Arbeitsmarkt : Berlin wirbt um Fachkräfte in Stuttgart

Die Arbeitsagentur sucht für Unternehmen in der Hauptstadt-Region Ingenieure und Informatiker.

Sigrid Kneist
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Die Firma Bally Wulff stellt am Maybachufer in Kreuzberg elektronische Glücksspielautomaten her. Derzeit braucht das Unternehmen...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

17 000 Studenten studieren derzeit an Berliner Hochschulen Ingenieurwissenschaften; hunderte Absolventen stehen jährlich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Das reicht aber nicht aus, um den Fachkräftemangel in der Region auszugleichen. Deshalb geht die Regionaldirektion für Arbeit jetzt neue Wege und sucht erstmals in Baden-Württemberg nach geeigneten Bewerbern. Gebraucht werden vor allem spezialisierte Ingenieure und Informatiker. Die Arbeitsagentur hat in einem ersten Schritt zehn Unternehmen aus Berlin-Brandenburg in der Arbeitsagentur Stuttgart mit 800 Fachkräften – Arbeitslosen und Hochschulabsolventen – zu einem „Chef-Dating“ zusammengebracht. In zehnminütigen Gesprächen konnten Bewerber und Arbeitgeber einen ersten Eindruck voneinander bekommen.

Auch wenn die Arbeitslosenstatistik in Berlin knapp 3000 Ingenieure und 600 Informatiker verzeichnet, seien für manche Jobs, die besondere Qualifkationen erfordern, in der Region keine Spezialisten zu finden, sagt Olaf Möller, Sprecher der Regionaldirektion. Fachleute gehen zudem davon aus, dass viele der arbeitslosen Ingenieure schon seit Jahren ohne Arbeit sind und deswegen nicht mehr über das notwendige Know-how verfügen.

In Baden-Württemberg erwartet die Arbeitsagentur mehr Potenzial, auch wenn dort die Arbeitslosenquote mit 5,0 Prozent weit weniger als die Hälfte der Berliner Quote mit 13,4 Prozent beträgt. Aber laut Möller hat die Wirtschaftskrise Südwestdeutschland mit seinen großen Industrieunternehmen – beispielsweise den Automobilkonzernen wie Porsche und Mercedes – stärker getroffen, sodass dort hoch qualifizierte Arbeitskräfte auch andernorts nach Herausforderungen suchen.

Unterstützt wurde die Aktion unter anderem von der Marketingorganisation Berlin-Partner. Man wolle den hier ansässigen Firmen helfen, geeignete Arbeitskräfte zu finden, hieß es bei den Berlin- Partnern. In Stuttgart habe man damit geworben, was Berlin zu bieten habe, etwa auf dem Wohnungsmarkt oder bei der Versorgung mit Schulen und Kitas. Aus Brandenburg kam Unterstützung von der Zukunftsagentur Brandenburg und der Landesagentur für Struktur und Arbeit.

Lutz Albrecht vom Glücksspielgerätehersteller Bally Wulff Entertainment war von den Ergebnissen angetan. „Drei Bewerber hätte ich sofort einstellen können“, sagt er. Jetzt hat er fünf Kandidaten zu Gesprächen nach Berlin eingeladen. Albrecht sucht händeringend spezialisierte Softwareentwickler – in der Region war diese Suche zuletzt nicht erfolgreich. Die letzten beiden eingestellten Spezialisten kamen aus Italien.

Nicht so erfolgreich war der Ausflug nach Stuttgart für Heinrich Meyer, Geschäftsführer des auf Klimatechnik spezialisierten Unternehmens Berliner Wartungs- und Kundendienst (BWK). Er fand keine geeigneten Kandidaten – gesucht wurden ein Ingenieur für Kältetechnik und ein Planer für raumlufttechnische Anlagen. Schon seit rund 20 Jahren hat Meyer immer wieder Schwierigkeiten, geeignete Ingenieure zu finden. Gute Leute würden zudem schnell von großen Firmen abgeworben, die mehr Geld bieten könnten. Seiner Auffassung nach müssten Studenten ihre Ausbildung auch zielgerichteter und spezialisierter angehen, dann würden sie „regelrecht mit Goldstaub aufgewogen“.

Als überregional großes Unternehmen war auch der Stahlbetrieb Arcelor/Mittal aus Eisenhüttenstadt in Stuttgart vertreten. „Die Suche nach neuen Mitarbeitern ist für einige Anforderungen in den letzten Jahren deutlich schwieriger geworden“, sagte Arcelor-Geschäftsführer Joachim Niebuhr. Es gelinge nicht immer, den Bedarf mit Bewerbern aus der Region zu decken. Vor allem, wenn gute Abschlüsse in Studiengängen wie Eisenhüttenkunde oder Elektrotechnik-Automatisierung vorausgesetzt werden müssen. Niebuhr nannte das „Chef-Dating“ eine vielversprechende, neue Variante der Personalgewinnung.

Der Fachkräftemangel ist auch bei der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) seit langem ein Thema. Deshalb stößt die Initiative der Arbeitsagentur dort auf Zustimmung und Unterstützung. „Das nützt dem Standort Berlin“, sagt IHK-Sprecher Holger Lunau. Man müsse damit rechnen, dass sich das Problem aufgrund der sinkenden Zahl der Schulabgänger und damit später auch der Studenten in den kommenden Jahren sogar noch verstärken werde.

Die Arbeitsagentur wird die Ergebnisse dieses ersten „Chef-Datings“ bis Januar auswerten. Weitere Aktionen sind geplant.Seite 15

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