Wirtschaft : Berliner Schuhmacher erwirtschaften zwei Drittel des Umsatzes mit ungewöhnlichen Produkten in Japan

Vanessa Liertz

Schuhfreaks gibt es überall. Aber damit Geldverdienen? Angela Spieth und Michael Oehler ist das geglückt. Ihre Schuhe der Marke "Trippen" haben Erfolg. Rund 70 000 Paar haben sie im vergangenen Jahr verkauft - bei Ladenpreisen zwischen 200 und 500 Mark. Ihr Kundenkreis ist klein, aber international. Besonders Japaner mögen das puristisch, bisweilen auch verrückt anmutende Tretwerk, das die beiden Schwaben in kleinen Mengen fertigen - Holzsohlen wie Fußspuren mit einem Stück Leder als Halt, oder lederne Halbschuhe, auf denen statt einer Schnalle ein Stück geflickter Fahrradschlauch prangt. "Trippen" bestreitet mehr als zwei Drittel seines Umsatzes in Japan, zumal sich acht der insgesamt zehn Läden in Städten auf der asiatischen Insel befinden. Daneben gehören Modeboutiquen mit Edel-Marken wie "Prada" oder "Yamamoto" zu den wichtigen Kunden der Berliner Kleinfirma.

Ihr Firmenname steht in roten Buchstaben über dem Eingang zu jenem kleinen Laden in den Berliner Hackeschen Höfen, wo das Unternehmen einst begann. In dem Verkaufsraum stehen links die Schuhe aus Leder, rechts die aus Holz, und in der Mitte sitzen auf Schemeln die beiden Chefs: die 35jährige Angela Spieth und der 40jährige Michael Oehler. Allerdings kommen sie nur noch selten vorbei. Das Schuhgeschäft in Berlin betreuen zum Großteil Studenten. Spieth und Oehler kümmern sich von einer Büroetage aus um die Geschäfte, oder sie vergraben sich im Lederduft der Kreuzberger Werkstatt, um neue Schuhe zu entwerfen. Ungefähr alle zehn Minuten klopft an diesem Morgen ein neugieriger Kunde an die Scheibe des Ladens. "Wir öffnen erst um zwölf Uhr", weist ihn dann freundlich gelassen Oehler ab und drückt ihm noch den Bestellkatalog in die Hand.

Spieth hat gerade die Herbst- und Winterkollektion entworfen und Oehler organisiert die Produktion fürs nächste Jahr - Leder aus Italien, Holz aus einer Fabrik in Brandenburg. Leder ist mehr das Metier der Designerin Spieth, während sich der Schuhmacher Oehler auf Holz konzentriert. Mindestens alle vierzehn Tage fahren beide in einem Kleinbus von Berlin nach Norditalien. Dort klappern Spieth und Oehler dann ein halbes Dutzend Dörfer ab, in denen Schuhmacher die alten Maschinen bedienen, die die Berliner für die Herstellung ihrer Lederschuhe brauchen.

Anfang der 90er Jahre entwarf Spieth in einer schwäbischen Schuhfabrik Modelle, als Oehler vorbeikam, um überschüssiges Leder abzuholen, aus dem er damals Maßschuhe für Berliner Theater und Bühnen fabrizierte. Ein Jahr später beschlossen sie, mit Holzsohlen aus den Siebzigern ein paar Schuhe zu kreieren. Sie entwarfen 60 tragbare und untragbare Modelle, die eine Berliner Galerie ausstellte. Aufträge für die Ausstattung der Shows von Wolfgang Joop und Claudia Skoda folgten. Was erst nur Privatvergnügen war, wurde bald die Hauptbeschäftigung. Ein befreundeter Schuhvertreter bot ihnen an, ihre Modelle auf seine Touren quer durch die deutschen Schuhläden mitzunehmen. So schafften sie den Durchbruch und eröffneten im Jahre 1995 ihren ersten Laden.

Inzwischen bleiben den beiden zum Entwerfen nur noch zwei Wochen im Jahr. Deswegen liebäugelt das "Trippen"-Team mit der Idee, einen dritten Mitarbeiter für die Geschäfte einzustellen. Einer hat sein Glück schon mal versucht, aber nicht lang: "Als die ersten 100 000 Mark verloren gegangen waren, wollten wir doch lieber alleine bleiben", erklärt Oehler. Irgendwie müssten sie sich über die Organisation einmal grundsätzlich Gedanken machen, meint dazu Spieth. Aber dann lächelt sie. "Jetzt entwerfe ich erst mal." Und das machen die Beide noch immer am liebsten.

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