Wirtschaft : Berliner Siemens-Vorstand Martinsen geht

BERLIN / MÜNCHEN (dw/mo/jojo).Der Vorstand für den Siemens-Bereich Verkehrstechnik, Wolfram O.Martinsen, verläßt das Unternehmen zum 1.Oktober.Sein Nachfolger in dem einzigen Siemens-Bereich mit Hauptsitz in Berlin wird Herbert H.Steffen, bislang Vorsitzender des Bereichsvorstands Automatisierungs- und Antriebstechnik.Martinsen zieht mit seinem Rücktritt die Konsequenzen aus dem nach wie vor schwachen Abschneiden der Siemens-Verkehrstechnik.Im Geschäftsjahr 1996 / 97 mußte Martinsen einen Verlust von 177 Mill.DM hinnehmen.

Siemens-Konzernsprecher Eberhard Posner erinnerte daran, daß der Bereich entgegen den Erwartungen der zuständigen Bereichs-Geschäftsführung den Verlust auch im laufenden Geschäftsjahr nicht unter 100 Mill.DM werde senken können.Die aktuellen Verluste, so Posner, seien höher als im Vorjahr.Analysten rechnen mit einem Fehlbetrag von rund 255 Mill.DM.

Der zuständige Verkehrstechnik-Vorstand Martinsen habe laut Posner dafür die Verantwortung übernommen und die Konsequenzen gezogen.Martinsen, der seit 23 Jahren für Siemens tätig ist, wird sich ganz aus dem Konzerngeschäft zurückziehen.Bereits zum 1.September wird er seine Leitung der Siemens-Verkehrstechnik niederlegen, seinen Vorstandsposten in der AG wird er zum 1.Oktober abgeben.Er gehe als freier Mann, ohne Zorn und ohne Sentimentalitäten, sagte er dem Tagesspiegel und werde auch Berlin erhalten bleiben.Der gebürtige Berliner war 1994 nach Berlin gekommen.Martinsen ist 57 Jahre alt und seit 1975 bei Siemens.

Die Beschäftigten im Berliner Unternehmensbereich reagierten zum Teil verunsichert.Abgesehen von der Veränderung an der Führungsspitze seien jetzt auch weitere Einschnitte am Standort Berlin denkbar.Natürlich, hieß es, sei bei den Zahlen "alles möglich".

Michael Gottschild, Betriebsrat des Bereichs Verkehrstechnik in Berlin, erklärte, der Weggang Martinsens sei für die Mitarbeiter schmerzlich: "Dr.Martinsen hat sich mit seiner Vision eines integrierten Verkehrskonzeptes auch für Berlin große Verdienste erworben." Er würde sich wünschen, so Gottschild, wenn auch Martinsen-Nachfolger Steffen "den Zielen und Visionen Martinsens bei der Fortentwicklung des Standortes folgen würde."

Mit Steffen tritt ein altgedienter Siemensianer an die Spitze der Verkehrstechnik.Der Manager trat bereits 1969 in die Siemens-Schuckertwerke in Saarbrücken ein.1994 erhielt er den Vorsitz des Bereichsvorstands Antriebs-, Schalt- und Installationstechnik sowie zum 1.Oktober 1997 den Vorsitz des neugegründeten Bereichs Automatisierungs- und Antriebstechnik.Sein Nachfolger auf diesem Posten wird Klaus Wucherer.

Wohl und Wehe der Siemens Verkehrstechnik haben ganz erhebliche Auswirkungen auf die Hauptstadt.Und das schon seit über 100 Jahren: Schon 1879 stellte Siemens & Halske die erste elektrische Eisenbahn auf der Berliner Handelsmesse vor.Für die Wirtschaftsverwaltung ist die Verkehrstechnik heute einer der "wichtigsten, wenn nicht sogar der zukunftsträchtigste Wirtschaftszweig".Die Beamten gehen von 80 verkehrstechnischen Betrieben mit rund 24 000 Mitarbeitern in der Hauptstadt aus.In der gesamten Region sollen sich in diesem Bereich 250 Firmen mit etwa 40 000 Mitarbeitern tummeln.Der Senat feierte es vor vier Jahren als großen Erfolg, daß Siemens den Sitz des Bereichsvorstands von Erlangen an die Spree verlagerte.Von den etwa 13 700 Mitarbietern der Siemens-Sparte arbeiten rund 1400 in Berlin.Zum Vergleich: Adtranz beschäftigt in Berlin von weltweit 22 000 Personen 350 Menschen.

Die Siemens-Verkehrstechnik ist einer der am stärksten wachsenden Unternehmensbereiche des Elektrokonzerns.Gestützt durch zahlreiche Einkäufe kletterte der Umsatz über einige Jahre hinweg durchschnittlich um zwölf Prozent.Die Profitabilität konnte dabei allerdings nicht mithalten.Ein Gewinn wurde zuletzt im Geschäftsjahr 1995/96 mit mageren 19 Mill.DM erzielt.

Analysten gehen davon aus, daß es mittelfristig schwierig sein wird, überhaupt die Kapitalkosten zu erwirtschaften.Einen entscheidenden Schub könnte der Bereich in Zukunft vor allem aus lukrativen Auslandsaufträgen bekommen.Gemeinsam mit Alstom hat der Konzern große Chancen bei einem Milliardenauftrag für einen Hochgeschwindigkeitszug in Taiwan.

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