Berliner Wirtschaft : Auf der Schokoladenseite

Die Deutschen essen so viel Süßes wie nie zuvor. In Berlin wird besonders viel hergestellt und verkauft. In der Vorweihnachtszeit machen die Unternehmen ihr Hauptgeschäft

Matthias Jekosch

Die Honig-Mandel-Nugat-Praline liegt verführerisch auf der Glasvitrine. Feine Streifen aus Schokolade schlängeln sich über den hellgelben Körper. Es ist Missad Mujanovics Lieblingspraline. Der Verkäufer im Schokoladenhaus von Fassbender und Rausch hat alle 170 Pralinensorten in der mehr als vier Meter langen Vitrine probiert – und ist trotzdem schlank geblieben, weil er sie mit Genuss gegessen habe, sagt Mujanovic. „Genuss“ ist auch das Schlüsselwort der Verkaufsphilosophie des Unternehmens: „Wir versuchen, Schokolade zu zelebrieren“, sagt Stefan Reichl, Leiter des Rausch-Stammhauses am Gendarmenmarkt. Das Unternehmen verkauft ausschließlich Produkte aus Edelkakao. Jetzt zur Adventszeit – zur Schokoladenzeit – ist das Geschäft voller Menschen, die zwischen dem größten Schokoladenweihnachtsmann der Welt, dem Brandenburger Tor aus Schokolade und einer Unmenge anderer Schokoladenprodukte umherschlendern.

Das Rausch-Stammhaus am Gendarmenmarkt ist nach Angaben des Unternehmens das größte Schokoladenkaufhaus der Welt. Schokolade, Marzipan und andere weihnachtliche Süßigkeiten aus Berlin verkaufen sich gut in ganz Deutschland. In Berlin habe sich „ein kleines Zentrum“ der Süßwarenindustrie gebildet, sagt Sven Hell, Betriebsleiter der Neuköllner Georg Lemke GmbH. 12 000 Tonnen Marzipan- und Persipanrohmasse stellt die Firma pro Jahr her. Zwei Drittel davon entfallen auf das Weihnachtsgeschäft. Die Chance, in einem Christstollen irgendwo im Land Persipan von Lemke zu finden, sei hoch, sagt Sven Hell. Beim Persipan werden statt Mandeln gemahlene Aprikosenkerne verwendet. Auch das Unternehmen Moll Marzipan hat seinen Sitz in Neukölln und liefert in alle Teile des Landes. Man komme auf einen Marktanteil an Mandelpräparaten von 37 Prozent und an Persipanrohmasse von 25 Prozent, heißt es bei dem Unternehmen.

Zahlen des Bundesverbandes der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI) zeigen, dass das Geschäft mit den süßen Leckereien wächst. Über 32 Kilogramm Süßwaren verzehrten die Deutschen 2006, 4,2 Prozent mehr als im Jahr davor. Mit fast zehn Kilogramm hält die Schokolade den größten Anteil am Pro-Kopf-Verbrauch. Die gesamte deutsche Süßwarenindustrie hat über 900 000 Tonnen an Schokolade produziert – so viel wie noch nie. Berliner Unternehmen verdienen kräftig mit. Doch Wettbewerbsvorteile gebe es vor Ort nicht, heißt es beim BDSI. Das war zu Beginn des 20. Jahrhunderts anders. Aus dieser Zeit stammen die meisten der hier produzierenden Traditionsbetriebe, die von der Nähe zum großen Absatzmarkt profitierten. „Bei den heutigen logistischen Möglichkeiten ist das jedoch kein Vorteil mehr“, sagt ein Sprecher des BDSI. Das Berliner Traditionsunternehmen Fassbender und Rausch hat seine Produktion inzwischen nach Peine bei Hannover verlegt.

Doch selbst ohne Standortvorteil spielen einige Berliner Unternehmen eine wichtige Rolle in der Süßwarenindustrie. Im Berliner Bahlsen-Werk etwa produzieren 350 Mitarbeiter den Schokoriegel „Pick Up“, außerdem Weihnachtsprodukte wie die Lebkuchensorten „Grandessa“ und „Contessa“. Das Berliner Werk von Storck stellt die gesamte Produktlinie „Merci Finest Selection“ her.

