Berliner Wirtschaft ganz nah (4) : Auf Herz und Nieren

MRI.Tools entwickelt Hochfrequenzantennen, die die Diagnostik revolutionieren könnten. Das Unternehmen zeigt exemplarisch, was in der Berliner Gesundheitswirtschaft besonders gut funktioniert: Ausgründungen aus Hochschulen

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Patient Mensch. Das Modell zeigt das Innere einer Hochfrequenzantenne. Foto: promo
Patient Mensch. Das Modell zeigt das Innere einer Hochfrequenzantenne.Foto: promo

„Tragen Sie einen Herzschrittmacher?“ Wer Thoralf Niendorf an seinem Arbeitsplatz im Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) in Buch besucht, muss erst einmal auf einer Kladde quittieren, dass er über die Sicherheitsbestimmungen in Haus 84 aufgeklärt wurde. Der moderne Flachbau wird von mehreren elektromagnetischen Feldern durchzogen, die Schrittmacher aus dem Rhythmus bringen können; sie gehen von den Magnetresonanztomografen (MRT) aus, für die Niendorf in dem Gebäude zusammen mit seinem Team Komponenten und Zubehör entwickelt.

Vor knapp vier Jahren hat der promovierte Physiker und Professor sich einen lang gehegten Wunsch erfüllt und sein eigenes Unternehmen MRI.Tools gegründet. Die Firma, die aus einem Forschungsprojekt am MDC entstanden ist und mittlerweile sechs Mitarbeiter beschäftigt, konzipiert, testet und produziert unter anderem Hochfrequenzantennen, die Magnetfelder erzeugen. Sie kommen beispielsweise in stationären, röhrenförmigen Tomografen zum Einsatz, die den menschlichen Körper abscannen. Die gesammelten Daten rechnet das Gerät zu hochauflösenden, dreidimensionalen Bildern um.

Die Antennen ermöglichen schärfere und kontrastreichere Aufnahmen

Die Antennen, die MRI.Tools dafür entwickelt hat, erzeugen ein 3,5 bis sieben Tesla starkes Magnetfeld. „Das ist ein echter Quantensprung“, sagt Niendorf nicht ohne Stolz. „Herkömmliche Apparate schaffen nur 1,5 bis drei Tesla.“ Von der verbesserten Magnetleistung des MRT profitieren laut dem Wissenschaftler nicht nur die behandelnden Ärzte, sondern vor allem die Patienten: Sie führt zu erheblich schärferen und kontrastreicheren Aufnahmen und detailgetreueren anatomischen Darstellungen des Körpers und somit zu einer genaueren Diagnose von Fehlfunktionen und Krankheiten. Zudem hat Niendorfs Unternehmen eine Technik entwickelt, die auch qualitativ hochwertige Bilder von sich bewegenden Organen wie etwa dem schlagenden Herzen liefert.

Thoralf Niendorf. Der MRI-Tools-Chef ist promovierte Physiker und Professor. Foto:promo
Thoralf Niendorf. Der MRI-Tools-Chef ist promovierte Physiker und Professor.Foto:promo

Wie groß der technische und praktische „Quantensprung“ der Geräte ist, erläutert der Firmenchef auf seinem Laptop. Die Bilder und Videos von Herzen, dem Gehirn oder dem Auge hat der Wissenschaftler immer dabei, wenn er seine Produkte potenziellen Kunden in Kliniken oder auf Messen rund um den Globus vorstellt. Eine Sequenz auf Niendorfs Rechner zeigt etwa verschiedene Ansichten des menschlichen Auges. Während auf der einen „nur“ die Deformation der Netzhaut zu erkennen ist, wird auf der anderen auch noch ein Tumor sichtbar. Da sich die Konturen von kranken Zellen mit einer höheren Auflösung viel deutlicher abzeichnen, ließen sich Krankheiten, die sich auf den ersten Blick vom Erscheinungsbild her ähneln, besser voneinander abgrenzen, sagt Niendorf.

Der Durchbruch kam vor der selbstgesetzten Frist

Hochschulausgründungen wie MRI.Tools gibt es in Berlin gerade in der Gesundheitsbranche und im Zweig Medizintechnik zuhauf. Auch im vergangenen Jahr wagten in der Hauptstadt zahlreiche ehemalige Mitarbeiter von Universitäten und anderen wissenschaftlichen Einrichtungen den Sprung in die Selbstständigkeit. Nicht umsonst gilt der Berliner Gesundheitssektor als treibender Motor der Wirtschaft. Allerdings gelingt es längst nicht jeder Neugründung, sich auch am Markt zu etablieren. Niendorf wollte seinem Betrieb dafür fünf Jahre Zeit geben – doch das Unternehmen scheint den Durchbruch schon vor Ablauf der selbstgesetzten Frist geschafft zu haben. Konkrete Geschäftszahlen will Niendorf zwar nicht nennen, bis auf diese: MRI.Tools hat seinen Umsatz seit der Firmengründung im September 2010 verfünffacht und beliefert namhafte Kunden wie die Universität Oxford, das Berliner Max-Planck-Institut, Siemens und die National Imaging Facility in Brisbane (Australien).

Für den Firmengründer und ehrenamtlichen Geschäftsführer Niendorf liegt das Geheimnis des Erfolges zum einen in der relativ überschaubaren Größe seines Unternehmens. „Ich will meinen Mitarbeitern eine nachhaltige, langfristige Perspektive bieten“, sagt er. „Wir wollen deswegen organisch weiterwachsen.“ Organisch, das heißt: Was immer auch das Unternehmen erwirtschaftet, wird sofort und komplett in die Firma reinvestiert. Wenn es so gut weiterläuft wie bisher, will Niendorf in den kommenden Jahren vier weitere Mitarbeiter einstellen. Dabei soll es dann bleiben.

Viel mehr sollen es nicht werden – denn das würde nicht zum Geschäftsmodell passen. Flache Hierarchien, Vertrauen und Transparenz sind Niendorf im Unternehmen ausgesprochen wichtig – das sei in einem kleinen Team eher gegeben als in einem großen. Der Forscher weiß, wovon er spricht: Bevor er MRI.Tools gründete, arbeitete er jahrelang als Wissenschaftler in der Gesundheitsabteilung des US-Konzerns General Electric. Was in Niendorfs Firma gilt, treffe auch auf seine Branche zu, sagt der Firmengründer. „In der Medizintechnik läuft vieles über Reputation und Mund-zu-Mund-Propaganda“, sagt er.

Enger Kontakt zu Ärzten in der Charité

Der Firmeninhaber will Ärzten in Kliniken und Krankenhäusern mit seinen Produkten die Arbeit erleichtern – und die Behandlung von Patienten individueller und passgenauer machen. Dafür stehen der Professor und sein Team in ständigem Dialog mit praktizierenden Medizinern in der näheren und entfernteren Umgebung, zum Beispiel mit Ärzten in der Charité. So kommt es, dass MRI.Tools keine Massenware liefert, sondern vor allem Einzelanfertigungen auf Bestellung oder Modelle in kleiner Stückzahl produziert. „Wir versuchen, bei unserer Arbeit kurze Zyklen einzuhalten“, sagt Niendorf. Im Durchschnitt benötigen seine Mitarbeiter sechs bis zwölf Monate, um ein neues Gerät zu entwickeln und zu produzieren. Technik, die komplett aus Berlin stammt: Alle Teile werden auf dem Campus in Buch hergestellt und zusammengesetzt.

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