Babyboom : Aufschwung im Strampelanzug

Im ersten Quartal 2007 wurden in Berlin so viele Kinder geboren wie seit 2000 nicht mehr. Die Wirtschaft spürt den Babyboom bereits.

Sabine Hölper

An Erklärungen mangelt es nicht. „Es ist ansteckend“, glaubt Lina Linke. „Vielleicht liegt es an der Berliner Luft, oder im Trinkwasser ist irgendwas drin“, sinniert Anita Drews. Und Jutta Goedicke stellt die Theorie auf, die Fußball-WM im Sommer letzten Jahres habe Berliner Paare zum Kinderkriegen animiert.

Die Überlegungen der drei Geschäftsfrauen sind nicht ganz ernst gemeint, ihr Lachen verrät es. Dass in Berlin derzeit viele Kinder auf die Welt kommen, bereitet den Unternehmerinnen eben gute Laune. Schließlich profitieren sie vom Babyboom. „Der Umsatz steigt“, sagt Lina Linke vom Kinderbekleidungsgeschäft Lila Lämmchen in Prenzlauer Berg.

„Auch wir verkaufen seit einigen Monaten viel mehr Babysachen“, hat Jutta Goedicke, Inhaberin des Spielwarenladens Löwenzahn in Lichterfelde, festgestellt. Und Anita Drews, Geschäftsführerin der Betreuungsstätte Kinderinsel, hegt sogar „große Expansionspläne“. 90 Babys stehen auf ihrer Warteliste. Fünf Mal mehr Kinder als die Einrichtung in Mitte aufnehmen kann. Die Suche nach neuen Räumen läuft daher auf Hochtouren.

Geahnt hat man es. Wer an sonnigen Tagen durch Berlin spaziert, begegnet überall Müttern, die ihre Kinderwagen vor sich herschieben, die Spielplätze sind überfüllt, die Schlangen vor den Eiscafés meterlang. Der Eindruck stimmt. Allein im ersten Quartal dieses Jahres sind in der Hauptstadt fast 6500 Babys auf die Welt gekommen, das sind gut fünf Prozent mehr als in den ersten drei Monaten des Vorjahres. Deutschlandweit wurden im selben Zeitraum gerade einmal 0,4 Prozent mehr Kinder geboren.

Das bleibt nicht ohne Folgen: Wo früher Kneipen waren, wird neuerdings Fencheltee verkauft, wo einst Schallplattenläden die neuesten Scheiben anpriesen, liegen jetzt Bibi-Blocksberg-Kassetten in der Auslage. Am laufenden Band kommen neue Anbieter von Babyartikeln hinzu, eröffnen private Betreuungseinrichtungen und Mutter-Kind-Cafés. Vor allem in den Kinderhochburgen Prenzlauer Berg, Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg schießen sie wie Pilze aus dem Boden, sagen die Baby-Unternehmer, die hochzufrieden sind. Aysel Kluth, deren Agentur Pünktchen seit 2006 von Kreuzberg aus Haushaltshilfen und Betreuer vermittelt, freut sich ebenso über eine „gute Geschäftsentwicklung“ wie Lene König, seit 2004 Inhaberin des Kindermodelabels Bubble-Kid in Mitte. „Unser Umsatz steigt und steigt“, sagt König. „Derzeit verkaufen wir besonders viele Dinge für Neugeborene.“

Doch es ist nicht nur die Masse, die den Geschäftsleuten Geld in die Kassen spült. Die Eltern lassen sich die Ausstattung des Kindes einiges kosten. Der Wonneproppen soll am besten mit Biokost gefüttert und mit Ökotextilien eingekleidet werden. So landen immer mehr Hemdchen aus Wolle-Seide-Gemisch in der Einkaufstasche, obwohl Pendants aus Baumwolle für die Hälfte zu haben sind.

Wer obendrein Wert auf Produkte „made in Germany“ legt, zahlt für ein T-Shirt in Größe 72 schon mal 27 Euro. So viel kosten Oberteile der Kreuzberger Firma 667 – The Baby of the Beast. Dennoch läuft das Geschäft bestens. Nachdem die beiden Designerinnen Diana Otten und Katja Birkle die Teile anfangs nur in Trendläden für Erwachsene angeboten hatten, beliefern sie mittlerweile immer mehr Babyausstatter wie zum Beispiel Mother im Bötzowviertel, wo weitere exklusive Marken wie Bellybutton oder Noppies über den Ladentisch gehen. Mother-Inhaberin Michaela Krämer freut sich über die rege Nachfrage nach hochwertiger Ware. „Manchmal bin ich allerdings selbst überrascht, wie viel Geld die Kundinnen ausgeben“, sagt sie.

Hansjürgen Heinick von der Unternehmensberatung BBE in Köln erklärt sich die Spendierlaune mit dem Ende der Geiz-ist-geil-Mentalität. Bereits im letzten Jahr sei der Umsatz mit Babybekleidung um 2,1 Prozent gestiegen, obwohl vom Kinderboom noch keine Rede war. Seit dem 1. Januar 2007 wird zusätzlich das neue Elterngeld ausgezahlt, das jungen Familien einen Zuschuss von bis zu 1800 Euro pro Monat beschert. Weil viele Eltern die Anträge nicht sofort nach der Geburt abgegeben haben und die Bearbeitung schleppend vorangeht, läuft die Auszahlung aber erst jetzt richtig an (siehe Grafik). Daher schätzt Heinick, dass sich „das Marktvolumen in diesem Jahr noch besser entwickelt“. Am meisten Geld gäben die Leute für die Sicherheit der Kleinen aus und für Dinge, „die nach außen sichtbar sind“. Also nicht für Wäsche oder Decken, sondern für Kinderwagen und Schuhe wird tief in die Tasche gegriffen: Das beliebte Bugaboo Modell Cameleon kostet stolze 800 Euro, ein Paar Lauflernschuhe, wie Klaus Eble sie in seinem Laden Kleine Helden in Wilmersdorf verkauft, immerhin 70 Euro.

Aber nicht jeder Dreikäsehoch wird derart verwöhnt. Immerhin trägt Berlin den traurigen Titel „Hauptstadt der Kinderarmut“, 37 Prozent der Kleinen sind von Sozialhilfe abhängig. Für deren Eltern sind teure Marken tabu. Sie decken ihren Bedarf auf Flohmärkten und in Second-Hand-Läden, was allerdings zur Folge hat, dass das Geschäft mit gebrauchter Ware ebenfalls floriert. Andreas Pallwitz, Inhaber des Zweite-Hand-Ladens Mathilda in Neukölln, hatte zeitweise überlegt, Anziehsachen aus dem Angebot zu nehmen, um das Sortiment übersichtlicher zu halten. Doch er hat sich anders entschieden. „Die Artikel laufen einfach zu gut.“

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