Wirtschaft : Berliner Lehrlinge sollen besser betreut werden

Experte lehnt Sonderwege für lernschwache Jugendliche als praxisfern ab

Philip Volkmann-Schluck

Berlin - Die Auszubildenden in Berlin sollen in Zukunft individueller gefördert werden, um den gestiegenen Anforderungen des Arbeitsmarktes gerecht zu werden. Das forderte Pit Rulff, Vize-Geschäftsführer des Verbandes für Berufliche Bildung in Berlin (BBB), am Dienstag im Gespräch mit dieser Zeitung. Für alle solle es weiterhin einen gleichwertigen Ausbildungsabschluss geben.

Rulff kritisierte damit den Vorschlag nach einem gestuften Ausbildungsmodell, wie es Ludwig Georg Braun, der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), in der „Welt“ gefordert hatte. Man solle „weniger theoriebegabte Jugendliche nicht in eine dreijährige Ausbildung pressen“, hatte er vorgeschlagen.

Rulff, der auch Leiter des Berliner Oberstufenzentrums für Druck- und Medientechnik ist, lehnte dies ab. Ein solches Stufen-System verhindere nicht nur Chancengleichheit, sondern mache im Arbeitsalltag kaum Sinn. „Das engt die Tätigkeitsfelder der Fachkräfte zu sehr ein. Im Extremfall gibt es dann einen Mechaniker, der zwar den Tank füllen darf, für einen Ölwechsel aber einen Kollegen rufen muss.“

Rulff plädierte indes dafür, dass Jugendliche weiterhin unabhängig von möglichen Qualifikations-Mängeln einen gleichwertigen Abschluss erreichen sollen. „Sinnvoll wäre ein System, in dem Schüler einen Abschluss über unterschiedliche Qualifikations-Bausteine erreichen können“, sagte er. Ein Ausbildung mit wählbaren Bausteinen sei besser, um den unterschiedlich ausgeprägten Fähigkeiten der Bewerber gerecht zu werden. „Schüler mit Sprachschwierigkeiten zum Beispiel belegen dann intensivere oder doppelte Kurse zu diesem Thema.“ Auch sei vorstellbar, dass Schüler innerhalb eines Rahmens zwischen Theorie- und Praxiskursen wählen. „Entscheidend ist, dass sich die Kurse zu einem gleichwertigen Abschluss zusammenfügen.“

Rulff forderte, die Berufsschulen in Berlin auf das Baustein-System umzustellen. Er glaubt, dass das klassische duale Ausbildungssystem (Praxis im Betrieb, Theorie in der Berufsschule) auf lange Sicht nicht funktioniert. „Betriebe bieten jedes Jahr weniger Lehrstellen an. Deshalb müssen auch Berufsschulen selbst vollwertig ausbilden können.“ Bereits jetzt lernt die Hälfte der Lehrlinge in Berlin und Brandenburg ihren Beruf in der vollschulischen Ausbildung. Tausende drehen Warteschleifen in Vorbereitungsmaßnahmen, weil sie keinen betrieblichen Ausbildungsplatz bekommen.

Nach Angaben der Berliner Arbeitsagenturen haben mehr als 40 Prozent der nicht vermittelten Bewerber „Kompetenzdefizite“. Rulff warnte vor einer solchen Einteilung. „Die Nachteile einiger Jugendlicher sind in erster Linie durch den Arbeitsmarkt bedingt, nicht durch persönliche Defizite.“ Die Eignung der Bewerber habe sich in den vergangenen Jahren nicht verschlechtert, vielmehr seien die Anforderungen gestiegen. Hauptschüler könnten diese oft nicht mehr erfüllen.

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