Wirtschaft : Berliner Luft wird wieder einzigartig

BIRGIT BREUEL

Die Ausgangslage der Stadt ist sehr viel besser, als die Skeptiker behauptenVON BIRGIT BREUEL

Millionen Touristen können nicht irren.Wenn in diesem Jahr mehr Menschen nach Berlin reisen werden als im historischen Jahr 1989, dann muß dies einen Grund haben.Wenn die Bundeshauptstadt mittlerweile Publikumsmagneten wie München und Heidelberg in der Zahl der Übernachtungen abhängt, dann muß Berlin etwas besonders Anziehendes haben.Der Grund ist überall in der Stadt zu spüren und zu sehen: Die Besucher spüren, daß hier eine der großen europäischen Metropolen Schritt für Schritt zu ihrem alten Glanz zurückfindet. Es war der Mauerfall 1989, der die neue Zäsur in der Geschichte der Stadt markiert.Denn er beendete eine über 60 Jahre dauernde fatale Fehlentwicklung, in der die Stadt zunächst durch das nationalsozialistische Regime und dann durch den Kalten Krieg isoliert wurde.Kaum eine Stadt hat unter zwei furchtbaren Ideologien so gelitten wie Berlin.Doch seit 1989 finden nicht nur wieder Ost- und West-Berliner zueinander, sondern auch Berlin und der Rest Europas.Wer immer der scheinbaren Idylle im abgeschotteten West-Berlin nachtrauert, verdrängt nicht nur, was jenseits der Mauer geschah.Er vergißt auch, daß Berlin erst seit dem Mauerfall wieder eine wirkliche Entwicklungschance hat. Die Überzeugung, daß die Stadt eine große Zeit vor sich hat, entspricht übrigens nicht etwa nur dem Wunschdenken einer Person, die, wie ich selbst, Berlin in Berlin gelebt und diese Stadt in den vergangenen Jahren kennen und lieben gelernt hat.Nein, Berlin hat ganz objektiv das Zeug zu einer großen Metropole. Sicherlich hat die Stadt enorme Probleme, die oft die Diskussionen beherrschen und die nicht weggeredet werden können.Sicherlich plagen die Berliner nicht nur Löcher in den Straßen und Haushalten.Wie jede Großstadt hat sie mit Schmutz und Kriminalität zu kämpfen.Viele Arbeitsplätze sind seit der Wende verlorengegangen, weil die staatliche oder subventionierte Industrie sowohl im Ost- als auch im Westteil plötzlich dem weltweiten Wettbewerb ausgesetzt wurde.Bemerkenswert ist dabei, daß es vielen Firmen in Ost-Berlin schneller zu gelingen scheint, sich den neuen Realitäten anzupassen.Vielleicht liegt dies daran, daß man sich im Westteil nur schwer von der alten Berlin-Förderungs-Mentalität lösen kann. Doch trotz dieser Probleme ist die Ausgangslage der Stadt sehr viel besser als Skeptiker immer wieder behaupten.Dafür sprechen drei Dinge: Erstens ist der Umzug der Bundesregierung von Bonn nach Berlin eine riesige Chance, die nur ganz wenige Städte einmal erhalten.Denn es geht ja nicht nur um die Milliardensummen, die aus öffentlichen Kassen für neue Regierungsbauten nach Berlin fließen.Es geht auch nicht nur um Beamte und Minister, die vom Rhein an die Spree wechseln.Viel wichtiger ist, daß in ihrem Schlepptau auch viele Unternehmen und Verbände künftig ihr Hauptquartier wieder in Berlin aufschlagen werden. Zweitens wird Berlin durch die Unzahl an neuen Gebäuden zum Touristenziel und geradezu zu einer "Wallfahrtstätte" für Architektur-Begeisterte.In keiner anderen Stadt Europas wird in so großem Umfang und so ambitioniert gebaut wie in Berlin.Ob Regierung, Firmen oder ausländische Botschaften ­ alle wollen sich in der Hauptstadt von Europas größter Wirtschaftsnation angemessen darstellen.Die heutigen Baustellen werden deshalb schnell vergessen sein, der Stolz über die entstehenden architektonischen Glanzlichter bleibt den Berliner dagegen lange erhalten.Und das Staunen über den neuen Potsdamer Platz ersetzt künftig das frühere Schaudern an der Mauer. Der dritte Grund dafür, daß die Berliner Luft wieder einzigartig werden wird, ist die einzigartige geographische Lage.Berlin ist die einzige der westeuropäischen Großstädte, die in unmittelbarer Nachbarschaft einer Wachstumsregion liegt.Sie ist das Tor zu Mittel- und Osteuropa, deren 150 Millionen Einwohner in den kommenden Jahren einen enormen Markt bieten.Und der Osten rückt immer näher: So ist nun etwa der Bau einer Schnellbahnstrecke nach Warschau beschlossen worden.Gerade diese Kontakte nach Osten wird Berlin noch kreativer und bunter machen als es bisher schon ist. Nun geht es darum, daß die Stadt ihre Chancen auch nutzt.Hertha BSC hat sich die Erstklassigkeit ja schon erkämpft ­ doch nicht bei allen Verantwortlichen in Berlin scheint das erforderliche "Erste-Liga-Niveau" schon vorhanden zu sein.Sonst würden sie nicht mit einer provinziell wirkenden Zweitwohnungssteuer Neubürger verärgern oder mit allzu harten Einsparungen im Wissenschaftsbereich eine der eigenen Stärken beschneiden.Schließlich verfügt die Stadt heute über eine in Deutschland einzigartige Dichte an wissenschaftlichen Hochschulen und Einrichtungen, die gepflegt werden muß.Und sehr viel besser als andere Städte hat es Berlin über die seit 1977 entstehenden sogenannten Transferstellen zudem geschafft, eine Brücke zum technologischen Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zu schlagen. Berlin hat also alle Chancen auf den Aufstieg in die erste Liga der Weltstädte.Dabei kann und wird es Hilfe von außen erhalten ­ übrigens auch von der Expo.Denn wenn die Weltausstellung im Jahr 2000 eröffnet wird, ist Hannover mit dem ICE in nur noch einer Stunde und 39 Minuten zu erreichen.Kulturelle Highlights Berlins und der Expo 2000 werden dann miteinander verknüpft werden.Und ein Teil des Besucherstroms zur Weltausstellung wird weiterfließen in die Bundeshauptstadt.Vorsichtigen Berechnungen zufolge kann allein die Stadt Berlin durch die Weltausstellung damit rechnen, ihre 50 000 Hotelbetten 153 Tage lang an Touristen aus aller Welt zu vermieten.­Die Autorin ist Geschäftsführerin der Expo 2000 Hannover GmbH.

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