Jetzt im Dezember wird das nahende Fest immer offensichtlicher: In den Kaufhäusern stehen die Weihnachtsmänner Spalier, und die Weihnachtsmärkte duften nach Marzipan. Hinter den Kulissen hat die Berliner Süßwarenindustrie schon länger gut zu tun. Die Vorbereitung auf die Weihnachtszeit läuft allerdings nicht überall gleich. Im Vergleich zu anderen Firmen beginnt Storck erst spät damit, für Weihnachten zu produzieren. „Wir können uns das leisten, weil wir die Kapazitäten haben“, sagt Bernd Rößler. Alleine im Berliner Werk sind etwa 1 200 Mitarbeiter damit beschäftigt, Merci-Schokolade zu produzieren, deren Verpackung zum Fest mit Weihnachtsmotiven aufgehübscht wird. In der restlichen Zeit des Jahres sind es rund 100 Mitarbeiter weniger. Auch die Zahl der Mitarbeiter der Firma Moll Marzipan schwankt: In der Hochsaison der Weihnachtsproduktion, von Juli bis Dezember, sind es 80 Mitarbeiter, sonst 65. Damit die Pralinenhersteller, die Moll beliefert, rechtzeitig vor dem Fest produzieren können, „laufen wir ihnen etwa zwei Monate voraus“, sagt Leo Möllerherm aus der Geschäftsführung. Im Dezember werden bereits die Marzipan- und Persipanmassen für Ostern hergestellt. In der Zeit zwischen Oktober und März würden zwei Drittel des Umsatzes gemacht, sagt Möllerherm.Die kleine Manufaktur In’t Veld Schokoladen in Prenzlauer Berg beginnt bereits im Februar mit der Produktion für das Weihnachtsgeschäft, denn das seit 2002 existierende Unternehmen sei „noch lange nicht routiniert“, sagt Vorstand Holger in’t Veld. Zwei Tage vor dem ersten Advent begann bei in’t Veld der Weihnachtsverkauf. Auch Fassbender und Rausch macht das Hauptgeschäft zu Weihnachten. Wie viel das Unternehmen in der Vorweihnachtszeit mit der Schokolade genau verdient, will Stefan Reichl, Leiter des Rausch-Stammhauses am Gendarmenmarkt, nicht verraten. „Aber in den Wochen vor Weihnachten haben wir etwa 25 Prozent mehr Gäste.“ Reichl nennt seine Kunden lieber „Gäste“. „Das zeigt Wertschätzung“, sagt er.

Die „Gäste“ werden immer anspruchsvoller. Das „Verständnis für Schokolade“ habe sich verändert, sagt Reichl. „Die Leute wissen besser Bescheid und achten mehr auf Qualität.“ Der erhöhte Anspruch schlägt sich allerdings im Preis nieder. Edelkakao, wie er bei Fassbender und Rausch verwendet wird, ist etwa drei Mal teurer als der häufiger verarbeitete Konsumkakao. Doch auch bei Ketten wird der Trend zu höherwertigen Produkten registriert. „Mit Billigschokolade können Sie niemanden mehr hervorlocken“, sagt Detlef Steffens, Geschäftsführer der Galeria Kaufhof am Alexanderplatz. Nach Weihnachten wird er genau prüfen, welche Produkte gefragt waren. Und schon im Januar wird er für das nächste Weihnachtsgeschäft ordern. Danach beginnen die ersten Unternehmen wieder mit den Vorbereitungen für die Produktion. Hinter den Kulissen ist Weihnachten eben das ganze Jahr. Die Weihnachtsleckereien kommen in Etappen in die Läden. Anfang September gibt es Lebkuchen zu kaufen, die allerdings zu den Herbstgebäckwaren gezählt werden. Die ersten Nikoläuse kommen im November. Beschwerden, dass die Supermärkte zu früh das Weihnachtsgeschäft einläuten, hat ein Sprecher der Real-Gruppe noch nie erlebt. „Es ist überraschend, aber die Süßwaren verkaufen sich im September genauso gut wie im Dezember.“

Ganz gleich, wann die Firmen für Weihnachten produzieren und verkaufen, ein Vorurteil mag keins der Unternehmen auf sich sitzen lassen: Die Weihnachtsmänner sind keine eingeschmolzenen Osterhasen.

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