Wirtschaft : Berliner Köpfe: Vom Findelkind zur Chefin

Dagmar Rosenfeld

Woher sie kommt, das weiß Simone Neumaier bis heute nicht. Doch wohin sie will, das wusste sie immer ganz genau. Selbstständig und unabhängig will sie sein - das hat sie geschafft: Mit 27 Jahren ist Simone Neumaier Vorstandsvorsitzende des Berliner Internet-Dienstleisters Front-2-back, einer Tochterfirma des Softwarehauses PSI.

Die Geschichte von Simone Neumaier klingt wie ein modernes Märchen: Sie erzählt von Erfolg und Glück - viel Glück. Geboren wurde sie irgendwann im Jahr 1974, irgendwo in den Kriegswirren von Vietnam. Ausgsetzt von den leiblichen Eltern wird der schwerkranke Säugling von Kinderheimen in Krankenhäuser weitergereicht - verurteilt zum Sterben auf einer Kinderstation in Saigon, so wie das Baby im Bett neben ihr. "Der Tod dieses Kindes hat mir letztlich das Leben gerettet", erzählt Neumaier. Denn die Krankenschwestern geben ihr die Papiere des toten Babys: Geburtsurkunde, Pass und ein Flugticket in den Westen. Ende 1974 wird Simone aus dem vietnamesischen Kriegsgebiet nach Deutschland ausgeflogen, kurz bevor die Grenzen geschlossen wurden. "Später habe ich erfahren, dass ich in der vorletzten Maschine war, die Saigon verlassen durfte", sagt die junge Frau. Die letzte Maschine aus Saigon in Richtung Westen ist abgestürzt.

In Deutschland findet man für das Baby schnell eine Adoptivfamilie. Simone Neumaier wächst mit sieben Geschwistern in Stürzelbach, einem 500-Seelen-Dorf im Westerwald, auf. Nach dem Abitur will sie raus aus dem beschaulichen Dorfleben und rein ins Großstadtgetümmel. So packt die Abiturientin 1993 ein paar Koffer in ihr Auto und fährt nach Berlin. "Das war eine absolut spontane Aktion", schmunzelt Neumaier. "Ich hatte weder Wohnung noch Studienplatz." Angst habe sie vor der Fahrt ins Ungewisse trotzdem nicht gehabt.

In Berlin schreibt sie sich für den Studiengang Medienwissenschaften ein und jobbt nebenbei als Telefonistin bei PSI. Sie wechselt von der Telefonzentrale in die Beraterabteilung, dann in den Schulungsbereich und ins Marketing. "In fast jeder Abteilung habe ich mitgemischt, ich war sozusagen Mädchen für alles", erzählt Neumaier. Fast drei Jahre arbeitet sie schon als Aushilfskraft bei PSI, als sie einen Aushang in der Teeküche entdeckt: Die Softwarefirma sucht einen Manager, der das firmeninterne Netzwerk und den Internetauftritt des Unternehmens aufbaut. "Ich hatte gerade mein Studium beendet und suchte einen Arbeitsplatz", sagt Simone. Also habe sie "spontan" ein Bewerbungsschreiben verfasst - das erste und bisher letzte in ihrem Leben. Simone Neumaier bekommt die Stelle und steigt von der Aushilfskraft direkt zur Führungskraft auf.

Die junge Internetmanagerin hat die Wahl, ob sie bei der Gestaltung des PSI-Webauftritts eine Agentur beauftragen oder ein eigenes Team auf die Beine stellen will. Sie entscheidet sich für die letztere Variante und engagiert junge, kreative Leute, vor allem Studenten. Neumaier und ihrem Team macht die Arbeit so viel Spaß, dass sie - wie immmer spontan - auf die Idee kommt, eine eigene Firma zu gründen. PSI-Vorstandschef Dietrich Jeschke hilft ihr dabei.

So startet Front-2-back am 1. Januar 2001. Das Softwareunternehmen PSI AG hält 60 Prozent an Front-2-back. Die restlichen 40 Prozent teilen sich Chefin Simone Neumaier und ihre elf Mitarbeiter. Auf dem Chefsessel fühlt sich die Jungmanagerin ausgesprochen wohl. "Die Branche wird zwar von Männern bestimmt, aber damit habe ich kein Problem", sagt sie.

Zudem seien Frauen oft selber Schuld daran, wenn sie in Chefetagen unterrepräsentiert sind. "Sie versuchen, hart wie Männer aufzutreten, anstatt sich auf ihre Stärken zu besinnen", findet Neumaier. "Frauen können zum Beispiel viel besser an mehreren Dingen gleichzeitig arbeiten. Die meisten Männer haben nur ein Ziel vor Augen und schauen weder nach links noch nach rechts." Die momentan schlechte Stimmung in der Internetbranche bereitet der 27-Jährigen kein Kopfzerbrechen, sie glaubt an den Erfolg ihres Unternehmens: "Die guten Dienstleister werden überleben, und Front-2-back ist sehr gut."

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