Berliner Kulturszene : Es wird eng für die Kreativen

Die Kosten in Berlin steigen stärker als die Einkommen, die Euphorie weicht einer nüchternen Beurteilung der Chancen und Risiken.

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Die Strahlkraft Berlins ist ungebrochen, Vielfalt und Internationalität ziehen Menschen aus aller Welt an. Doch die Kosten steigen und werden zum Standortnachteil.
Die Strahlkraft Berlins ist ungebrochen, Vielfalt und Internationalität ziehen Menschen aus aller Welt an. Doch die Kosten steigen...Foto: Fotolia

In der kalten Sprache der Wirtschaftsstatistiker ist von „Konsolidierung und Normalisierung“ die Rede, dabei belegen die Zahlen einen Trend zur brotlosen Kunst. „Das persönliche Einkommen wird überwiegend als ungenügend betrachtet“, heißt es in einer aktuellen Studie über die Kultur- und Kreativwirtschaft in Berlin und Brandenburg. Rund 220 000 Erwerbstätige in 30 500 Unternehmen gehören dazu, und nach einigen guten Wachstumsjahren setzen diese inzwischen fast 16 Milliarden Euro im Jahr um.

Doch der große Schwung ist weg. Die Stimmung ist heute „weit weniger von Euphorie und Aufbruchstimmung geprägt als noch 2011“, als die beiden Bundesländer sowie die IHKs in Potsdam und Berlin erstmals die Branche untersuchten.

In Brandenburg ist die Lage besser

Die aktuelle Geschäfte werden in Brandenburg besser beurteilt als in Berlin, wo sich „die Situation weiter zuspitzt“. Ursächlich dafür sind die Lebensumstände in der wachsenden Stadt. Die Mieten und das Raumangebot überhaupt werden seit 2013 mehrheitlich negativ bewertet. Anders als in Brandenburg, wo der Faktor Mieten als Standortvorteil angesehen wird. Alles in allem müsse die Entwicklung der vergangenen Jahre „zweiteilig“ gesehen werden.

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Durch den Zuzug vieler Menschen und die „rasante wirtschaftliche Entwicklung“ steigt die Nachfrage auch nach Kunst und Kultur in der Region selbst. Die Branchen und Firmen profitieren ferner „von einer Vielzahl an Fachkräften, von den vielfältigen Möglichkeiten des Austausches, der Kooperation und Vernetzung“. Gleichzeitig steigen Konkurrenzdruck und Standortkosten. „Die Preise, Löhne und Gehälter, die in der Kultur- und Kreativwirtschaft erzielt werden, steigen offenbar nicht in gleichem Maße, wie die Kosten für Arbeit und Leben“, heißt es in der Studie.

Zunehmend schlechter geht es den Medien

Zunehmend schlecht geht es den Erwerbstätigen in den bildenden Künsten und den Medien, „die von der Marktumstrukturierung im Zuge der Digitalisierung betroffen sind“. Umgekehrt erfahren Softwarefirmen und Spieleentwickler einen Schub durch die Digitalisierung. Allein in diesem Bereich gab es zuletzt ein Umsatzplus um zwölf Prozent, unter anderem wegen der vergleichsweise hohen Exportquote.

Aber auch den Designern und Architekten ging es zuletzt deutlich besser als den übrigen Kreativen. Uneinheitlich ist die Einschätzung der Geschäftslage – aktuell und zukünftig. In der Gegenwart überwiegt eher der Verdruss, die Erwartungen an die Zukunft sind dagegen wieder positiver. Und dennoch werden die Aussichten weniger euphorisch eingeschätzt als vor fünf Jahren. „Aus einer anfänglichen Euphorie wird eine nüchterne Zurückhaltung.“

Viele Firmen werden nicht überleben

In einer gemeinsamen Mitteilung von IHK und Senatswirtschaftsverwaltung bemühen sich die beiden Institutionen um eine positive Interpretation der Studienergebnisse: Die Kultur- und Kreativwirtschaft wachse seit 2011 schneller als die Wirtschaft in Berlin-Brandenburg insgesamt und als die Kreativwirtschaft in Deutschland. Berlins IHK-Chef Jan Eder plädiert für ein „sensibles Schnittstellen-Management zwischen den Bedürfnissen der Populär- und Exzellenz-Kultur und privatwirtschaftlichen Unternehmen“.

Wie in der Wirtschaft überhaupt liegen Eder zufolge auch in den kreativen Branchen die „zentralen Herausforderungen in der Vernetzung, Digitalisierung und Internationalisierung“. Auf Hilfe von Dritten wollen die Künstler und Kreativen offenbar nicht hoffen. „Die Förderung und Unterstützung seitens der Banken, der öffentlichen Hand oder ihrer Verbände sehen sie nicht mehr als Vorzug in ihrer Region an“, heißt es in der Studie. Daher sei „nicht davon auszugehen, dass jedes Unternehmen die (aktuelle) Phase der Normalisierung übersteht“.

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