Berliner Wirtschaft : Aussortiert, in Gottes Namen

Bernd Matthies

Irgendeiner muss ja mal den definitiven Berliner Kriminalroman schreiben, nicht wahr? Und weil das ein so naheliegendes Ziel ist, scheitern Autoren reihenweise daran. Auch Titus Keller hat es mit seinem Roman „Aussortiert“ nicht geschafft, aber er scheitert immerhin ehrenhaft, legt eine gut konstruierte Geschichte mit interessanten Charakteren vor. Doch für Spannung und präzise Milieubeschreibung hat es nicht gereicht.

Titus Keller übrigens existiert nicht. Der Verlag versucht, mit diesem Pseudonym und ein wenig Geheimnistuerei Wind zu machen, es soll sich um einen „bekannten deutschen Schriftsteller“ handeln, der einen Abstecher in ein anderes Genre unternommen hat. Doch welcher bekannte Schriftsteller würde einen hölzernen, schwer lesbaren Prolog in überwiegend indirekter Rede riskieren, wenn er nicht einmal den richtigen Konjunktiv beherrscht?

Kai Nabel ist kein übler Typ. Hauptkommissar, geschieden, Rotweinliebhaber. Aber kein Säufer, kein Junkie, einer ohne all die Macken, die Krimiautoren ihren Hauptfiguren so gern anhängen. Auch Lidia Rauch, seine Mitarbeiterin und heimliche Liebe, ist realistisch gestrickt, sympathisch trotz einer gewissen Neigung zu weißem Pulver. Beide ermitteln in einer seltsamen Mordserie mit scheinbar willkürlich ausgesuchten Opfern, bei denen der Täter kleine Kärtchen zurücklässt. Ein dicker Amerikaner wird beim Essen im Burger King vergiftet – die Beamten finden einen Zettel mit der prägnanten Aufschrift: „Zu fett für Gott, das Schwein. Aussortiert. Basta.“

Hier mordet kein christlich motivierter Racheengel. Doch bevor das klar wird, geht die Handlung verschlungene Wege. Ein schmieriger Journalist, als Starreporter der „Schweinezeitung“ klischeehaft überzeichnet, wird an den Landwehrkanal gelockt und dort erschlagen („Zu laut, die Drecksau, für Gott. Aussortiert. Gloria in excelsis.“) Es treten undurchsichtige Kriminalräte auf, verdeckte Ermittler ermitteln in russisch-mafiösen Milieus,und am Ende geht Kai Nabel einen sehr unorthodoxen Weg, um den Täter zur Rechenschaft zu ziehen.

Ärgerlich ist vor allem die schlechte Lektoratsarbeit, die sich nicht nur in falschen Konjunktiven niederschlägt. Wir sollen im „KDW“ das KaDeWe erkennen und im „Sassicaio“ den Sassicaia, sollen glauben, dass ein erfahrener Polizist „verhaftet“ sagt, wenn er offensichtlich „festgenommen“ meint, und akzeptieren, dass ein Hauptkommissar wegen einer erfolgreichen Ermittlung rasch mal zum Kriminalrat befördert wird, ein Unding im ehernen deutschen Beamtenrecht. Angelsächsische Kriminalromane sind oft schlicht deshalb besser, weil ihre Autoren die Recherche ernst nehmen – und nicht einfach nebenher was Genialisches aufs Papier werfen. Bernd Matthies













— Titus Keller:
Aussortiert. Eichborn Verlag, Frankfurt. 280 Seiten, 18,90 Euro.

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