Wirtschaft : Berliner sind die unzuverlässigsten Schuldner

Zahl der Privatinsolvenzen um 22 Prozent gestiegen / Bei den Unternehmen ging die Zahl der Pleiten aber leicht zurück

Anselm Waldermann

Berlin - In den ersten sechs Monaten dieses Jahres haben in Berlin 2350 Privatpersonen Insolvenz angemeldet – das sind so viele wie noch nie in einem ersten Halbjahr seit der Reform des Insolvenzrechts vor sechs Jahren. Dies erfuhr der Tagesspiegel von der Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Gegenüber dem Vorjahr sind die Privatinsolvenzen damit um 22,4 Prozent gestiegen. „Die Situation ist erschreckend“, sagte Jochen Wolfram, geschäftsführender Gesellschafter von Creditreform. Dabei sind die Berliner beim Zurückzahlen von Schulden besonders unzuverlässig: Als einziges Bundesland erhält die Hauptstadt im Bonitätsatlas von Creditreform die Bewertung „sehr hohes Ausfallrisiko“ (siehe Karte). Bei den Unternehmenspleiten hingegen zeichnete sich eine leichte Entspannung ab.

Seit der Reform des Insolvenzrechts 1999 können sich Verbraucher ähnlich wie Unternehmen für zahlungsunfähig erklären lassen. Wenn sie über einen Zeitraum von sechs Jahren so viele Schulden wie möglich zurückzahlen, müssen ihnen die Gläubiger alle Restschulden erlassen; Schufa- und ähnliche Einträge über die Kreditwürdigkeit der Verbraucher werden dann gelöscht. Ziel der Reform war es, überschuldeten Personen eine neue Chance zu geben.

Doch seit Inkrafttreten des neuen Gesetzes melden immer mehr Privatleute Insolvenz an. So ist die Zahl deutschlandweit von 2450 im ersten Halbjahr 1999 auf 29200 in den ersten sechs Monaten dieses Jahres gestiegen. Und es könnten noch deutlich mehr werden: Laut Creditreform melden im zweiten Halbjahr traditionell mehr Verbraucher Insolvenz an als im ersten Halbjahr. Dies sei in diesem Jahr auch für Berlin zu erwarten.

Schuldnerberatungen in der Hauptstadt berichten ebenfalls von einem Ansturm. „Wir können jede Woche 40 neue Fälle bearbeiten“, sagte Frank Wiedenhaupt vom Arbeitskreis Neue Armut dem Tagesspiegel. „Es kommen aber immer 50 bis 60 Menschen.“ Dabei werde die Bandbreite der Schuldner größer: Kamen früher fast ausschließlich Arbeitslose und Arbeiter, gerieten nun immer häufiger auch leitende Angestellte und Selbstständige in Zahlungsschwierigkeiten. „Erst neulich hatten wir wieder einen Zahnarzt“, sagte Wiedenhaupt.

Er beklagte, dass Kredite sehr leicht zu bekommen seien. „Banken, Versandhäuser, Internethandel: Überall locken Angebote – und die Leute springen darauf an.“ Immer mehr Anschaffungen würden über Raten, Leasing oder andere Kredite finanziert. Dies gelte für Handys, Möbel, Autos und Immobilien. Selbst Urlaubsreisen würden auf Pump gekauft. „Die Menschen lassen sich verführen und machen sich nicht klar, was das in der Summe dann ausmacht“, sagte Wiedenhaupt.

Auch eine Studie der Commerzbank belegt, dass sich Privatpersonen zu wenige Gedanken über ihre eigenen Finanzen machen. Demnach haben nur 20 Prozent der Deutschen einen ausreichenden Überblick über ihre Verpflichtungen. „Viele lassen sich einfach treiben“, sagte Creditreform-Chef Wolfram. Kommt es dann zu einer plötzlichen persönlichen Krise – zum Beispiel durch Arbeitslosigkeit oder durch Scheidung –, wird aus Verschuldung schnell Überschuldung.

Verbessert hat sich die Lage hingegen auf der Unternehmensseite. Hier ist die Zahl der Pleiten in Berlin in den ersten sechs Monaten dieses Jahres um 7,1 Prozent auf 910 gesunken. Entwarnung möchte Wolfram deshalb aber nicht geben: „Es gibt kein Anzeichen für eine nachhaltige Trendwende.“ Dass sich die Lage etwas entspannt hat, führt Wolfram auf eine gewisse Marktbereinigung zurück: „Zum Teil hat sich die Wirtschaft einfach gesund geschrumpft.“ Für das Gesamtjahr 2005 rechnet er in Berlin mit rund 1800 Unternehmenspleiten. Rund die Hälfte der zahlungsunfähigen Unternehmen sind Klein- und Kleinst-Unternehmen. „Oft fehlt es am nötigen Managementwissen“, sagte Wolfram. „Viele Selbstständige haben eine gute Idee – aber bei der Durchführung hapert es.“

Am stärksten ging die Zahl der Insolvenzen im verarbeitenden Gewerbe zurück. Wolfram erklärt dies mit den Exporterfolgen dieser Unternehmen. In Branchen hingegen, die wie der Handel oder das Dienstleistungsgewerbe stark von der Binnennachfrage abhängen, sei die Situation kritischer. Das absolute Sorgenkind sei aber nach wie vor die Bauwirtschaft. Dies kann auch Wolf Burkhard Wenkel, Hauptgeschäftsführer der Fachgemeinschaft Bau Berlin-Brandenburg, bestätigen: „Die Insolvenzquote in unserer Branche liegt seit Jahren bei zehn Prozent.“ Das heißt: Von hundert Unternehmen gehen jedes Jahr zehn Pleite. „Die Zahlungsmoral der Auftraggeber ist extrem schlecht“, sagte Wenkel. 50 Prozent bezahlten ihre Rechnungen erst mit drei bis sechs Monaten Verzögerung.

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