstreiter beschäftigen in Berlin mittlerweile 100 Mitarbeiter.

Die Konkurrenten heißen Team Europe und Rocket Internet

Project A ist nicht die einzige Firma in Berlin, die sich darauf spezialisiert hat, Start-ups in Serie zu gründen. Die beiden Konkurrenten in der Hauptstadt heißen Team Europe und Rocket Internet. Experten nennen diese Firmen auch „Company Builder“, Firmen-Erbauer. „Was da gerade stattfindet, ist eine Industrialisierung der Gründerszene“, sagt Unternehmensberater Jan Evers. Er hat das Phänomen in einer Studie für das Bundeswirtschaftsministerium untersucht. „Company Builder bauen IT-Firmen sehr schnell auf, fast wie am Fließband“, sagt Evers. Besonders gut klappe das, wenn die Seriengründer einfach Geschäftsmodelle etablierter Start-ups kopierten.

Auf diese Strategie setzt zum Beispiel die Berliner Start-up-Schmiede Rocket Internet, hinter der die drei Samwer-Brüder stehen, die einst den Klingeltonanbieter Jamba gegründet haben. Heute verdienen sie ihr Geld, in dem sie zum Beispiel IT-Firmen aus den USA wie den Onlinehändler Amazon kopieren und das Geschäftsmodell auf neue Länder übertragen. In Nigeria heißt ihr Amazon-Klon Jumia, in Asien Lazada und in Lateinamerika Linio.

Auch Uwe Horstmann, Thies Sander, Christian Weiss und Florian Heinemann haben früher bei Rocket Internet gearbeitet. Die vier Freunde saßen dort in der Geschäftsführung – bis sie sich vor zwei Jahren entschieden, eigene Wege zu gehen und Project A gründeten. Anders als Rocket Internet bauen sie nicht nur selbst Start-ups auf, sondern investieren vor allem in Teams, die sich mit einer Idee oder einem ersten Produkt an sie wenden.

Das Team steht an erster Stelle, dann das Geschäftsmodell

So war das zum Beispiel beim Start-up Wine in Black. Die beiden Gründer, Stephan Linden und Christian Hoya, hatten sich im Sommer 2011 in den Kopf gesetzt, teure Weine übers Internet zu verkaufen. Ein halbes Jahr später hatten sie bereits erste Kunden. Das Konzept schien zu funktionieren, doch sie brauchten Kapital und sie wollten schneller wachsen. Bei beidem hat ihnen Project A geholfen.

Die Firma investierte bei Wine in Black und hält bis heute 35 Prozent an dem Start-up. „Project A hat uns geholfen, in kurzer Zeit viel zu schaffen“, sagt Linden. Die Gründerschmiede unterstützte die beiden dabei, eine IT-Infrastruktur aufzubauen, die richtigen Mitarbeiter zu finden und online zu werben. Heute, zwei Jahre nach dem Einstieg von Project A, beschäftigt Wine in Black 40 Mitarbeiter und hat sein Geschäftsmodell in die Niederlande, nach Frankreich und Österreich ausgeweitet. So weit, dass Project A seine Anteile verkauft, ist es aber noch nicht. „Wir können noch viele Potenziale schöpfen“, sagt Linden.

Immer wieder nimmt Project A auch Gründer auf, die noch kein bis ins letzte Detail ausgereiftes Geschäftsmodell haben. Das sei okay, sagt Horstmann. „Noch wichtiger als die Idee ist das Team.“ Die Gründer müssten die richtige Einstellung haben. Nur wer sehr ehrgeizig ist und um jeden Preis etwas Eigenes aufbauen will, passe zu ihnen, sagt Horstmann. Oft sitzt er tagelang mit seinen Mitarbeitern zusammen und denkt über Firmenkonzepte nach. „Es kann passieren, dass wir 49 Ideen verwerfen. Und die 50. Idee ist es dann.“

Noch fehlt in der Berlin der große Erfolg

Regelmäßig heißt es, was Berlin fehle, seien die großen Erfolge. Obwohl die Stadt seit Jahren Gründer anzieht, ist hier bislang keine IT-Firma entstanden, die auch nur annähernd mit den Großen der Branche wie Google, Twitter oder Facebook mithalten kann. Ob das nächste große Ding aus einer der Start-up-Fabriken wie Project A kommt? Unternehmensberater Evers will darauf nicht wetten. „Die große Frage ist, ob diese Entwicklung nachhaltig ist“, sagt er. „Das werden wir allerdings erst in fünf bis zehn Jahren sehen.“ Wie viele der Firmen, die Seriengründer wie Project A, Team Europe oder Rocket Internet derzeit aufbauen, wird es dann noch geben?

Immerhin zwei Start-ups hat Project A bereits wieder verkauft. Für Tirendo, den Onlineshop für Autoreifen, zahlte die Konkurrenz 50 Millionen Euro. Metrigo, ein Dienstleister für Onlinemarketing, ging für einen Millionenbetrag an den Multimedia-Dienstleister Zanox.

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