Berliner Schule fördert Jugendliche mit Behinderung : Selbstständig dank Schülerfirma

Die Zehlendorfer Biesalski-Schule hat ein ausgezeichnetes Konzept für Jugendliche mit Behinderung.

Ben Schröder
Eine Bäckerei namens „BrotBären“ gibt es an der Biesalski-Schule. Einmal pro Woche backen die Schüler und verkaufen das Brot unter anderem an die Lehrer.
Eine Bäckerei namens „BrotBären“ gibt es an der Biesalski-Schule. Einmal pro Woche backen die Schüler und verkaufen das Brot unter...Foto: Ben Schröder

Erst das Mehl, 300 Gramm müssen es sein. Dann Wasser, Hefe und Sonnenblumenkerne. Denn Brot mit Sonnenblumenkernen hatten sich die Kunden der „BrotBären“ gewünscht. „Wir backen heute insgesamt 14 Brote“, erzählt Luisa Hofmann nach einem Blick auf die Bestellliste. „Ein ganzes Brot kostet drei Euro, ein halbes 1,50 Euro“, rechnet die 16-Jährige vor. Luisa wurde von ihren Mitschülern zur „BrotBären“-Geschäftsführerin gewählt. Sie kümmert sich also um die Finanzen der Schülerfirma und verwaltet die Bestellliste. Einmal in der Woche backen sie Brot und verkaufen es an die Lehrer umliegender Schulen. „Von den Einnahmen gehen wir dann für die nächste Woche einkaufen“, erzählt Luisa.

Die Biesalski-Schule in Berlin-Zehlendorf ist eine Grund- und Oberschule für Jugendliche mit körperlicher und geistiger Behinderung. Für ihren Ansatz wurde die Schule ausgezeichnet. Das Ziel ist es, die Schüler auf die Berufswelt vorzubereiten. Selbstständigkeit ist wichtig, und die ist bei Kindern mit Förderbedarf oft unterentwickelt. „Die Schüler sind daran gewöhnt, dass Menschen ihnen Aufgaben aus Fürsorge abnehmen, die sie aber eigentlich selbst lösen könnten“, sagt Michaela Kurandt-dos Santos, Leiterin der Biesalski-Schule. Schon vor der Einschulung erarbeitet die Schule deshalb zusammen mit Kindern, Eltern und der Arbeitsagentur ein Lernkonzept für jeden einzelnen Schüler. Dabei ist es wichtig, dass die Kinder selbst, aber auch ihre Eltern realistische Ziele formulieren. „Die Schüler haben eher klassische Berufswünsche, wollen Pilot werden oder Feuerwehrmann. Die Eltern dagegen wollen für ihre Kinder meist einen Berufsweg, den sie selbst auch gegangen sind.“

Berufsorientierungstage helfen den Jugendlichen

Die Vorstellungen aller Parteien dabei mit den Fähigkeiten der Kinder zu verknüpfen, ist bisweilen schwierig: Für einen Schüler, der zum Beispiel motorisch eingeschränkt ist, kommt ein Handwerksberuf kaum infrage. „Das muss man akzeptieren und nach Alternativen suchen“, sagt Kurandt-dos Santos. Regelmäßige Berufsorientierungstage an der Schule helfen den Jugendlichen, mehr über ihre eigenen Interessen und Fähigkeiten herauszufinden, und bringen sie mit Partnern der Schule wie der Deutschen Bahn, BMW oder den Berliner Werkstätten für Menschen mit Behinderung (BWB) zusammen.

Ab der 7. Klasse können die Schüler außerdem in einer der Schülerfirmen arbeiten. „Da lernen die Kinder neben Grundlagen wie Buchhaltung und Kundenkontakt auch selbstständig zu arbeiten. Jeder – ob Kassenwart oder Geschäftsführer – hat eine Aufgabe, die er eigenständig erledigen muss“, sagt die Schulleiterin.

Für ihr Konzept wurde die Biesalski-Schule im vergangenen Herbst mit dem „Qualitätssiegel Berlin für exzellente berufliche Orientierung“ ausgezeichnet. Dieses Siegel ist eine gemeinsame Initiative von IHK und Handwerkskammer, dem Verband der freien Berufe, den Unternehmensverbänden Berlin- Brandenburg, der Senatsverwaltung für Schule und Bildung sowie der Bundesagentur für Arbeit. Das Siegel wurde 2014 zum ersten Mal verliehen.

Das Integrationsamt Berlin unterstützt Mosaik-Services

„BrotBären“-Geschäftsführerin Luisa Hofmann ist jetzt in der 10. Klasse, muss sich also langsam nach einem Ausbildungsbetrieb umsehen. „Kochen ist meine Leidenschaft. Ich würde später gerne in der Gastronomie arbeiten“, erzählt sie. Ein Praktikum im Restaurant „Gropius“ in Kreuzberg hat sie in ihrem Wunsch bestätigt. Das Restaurant ist Teil des Berliner Integrationsunternehmens Mosaik-Services GmbH. Integrationsunternehmen bedeutet: Mindestens die Hälfte der Mitarbeiter im Unternehmen haben eine Behinderung. Das Integrationsamt Berlin unterstützt Mosaik-Services deshalb mit einem Zuschuss als Ausgleich für die eingeschränkte Leistungskraft und den Betreuungsaufwand. Etwa 90 Prozent der Einnahmen erwirtschaftet das Unternehmen aber ganz normal auf dem „freien“ Arbeitsmarkt.

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„Der Sprung auf den ersten Arbeitsmarkt gelingt behinderten Menschen zu selten“, weiß Jürgen Schneider, Beauftragter für Menschen mit Behinderung im Land Berlin. „Auf dem freien Markt herrschen die Gesetze des Wettbewerbs – am Ende müssen die Zahlen stimmen. Das erzeugt Druck, dem auch die Mitarbeiter standhalten müssen.“ Ob behinderte Menschen das können, daran haben häufig nicht nur sie selbst, sondern vor allem auch die Personalchefs der Firmen Zweifel.

Die Mosaik-Service GmbH erlebt die Zusammenarbeit von Menschen mit und ohne Behinderung seit nunmehr 25 Jahren als sehr positiv, erzählt Constanze Philipp, Event- und Marketing-Managerin des Unternehmens: „Gerade in der Gastronomie ist der Ton oft sehr rau, wenn es schnell gehen muss. Da ist es wichtig, sich aufeinander verlassen zu können – und damit hatten wir bisher nie Probleme.“ Und auch Luisa ist sich sicher: „Die Arbeitszeiten und der Stress sind kein Problem für mich, damit komme ich klar. Kochen ist meine Leidenschaft. Ich will das unbedingt machen.“

Hier finden Arbeitgeber wichtige Adressen, Tipps und Informationen zur Einstellung, Ausbildung und Weiterbeschäftigung von Menschen mit Handicap.

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