Wirtschaft : Berliner Köpfe: Friedrich von Bernuth: Im Chat mit Super James

Margarita Chiari

Andere mögen in seinem Alter schon langsam an den Ruhestand denken. Friedrich von Bernuth, Geschätsfüher der Cornelsen-Verlagsgruppe, hat dafür keine Zeit. Schuld daran ist das Internet. "Die elektronischen Medien haben die Schulbuch-Branche in einen gewaltigen Umbruch gestürzt."E-Learning, vom Online-Training bis zur interaktiven CD-Rom, das alles sei "viel zu spannend", um jetzt schon ans Aufhören zu denken. "Niemand weiß, wohin der Weg führt, wie stark der Einfluss der elektronischen Medien sein wird - aber die Weichen in den Verlagen müssen jetzt gestellt werden", sagt der 58-Jährige. Da wolle er doch noch "ein wenig gestalten".

Auf seinem wohlsortierten Schreibtisch ist die Veränderung zu sehen. Der Laptop ist aufgeklappt. Nein, ein wilder Surfer sei er zwar nicht, räumt von Bernuth ein, doch "E-mails sind schon eine sehr praktische Erfindung". Mit seinen Kindern, die das Studium erfolgreich hinter sich haben, kommuniziere er vor allem per SMS. Verändert hat sich auch die Verlagsgruppe. Aus dem 1946 von Franz Cornelsen gegründeten Schulbuchverlag ist ein "Verlag für Bildungsmedien" geworden. Schulbücher bilden zwar noch immer den Kern des Geschäftes, doch die neuen Standbeine werden immer umfangreicher. Die Gruppe engagiert sich in der Fortbildung von Erwachsenen und Lehrern, entwickelt Software und CD-Roms für das multimediale Lernen und bietet Nachhilfe im Netz: Unter www.lernatix.de kann sich jeder nachmittags in das Internet einklicken und kostenfrei Vokabeln pauken oder den Dreisatz üben. Die Helden des Verlages heißen heute nicht mehr Peter Pim und Billy Ball, Hauptfiguren des ersten, 1948 erschienenen Englisch-Lehrbuchs für Grundschulen, sondern Dr. Mathe, Dora Deutsch und Super James - virtuelle Chat-Figuren im Netz, hinter denen aber durchaus reale Lehrer stehen, die den Schülern aktiv über das Internet bei den Hausaufgaben helfen. Dies ist übrigens der einzige Service, der nur über Abo zu haben ist. Doch die Nachfrage ist groß: Nach nur einem Jahr zählt der Dienst schon 85 000 Abonnenten. All dies, sagt von Bernuth, wäre im Sinne des 1989 verstorbenen Gründers, der ihn noch selbst in Verlag geholt hat. Dessen erklärtes Ziel war es schließlich, mit dem Verlag einen Beitrag zur Völkerverständigung und zur Überwindung sprachlicher Barrieren zu leisten.

Rund 60 Mitarbeiter hat allein der Cornelsen Verlag - mit 500 Beschäftigten noch immer das Herzstück der neun Verlage umfassenden Gruppe - in den vergangenen beiden Jahren für die Weiterentwicklung der elektronischen Aktivitäten engagiert, etwa acht Millionen Mark, gut 2,5 Prozent des Holding-Umsatzes, werden jedes Jahr in die Neuen Medien investiert. Doch die Anstrengung sei nötig, sagt von Bernuth. Nach den Jahren der Expansion, in denen Cornelsen durch Zukäufe auffiel, wie etwa die Übernahme des ehemaligen DDR-Schulbuchverlages Volk und Wissen von der Treuhand 1991, sei das Internet nun eine ganz andere Herausforderung. "Die elektronischen Medien werden das Geschäft der Schulbuch-Verlage deutlicher verändern, als alles andere zuvor." Nicht Westermann - wo er 18 Jahre tätig war, bevor er 1985 zu Cornelsen wechselte - , nicht Klett oder Schroedel seien hier die Konkurrenten, sondern "die Microsofts dieser Welt". Von Bernuth hat sich zunächst für die Zusammenarbeit entschieden: Der Verlag adaptiert etwa das Office Programm von Microsoft für den Gebrauch an deutschen Schulen.

Dass das Berliner Traditionshaus demnächst Teil eines "global player" sein könnte, ist für den gebürtigen Bielefelder von Bernuth "überhaupt nicht vorstellbar". Er will den Verlag, den er als "Familie" begreift, als eigenständiges Unternehmen erhalten. Immerhin: Einem Verkauf müsste auch die Mehrheitsgesellschafterin, die Cornelsen Stiftung, zustimmen.

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