Berliner Ideal wird 100 : Das Ende als Anfang

Gegründet wurde sie in Neukölln als Volksfeuerbestattungsverein, heute ist die Ideal-Versicherung der führende Senioren-Versicherer in Deutschland. Das wird gefeiert - ein Ortstermin.

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Der Chef: Rainer Jacobus
Der Chef: Rainer JacobusFoto: promo

Was ist eine halbe Stunde verglichen mit 100 Jahren? Ein Flügelschlag der Geschichte. Aber wenn man gezwungen ist, 30 Minuten zu überbrücken, weil einer der Hauptredner – IHK-Chef Eric Schweitzer – sein Redemanuskript im Büro hat liegen lassen, dann kann eine halbe Stunde ganz schön lang werden. Zum Glück gibt es über die Ideal-Versicherung, deren 100 Geburtstag an diesem Montag mit einem Festakt gefeiert wird, auch einiges zu sagen. Und das macht ihrem Chef, Rainer Jacobus, die Aufgabe dann doch wieder leicht.

100 Jahre Ideal-Versicherung, das sind auch 100 Jahre Berlin. Versicherungsgeschichte und Stadtgeschichte sind mit einander verwoben. Schon bei der Gründung. Damals, 1913, strömten die Menschen zuhauf vom Land in die Stadt, sie schufteten in Fabriken und hatten doch kaum genug zum Leben. Geschweige denn zum Sterben. Denn für Beerdigungen war erst recht kein Geld da. Nicht selten trieben die Kosten einer Bestattung den Rest der Familie in den Ruin. Das wollten die zwei Dutzend Herren ändern, die sich am 19. Januar 1913 in der Neuköllner Erkstraße trafen. Sie gründeten den „Volksfeuerbestattungsverein Gross-Berlin, Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit“. Für 20 Pfennig im Monat versprach der seinen Mitgliedern später eine ordentliche Feuerbestattung.

Ganz uneigennützig war das jedoch nicht. Eines der Gründungsmitglieder war Gastwirt, andere hatten Kontakte zu Bestattern. „Wirte und Bestatter sind auch heute noch tragende Säulen einer Beerdigung“, witzelt Jacobus vor den versammelten Anzugträgern aus Versicherungsbranche und Berliner Wirtschaft.

Im „dritten Reich“ wird die Versicherung gleich geschaltet, an der Hauptgeschäftsstelle in der Invalidenstraße hängt zu Hitlers Geburtstag eine Hakenkreuz-Fahne. Nach dem zweiten Weltkrieg und der deutschen Teilung zieht die Versicherung, die sich 1961 den neuen Namen „Ideal“ gibt, nach Kreuzberg. Dort, in der Kochstraße, residiert der Vorstand nicht in der Top-Etage, sondern im ersten Stock. „Um schnell weg zu sein, wenn die Russen kommen“, spottet Jacobus. Heute steht die Ideal, die sich auf Versicherungen für Senioren spezialisiert hat, gut da. 2012 lief das Geschäft so gut wie nie.

Der Bestatter Ahorn gehört zum Konzern, aber auch das Ellington-Hotel in der Nürnberger Straße. Dort war zu Mauerzeiten der legendäre Club „Dschungel“, aber auch die Finanzverwaltung. An beides erinnert Eric Schweitzer. Und auch an andere wichtige Weltereignisse des Jahres 1913. Etwa an das Atommodell, das der Däne Niels Bor entwickelt hat, oder an das erste Looping, das ein russischer Militärpilot gewagt hat. In Berlin, räumt Schweitzer ein, suche man derartige Höhenflüge vergeblich. Top-Ereignis des Jahres 1913 war hier die Eröffnung von Clärchens Ballhaus. „Sie sehen“, frotzelt Schweitzer, „in unserer Stadt ändert sich nicht so viel“. Und bedankt sich artig bei den angereisten Gästen für die Finanzhilfe, die Berlin über die Jahre bekommen hat. Doch Schweitzer ist nicht nur wegen der Ideal da, sondern auch wegen ihres Chefs. Jacobus hat einst geholfen, die Finanzen der IHK zu sanieren.

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