Wirtschaft : Berliner Köpfe: Ein Genießer in stürmischen Zeiten

Dagmar Rosenfeld

"Wer A sagt, muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war." - Was Bertold Brecht schon vor 50 Jahren wusste, gilt für Uwe Brodtmann noch heute. "Ein guter Unternehmer sollte nicht stoisch an einmal getroffenen Entscheidungen festhalten", sagt der Geschäftsführer des Online-Magazins Ovivo. Denn in der Geschäftswelt sei es wie auf hoher See: Nur wer auch bei rauem Wellengang das Ruder herumreißen kann, bringt das Schiff sicher in den Hafen.

Stürmische Zeiten hat der Unternehmer Brodtman am Neuen Markt schon zu Genüge erlebt: So zählt die einst 34-köpfige Mannschaft heute nur noch 20 Mitglieder. "Mitarbeiter zu entlassen war eine bittere, aber unumgängliche Entscheidung, um Ovivo auf Kurs zu halten", erklärt der Magazin-Chef. Allerdings hätte Uwe Brodtmann vor zwei Jahren, als er zusammen mit zwei alten Freunden Ovivo gründete, nicht gedacht, dass er einmal solche Entscheidungen treffen müsste. "Als wir ins Internetgeschäft einstiegen, boomte die Branche", erinnert sich der 38-Jährige.

Ovivo, das Magazin für Lebenskenner im World Wide Web, bietet eine Mischung aus Information, Unterhaltung und Vetrieb. Themen wie Champagner und Chanel, Garten und Gesundheit füllen das virtuelle Blatt. Der Leser erfährt zum Beispiel alles über Fitness und kann gleichzeitig die Trimm-dich-Geräte für daheim online bestellen. "Unsere Zielgruppe sind die über 50-Jährigen, die sich ein bisschen Luxus leisten können", sagt Brodtmann. Mittlerweile zählt das Online-Magazin über 400 000 Besucher pro Monat. "Nur die Verkaufszahlen haben sich nicht so entwickelt wie erwartet." Das Problem: Viele Besucher schauen sich die Produkte im Internet an, kaufen aber an der Ladentheke.

Die Erfahrung, dass sich die Dinge anders entwickeln können als ursprünglich gedacht, hat Brodtmann während seiner beruflichen Laufbahn schon öfter gemacht. Er gehörte Anfang der 80er Jahre zu den ersten Studenten an der Wissenschaftlichen Hochschule in Koblenz - eine der ersten Privatuniversitäten in Deutschland. Er studierte in Lyon und Manchester, absolvierte Praktika in Paris und London. Nach dem Studium arbeitete er bei einer namhaften Versicherungsgesellschaft und brachte es zum Leiter der Berliner Landesgeschäftsstelle. Mit knapp 30 Jahren schien seine Karriere in der Versicherungsbranche vorgezeichnet.

Doch eine Karriere nach Plan entsprach nicht seinem Naturell. Er wollte eigene Ideen verwirklichen. Und so begann er von vorne und gründete 1993 das Technologieunternehmen Progeo. Mit der Entwicklung von Informationstechniken für das Bauwesen platzierten er und sein Kompagnon Progeo 1997 erfolgreich an der Börse. Doch dann gab es im Management Streit über die künftige Ausrichtung. "Wenn zwei Piloten auf einen Berg zufliegen und der eine will nach links, der andere aber nach rechts, dann ist ein Kompromiss die denkbar schlechteste Lösung", sagt Brodtmann und deshalb sei er bei Progeo ausgestiegen.

So landete er in der Medienbranche und gründete Ovivo. Dass er zehn Jahre jünger ist als seine Zielgruppe, der er die schönen Dinge des Lebens vor Augen führt und bis vor die Haustür liefert, sieht er nicht als Problem: "Schließlich bin ich selbst ein Genießer."

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