Wirtschaft : Berliner Initiative zur Modernisierung des Bauens in Deutschland

PETER RING

Baumarktverlangt nach InnovationenVON PETER RING

Die Region Berlin-Brandenburg gilt derzeit als wichtigster Baumarkt inEuropa: 1996 wurden in der Stadt Berlin 30 Mrd.DM, in Brandenburg weitere20 Mrd.DM für Neubauten und Maßnahmen an bestehenden Gebäudenaufgewendet.Zwar ist nach der stürmischen Expansion der letzten Jahrefür 1997 ein Rückgang der Bauproduktion um schätzungsweise drei Prozentzu erwarten.Alle verfügbaren Indikatoren weisen jedoch darauf hin, daßdie Nachfrage nach Bauleistungen auf absehbare Zeit kaum weiterzurückgehen wird.Wichtigster Bestimmungsfaktor des regionalen Baumarktesist der Wohnungsbau, auf den annähernd 40 Prozent des Bauvolumensentfallen.Bis zum Jahr 2010 kann mit einem Bedarf von 25 000Neubauwohnungen jährlich gerechnet werden.Zunehmen wird vor allem der Bauvon Eigenheimen: Die Zahl der Haushalte, die ein Eigenheim erwerben wollen,wird allein in Berlin auf mindestens 80 000 geschätzt.Dieses Potential kann allerdings nur durch attraktiv gelegene und zugleichpreiswerte Angebote ausgeschöpft werden.Die öffentlichenWohnungsbauprogramme sind bereits stärker zu Eigentumsmaßnahmen hinumgeschichtet worden.Die Bau- und Immobilienwirtschaft wiederum mußverstärkt kostensparende Bauweisen entwickeln und anbieten.MehrereWettbewerbe für Niedrigpreis-Häuser unterstützen und forcieren dieseEntwicklung.Bislang entstehen drei Viertel aller Ein- undZweifamilienhäuser im brandenburgischen Umland.Der Berliner Senat willjedoch verbilligte Flächen für die Errichtung von Eigenheimenbereitstellen.Das längerfristig realisierbare Potential wird auf 100 000Einheiten veranschlagt.Kräftige Impulse erhält der Baumarkt in dennächsten Jahren von der Modernisierung des Gebäudebestandes.Insgesamtmüssen mehrere hunderttausend Wohnungen saniert werden.Neben den vor 1918errichteten Wohnquartieren geht es vor allem um die Großsiedlungen imOstteil der Stadt.Von den 273 000 Plattenbauwohnungen werden 150 000 alsvordringlich erneuerungsbedürftig eingestuft; sie sollen innerhalb vonzehn Jahren saniert werden.Waren es bislang vor allem Bürogebäude undEinzelhandelszentren, die das rapide Wachstum der Bautätigkeit bestimmten,so treten künftig andere Projekte in den Vordergrund: Parlaments- undRegierungsgebäude, Botschaften und Landesvertretungen, Anlagen undLeitungsnetze der Versorgungswirtschaft sowie Verkehrsbauten,Stadtteilzentren, Kinopaläste und Hotels.Allein für die Bauvorhaben desBundes in Berlin sind für die nächsten fünf Jahre fast 3 Mrd.DMvorgesehen.Zu den Schwerpunkten der Bautätigkeit gehört der Ausbau desBahnknotens Berlin.Die Deutsche Bahn will bis zum Jahre 2010 rund 20 Mrd.DM investieren.Dazu gehören mehrere Bahntraßen und der Nord-Süd-Tunnelim zentralen Bereich der Stadt, vier neue Fernbahnhöfe,Güterverkehrszentren sowie der Ausbau des SBahnnetzes.Auch in anderenSektoren der verkehrlichen Infrastruktur sind erhebliche Investitionen zuerwarten.Für den Ausbau des Flughafens Berlin-Schönefeld werden 8 Mrd.DM veranschlagt.Aus regionalpolitischer Sicht problematisch ist, daß eingroßer Teil der Baunachfrage an der heimischen Wirtschaft vorbeigeht unddie Zahl der arbeitslosen Bauarbeiter ständig steigt.Schätzungsweise 40Prozent aller Planungs- und Bauleistungen werden von auswärtigen Betriebenund Arbeitskräften erbracht.Die Verschiebung zu kleinteiligerenBauprojekten, die zunehmende Bedeutung energiesparender undumweltfreundlicher Bauweisen und die forcierte Erneuerung von Altbauteneröffnen neue Chancen für kleine und mittlere Baufirmen aus der Region.In dieselbe Richtung wirken Bemühungen einzelner Bauherren ummittelstandsgerechte Auftragsgrößen.So will die BundesbaugesellschaftVorhaben im Wert von 2 Mrd.DM, die bis 2000 gebaut werden sollen, soausschreiben, daß sich auch mittelständisch strukturierteBietergemeinschaften beteiligen können.Kleinere Bauunternehmen könnenihre Position auf dem heimischen Markt schließlich durch verstärkteVerwendung vorgefertigter und standardisierter Bauelemente verbessern.Umden Strukturwandel in der Bauwirtschaft zu beschleunigen wurde Anfang 1996der "Aktionskreis Innovatives Bauen" gegründet.Das mit Vertretern ausWissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Politik besetzte Gremium hatinnerhalb eines Jahres Konzepte zur besseren Nutzung der verfügbarenRessourcen erarbeitet und dazu beigetragen, daß von Berlin aus Impulse zurModernisierung des Bauens in Deutschland ausgehen.Wichtige Ergebnissedieser Arbeit sind Vorschläge für eine gewerkeübergreifende Organisationdes Bauprozesses und Initiativen zu deren Umsetzung.Zur Zeit werden anzwei Berliner Wohnungsbauvorhaben neue Formen der Kooperation exemplarischerprobt.Dabei soll unter anderem herausgefunden werden, inwieweit sich dasvor allem in den Niederlanden praktizierte "Bauteam-Modell" auf Deutschlandübertragen läßt.Ferner wurden zukunftsträchtige Gebiete derBauforschung identifiziert und ein ständiger FuE-Kreis gegründet, der dieVerbundforschung fördert und zum anderen die Beziehungen zwischenHochschulen und Unternehmen intensiviert.Bislang wurden siebenanwendungsorientierte Forschungsvorhaben gestartet, die von derTechnologiestiftung Innovationszentrum Berlin gefördert werden.Ansatzpunkte für eine stärker auf betriebswirtschaftlich-organisatorischeLehrinhalte abgestellte Ausbildung von Bauingenieuren und gewerblichenAuszubildenden sowie für eine forcierte Qualifikation wurden gegeben.Angestoßen wurden zwei Pilotprojekte: der "Bauassistent" und der"Bauorganisator".Diese Maßnahmen sollen dazu beitragen, daß dieEinführung moderner Managementverfahren in kleineren Baubetriebenbeschleunigt wird.Hinzu kommt die Konzeption eines "InnovationsZentrumsBau Berlin" (IZB) und die Gründung dieser Einrichtung durch dieInvestitionsbank Berlin im Januar 1997.Ziel des IZB ist es, dieKooperation aller am Bauprozeß Beteiligten zu stärken und so dieDurchsetzung technischer und organisatorischer Innovationen zubeschleunigen.Mit dem vor kurzem installierten "InfoNet Bau" sollinsbesondere der Informationsfluß im Bauwesen gefördert werden.PeterRing von der Regioconsult Berlin ist Wirtschafts- und Politikberater.

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben