Berliner Siemens-Chef : "Schwarz-Rot muss die Energiewende auf Kurs bringen"

Udo Niehage ist Cheflobbyist des Münchener Technologiekonzerns. Mit dem Tagesspiegel spricht er über die Pläne der künftigen Koalition und die Gefahr von Stromausfällen.

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In Berlin fertigt Siemens Gasturbinen - dieses Modell ist das größte der Welt.
In Berlin fertigt Siemens Gasturbinen - dieses Modell ist das größte der Welt.Foto: dpa

Herr Niehage, die Koalition bremst die Energiewende aus, finden die Grünen. Stimmt das?

Ich sehe eher die Chance, die Energiewende wieder auf Kurs zu bringen, vernünftige Rahmenbedingungen zu schaffen und Fehlentwicklungen abzustellen.

Und, passiert das?

Aktuell werden die richtigen Themen in der Arbeitsgruppe Energie diskutiert – man will die Überförderung vermeiden und beim Ausbau der Erneuerbaren mehr auf das Prinzip Markt setzen. Aber derzeit gibt es noch viele Einschränkungen und vage Formulierungen.

Immerhin will die künftige Koalition die Erneuerbaren nicht mehr so üppig fördern.

Der Ökostrom-Anteil liegt heute bei etwa 25 Prozent, Erneuerbare können zu garantierten Preisen vorrangig ihren Strom einspeisen. Das ist beinahe Planwirtschaft. Erst schrittweise sollen sie nun ihre Energie selbst vermarkten. Das sollte aber zügig geschehen.

Wird Strom noch teurer?

Das wird davon abhängen, welchen Weg wir beschreiten. Wir wissen, dass sich weite Teile der Erneuerbaren auf absehbare Zeit am Markt nicht durchsetzen können. Es kommt darauf an, wie stark der Anteil der Erneuerbaren steigt und wie die Vergütung aussieht. Wenn man bei neuen Onshore-Windparks etwa stärker auf Wettbewerb setzt und Standorte konsequent an den Betreiber mit den niedrigsten Kosten vergibt, etwa über Auktionen, dann bleibt die Energiewende auch bezahlbar. Bei Offshore benötigen wir noch länger stabile Rahmenbedingungen, um weiter zu lernen und die Kosten zu senken.

Udo Niehage (59) ist bei Siemens Energiewende-Beauftragter. Er will auch Präsident der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) werden.
Udo Niehage (59) ist bei Siemens Energiewende-Beauftragter. Er will auch Präsident der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg...Foto: promo

Rechnen Sie mit Betriebsverlagerungen angesichts der steigenden Preise?

Schon heute zahlen private Haushalte und Unternehmen deutlich mehr für Strom als im Ausland. Wir sind noch nicht an der Schwelle, wo wir einen Exodus der Industrie sehen. Aber allein die Unsicherheit über die zukünftige Höhe der Preise führt dazu, dass sich Unternehmen mit Investitionen zumindest zurückhalten.

Von radikalen Reformen war in keinem Wahlprogramm die Rede.

Welche Koalition kann es schaffen, wenn nicht diese? Wir brauchen jetzt eine grundsätzliche Reform des EEG, die die Erneuerbaren in den Markt integriert und den Klimaschutz auf eine verlässliche Basis stellt. Im Moment steigt der CO2-Ausstoß, trotz der Milliarden-Subventionen für Erneuerbare, weil alte, abgeschriebene Kohlekraftwerke derzeit die Schwankungen der Erneuerbaren ausgleichen. Das kann nicht das Ziel sein.

Was ist Ihr Vorschlag?

Deutschlands Ziel ist es, den CO2-Ausstoß bis 2030 um 55 Prozent zu senken. Das ist machbar, und mit einigen Änderungen am System könnte man auf der Kostenseite in dieser Zeit rund 150 Milliarden Euro im Vergleich zu der im Augenblick absehbaren Entwicklung sparen. Der Anteil der Erneuerbaren müsste nur auf 40 Prozent steigen, daneben müsste man konsequent neue, effiziente Gaskraftwerke bauen.

Siemens profitiert in jedem Fall – Sie haben sowohl Windräder als auch konventionelle Kraftwerke im Angebot.

Da geht es ja nicht um Siemens – das ist das große Projekt Deutschlands. Die Energiewende kann ein Vorbild für andere Länder sein. Deutschland wird aber nur ein Leitmarkt, wenn wir eine sichere und bezahlbare Versorgung hinbekommen. Eine Überförderung, die zu steigenden Energiepreisen und steigenden CO2-Emissionen führt, macht die Energiewende für andere Länder nicht gerade attraktiv.

Welche Zukunft haben konventionelle Kraftwerke?

Vor allem im Winter sind flexible Kraftwerke, die die Versorgung sicherstellen, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht, unabdingbar. Anders als die Erneuerbaren müssen sie sich aber am Markt behaupten. Die Betreiber verdienen mit ihnen kein Geld mehr, viele sollen vom Netz gehen. Das muss sich ändern. Denn es schadet dem Klima, wenn alte Kohlemeiler mit deutlich weniger als 40 Prozent Wirkungsgrad die Grundlast tragen und moderne Gaskraftwerke mit 61 Prozent Wirkungsgrad kaum laufen.

Rechnen Sie mit Stromausfällen, wenn immer mehr alte Meiler abgeschaltet werden?

Derzeit haben wir noch genug Reservekapazitäten. In Spitzenzeiten liegt die Strom-Nachfrage bei 84 Gigawatt, dem stehen bis zu 110 Gigawatt wetterunabhängig einsetzbarer Kraftwerksleistung gegenüber. Bis zum Ende des Jahrzehnts werden aber Kohlekraftwerke stillgelegt, und die Atomkraftwerke gehen vom Netz. Dann kann es eng werden. Man muss jetzt die Weichen stellen, denn ein Kraftwerk neu zu bauen, dauert mehrere Jahre.

Wann haben Sie hierzulande die letzte Gasturbine verkauft?

Das war 2012, an die Stadtwerke Düsseldorf. Aber wie gesagt – in ganz Europa registrieren wir derzeit eine gewisse Zurückhaltung. In den USA, wo wir ein eigenes Gasturbinen-Werk haben, und in Südkorea laufen die Geschäfte dagegen besser.

Welche Pläne hat Siemens für Berlin, seinen größten Fertigungsstandort?

Berlin ist die Hochburg der Turbinentechnik, wir haben hier das Zentrum der Gasturbinenfertigung, und in Ludwigsfelde errichten wir ein neues Brenner-Testzentrum für Gasturbinen. Das ist ein klares Bekenntnis zum Standort. Auch das Herz der Hochspannungstechnik haben wir hier angesiedelt, gerade läuft der Umzug in die neuen Fertigungshallen.

Das Gespräch führte Carsten Brönstrup.

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