Arbeitsmarkt : Multikulti hinterm Ladentisch

Berliner Unternehmen entdecken Migranten als Kunden und Angestellte. Gefragt sind Mitarbeiter, die Türkisch, Englisch oder Spanisch sprechen können. Und die Sprache allein ist noch nicht einmal das Entscheidende.

Matthias Jekosch
Selcuk
Hatice Selcuk leitet die Sparkasse im Berliner Gesundbrunnen-Center. -Foto: Mike Wolff

Ein 30 000-Euro-Kredit für eine Hochzeit? Da schaut ein deutschstämmiger Bankangestellter nur fragend. Hatice Selcuk aber weiß, dass türkische Hochzeiten anders zelebriert werden als deutsche. Die Filialleiterin der Sparkasse im Weddinger Gesundbrunnen-Center gewährt solche Kredite, falls keine anderen Gründe dagegen sprechen. Sie stammt aus der Türkei, kam mit 16 Jahren nach Berlin. Dass sie die Filiale in einem Gebiet mit hohem Migrantenanteil leitet, liegt nicht nur an ihrer Herkunft: „Sicherlich haben meine Sprachkenntnisse geholfen, ausschlaggebend war aber in erster Linie die berufliche Kompetenz.“ Selcuk hat sich mit Ehrgeiz in ihre Position hochgearbeitet. Die könnte sie genauso gut in Zehlendorf ausfüllen, sagt sie.

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz verhindert, dass jemand wegen seiner Herkunft einen Arbeitsplatz erhält. Aber Firmen erkennen zunehmend, wie wichtig interkulturelle Kompetenz ist und fordern zum Beispiel bestimmte Sprachkenntnisse. Oder sie bedienen sich aus ihrem eigenen Angestelltenpool.

In den Supermärkten von Kaiser’s-Tengelmann wird das so gehandhabt. „Wir sind ein Multikulti-Verein“, sagt Tobias Tuchlenski, Regionsmanager Berlin-Brandenburg. Die 4 500 Mitarbeiter in Berlin kommen aus 35 Nationen. Am Potsdamer Platz setzt die Kette englischsprachige Mitarbeiter ein und in Kreuzberg türkischsprachige. Dort gibt es auch Produkte speziell für türkische Kunden, etwa Hülsenfrüchte oder Couscous.

Auch die Metro Gruppe beschäftigt verschiedene Ethnien in ihren Cash & Carry-Märkten für gewerbliche Kunden. „In Berlin sind türkischstämmige Kundenmanager im Einsatz, um gezielt türkische Kunden beraten zu können“, sagt eine Sprecherin, in München gebe es viele italienische Kundenmanager.

Nihat Sorgec, Vizepräsident der Türkisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer, lobt die Entwicklung: „Das sind erste richtig gute Ansätze, um zeitgerecht in dieser Gesellschaft zu wirtschaften.“ Bei Beratungs- und Verkaufsgesprächen hat er große Unterschiede ausgemacht: „Türkische Kunden sind emotional leicht beeinflussbar, deutsche kaufen sachlicher ein und legen nicht so viel Wert auf Kleinigkeiten.“

Die BASF-Gruppe hat ihre europäischen Serviceleistungen im Narva- Turm an der Warschauer Straße in Friedrichshain gebündelt. 500 Mitarbeiter geben Auskunft zu Steuerfragen in Spanien oder zum Rechnungswesen in Schweden. „Berlin bietet ein großes Potenzial an qualifizierten internationalen Arbeitskräften mit den erforderlichen Sprach- und Fachkenntnissen“, begründet BASF die Standortwahl. Auch von der Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner heißt es, die Stadt habe „ein erhebliches Potenzial an mehrsprachigen Arbeitskräften“ (siehe Kasten).

Die Dresdner Bank beschäftigt zwar keine Mitarbeiter, um bestimmte Ethnien anzusprechen, hat aber den Bereich „Corporate Social Responsibility“ eingerichtet und betont damit ihre soziale Verantwortung. „Die Integration wird in diesem Bereich immer wichtiger“, erläutert die Leiterin Heike Heuberger. Die Bank engagiert sich auch bei den Aktionswochen gegen Rassismus, die bis zum 23. März laufen (www.gesichtzeigen.de).

Von den rund 16 000 Berliner Polizisten stammen nur etwa 200 aus Migrantenfamilien oder sind selbst zugewandert. Die Polizei will den Anteil erhöhen: „Wir müssen in der Lage sein, auf Menschen aus anderen Ländern und Kulturen aktiv zuzugehen und ihr Vertrauen zu gewinnen“, so eine Sprecherin.

Nihat Sorgec leitet auch das Bildungswerk Kreuzberg, das Jugendliche mit Migrationshintergrund auf die Ausbildung vorbereitet. Derzeit arbeitet er zum Beispiel mit der Commerzbank und der Sparkasse zusammen. Jugendliche werden in einer Kombination aus Praktika und schulischer Ausbildung auf das Berufsleben vorbereitet. Viele sprechen und schreiben nur unzureichend Deutsch. Außerdem brauchen sie Nachhilfe hinsichtlich Auftreten und Disziplin. Davon profitiere das ganze Land, meint Sorgec. Weil die deutsche Bevölkerung immer älter werde, komme anderen Ethnien mehr Bedeutung auf dem Arbeitsmarkt zu: „Die Unternehmen müssen langsam für die Zukunft umrüsten.“

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