Adlershof : Jobmaschine im Südosten Berlins

Am Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Adlershof arbeiten bereits 14.000 Menschen in mehr als 800 Firmen. Damit ist das Gebiet der größte deutsche Technologiepark.

Cay Dobberke
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Die Bagger rollen. Hardy Rudolf Schmitz, Chef der Adlershofer Wista Management GmbH, vor einer Baustelle der »Gesellschaft zur...Foto: Uwe Steinert

Die ideale Forscherkarriere in Adlershof sieht so aus: Studenten aus einem der naturwissenschaftlichen Institute der Humboldt-Uni gehen nach ihrem Abschluss mal eben über die Straße und finden dort gleich Arbeit in einer Hightech-Firma. Oder sie machen sich selbständig, mieten erst kleinere Räume in einem der Technologiezentren – und bauen später in der Nähe eine große Fabrik. „Unser Ziel ist, dass Firmenmieter wachsen und hier eigene Gebäude errichten“, sagt Hardy Rudolf Schmitz, Geschäftsführer der Entwicklungs- und Betreibergesellschaft Wista Management. Ein solcher „Musterschüler“ sei die Solarfirma Sulfurcell, die Forscher des Hahn-Meitner-Instituts (heute: Helmholtz-Zentrum) vor fünf Jahren gegründet haben.

Adlershof ist mit rund 14 000 Arbeitsplätzen in mehr als 800 Firmen und Instituten der größte deutsche Technologiepark. Inzwischen hat sich der 1991 gegründete „Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Adlershof“, kurz Wista, umgetauft in „Stadt für Wissenschaft, Wirtschaft und Medien“. Dies würdigt auch die Bedeutung der Fernsehstudios, in denen zum Beispiel die ARD-Talkshow „Anne Will“ entsteht. Von der Wirtschaftskrise sei wenig zu spüren, sagt Schmitz. Feierstimmung herrscht in Adlershof aber vor allem aus einem anderen Grund: Die Eröffnung des Flugplatzes Johannisthal vor 100 Jahren ist Anlass für ein Jubiläumsprogramm mit Fachtagungen und öffentlichen Veranstaltungen. Berliner und Brandenburger können hinter die Kulissen des Technologiestandortes blicken, der ansonsten noch kaum zum Verweilen einlädt. Auf dem neuen Stadtplatz soll erst 2010 ein Biergarten oder Restaurant öffnen. Und der S-Bahnhof Adlershof bleibt bis zum kommenden Jahr wegen der laufenden Sanierung eine Baustelle, immerhin hat in dieser Woche bereits der neue Bahnsteig eröffnet.

Für Sulfurcell ist die „sehr gute Infrastruktur“ ein wichtiger Standortvorteil, sagt Rüdiger Stroh, einer der zwei Geschäftsführer. Dazu gehört neben dem S-Bahnanschluss die neue Stadtautobahn A113 und die Nähe zum künftigen Großflughafen BBI. Nützlich sei auch das „lokale Netzwerk“, sagt Stroh, denn Sulfurcell kooperiere oft mit anderen Unternehmen. Die Firma fertigt ihre modernen Dünnschicht-Solarmodule bisher in angemieteten Räumen, baut aber gerade für 85 Millionen Euro ein großes Werk. Möglich ist dies durch Risikokapital, das unter anderem von einer Beteiligungsgesellschaft der US-Computerfirma Intel stammt. Der Umzug ist im Herbst geplant, bis Mitte 2010 soll die Mitarbeiterzahl von 175 auf 275 steigen.

Ein weiterer Vorzeigebetrieb ist der Photovoltaik-Spezialist Solon mit mehr als 900 Mitarbeitern. Solarmodule aus Adlershof stehen auf den Dächern vieler Berliner Regierungs- und Verwaltungsgebäude, darunter das Bundespräsidialamt und das Jakob-Kaiser-Haus des Bundestags. „2008 war eigentlich ein Bombenjahr“, sagt Firmensprecherin Therese Raatz. Ab dem vierten Quartal habe man aber die Wirtschaftskrise gespürt, vor allem bei den Solarkraftwerken. Solon bietet diese schlüsselfertig an und baut sie vor allem in Spanien. Der im Vorjahr bezogene neue Firmensitz kostete 40 Millionen Euro, hat eine hochwirksame Wärmedämmung und eine der größten Solaranlagen der Stadt auf dem kühn geschwungenen Dach.

Bagger und Kräne bleiben in Adlershof ein gewohnter Anblick. Nur einen Steinwurf vom Büro des Wista-Chefs Schmitz entfernt errichtet zum Beispiel die „Gesellschaft zur Förderung angewandter Informatik“ einen Neubau. Bekannt ist die gemeinnützige Forschungsstätte durch ihre „akustische Kamera“, die Schallwellen und deren Reflexionen sichtbar macht. Nützlich ist dies besonders im Flugzeug- und Fahrzeugbau.

In sieben bis zehn Jahren könne der Technologiepark doppelt so groß wie heute sein, glaubt Schmitz. Als „industriellen Kern“ bezeichnet er ehemalige Forscher der DDR-Akademie der Wissenschaften, die „auf die Straße gesetzt“ worden seien und daraufhin Firmen gegründet hätten. Heute sei man schon mehr ein Industrie- als Wissenschaftsstandort, unter den 14 000 Beschäftigten seien nur etwa 2500 Forscher.

1,2 Milliarden Euro an öffentlichen Geldern sind in den Standort geflossen, hinzu kamen private Investitionen in Höhe von 500 Millionen Euro. Die Unternehmen haben im Durchschnitt ein Dutzend Mitarbeiter. „Wir sind ein extrem mittelständisches Konglomerat“, sagt Schmitz. Stolz ist er auf die geringe Zahl von Insolvenzen: Nur ein bis zwei Prozent der Betriebe gingen jährlich pleite, in amerikanischen Technologieparks liege der Anteil bei bis zu 25 Prozent.

Wie viel Vertrauen die erfolgreichen Macher in Adlershof genießen, zeigen jüngste Zusatzaufträge vom Land Berlin: Ein Team um Schmitz entwickelt zurzeit im Charlottenburger Amerika-Haus ein Konzept für das benachbarte Univiertel um den Ernst-Reuter-Platz – und auch über die Zukunft des Flughafens Tempelhof sollen sich Schmitz und weitere Adlershofer Manager im Laufe der kommenden Monate Gedanken machen.

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