Berliner Geschäftsstraßen : Großbaustellen schmälern Umsätze

U-Bahn-Bau, neue Geschäftshäuser, Straßensanierung - Berlin buddelt. Was im ersten Augenblick nach Aufschwung klingt, hat aber auch negative Auswirkungen, zum Beispiel auf die Geschäftswelt.

Cay Dobberke,Tanja Tricarico
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Baustellenparcours. Rund um den U-Bahnhof Wittenbergplatz, wo unter anderem das KaDeWe liegt, rollen die Bagger für die Sanierung...

Allein auf der Tauentzienstraße und am Kurfürstendamm wird derzeit an vier Stellen gebuddelt. Die BVG saniert bis Ende 2010 die U-Bahntunnel zwischen den Stationen Wittenbergplatz und Kurfürstendamm, während an der Tauentzienstraße 5 bis zum Frühjahr 2010 ein Büro- und Geschäftshaus entsteht. An der Ecke Rankestraße laufen Rohrarbeiten der Wasserbetriebe und vor dem Neuen Kranzler-Eck ist wiederum die BVG zugange – dort wird ein Eingang des U-Bahnhofs Kurfürstendamm behindertengerecht.

Doch damit nicht genug. Nach 2010 wollen Charlottenburg-Wilmersdorf und Tempelhof-Schöneberg den Mittelstreifen der Tauentzienstraße umgestalten. Zudem bleibt bis 2011 die Kantstraße zwischen Joachimstaler und Budapester Straße gesperrt, da Investoren das Schimmelpfeng-Haus abreißen und das „Zoofenster“–Hochhaus mit dem Waldorf-Astoria-Hotel bauen. Unter dem Hardenbergplatz entsteht bald eine Tiefgarage und in der Nähe – voraussichtlich ab Jahresende – das Riesenrad am Zoo. Hinzu kommen Projekte mit offenem Baubeginn: die Neugestaltung des „Zentrums am Zoo“ mit dem Bikini-Haus und ein zweites Hochhaus an der Kantstraße.

„Unangenehm“ findet Gottfried Kupsch von der AG City speziell die U-Bahn-Baustellen. Er sieht aber „keine Existenzbedrohung“ für Anlieger. Die meisten Läden seien Filialbetriebe, die „eine Durststrecke durchhalten“. Zudem sähen Passanten die Baustellen auch als „Ausdruck von Dynamik“. Vermieden werden müssten aber geschäftsschädigende Verkehrshinweise, wie es sie ab Mai bei der Teilsperrung der Kantstraße gab – damals wurde im Rundfunk empfohlen, den Bereich um den Bahnhof Zoo „weiträumig zu umfahren“.

Das ist am Alexanderplatz, den große Hauptverkehrsstraßen kreuzen, kaum möglich. Seit 2007 baut der Investor Q-Park eine Tiefgarage mit 600 Plätzen. Zugleich wird die Alexanderstraße von 100 auf 58 Meter Breite zurückgebaut. „Die Leute kommen nicht mehr gern vorbei“, sagt ein Obst- und Gemüsehändler an der Karl-Marx-Allee. „Schön war es hier nie, aber die Baustelle macht den Platz richtig hässlich.“ Er verkauft deutlich weniger. Ein Großteil der Arbeiten soll bis Ende 2009 abgeschlossen sein. Die ganze Tiefgarage könnte Ende 2010 stehen. Spätestens dann soll sich der Umbau für Händler positiv bemerkbar machen. Schließlich werden die Parkplätze wegen rund 10 000 neuer Hotelbetten in der Gegend gebaut. Seit das Alexa-Center fertig ist, freuen sich Kaufleute über die Veränderungen. „Der Platz ist längst nicht mehr nur ein Treffpunkt des Ostens“, sagt Detlef Steffens, Geschäftsführer der Galeria Kaufhof am Alex.

Bauarbeiten laufen auch in der Friedrichstraße, zu den Betroffenen zählt das Blumengeschäft Röwer am S-Bahnhof. Dort hebt die Floristin Selma Kaplan einen Topf mit Rosen hoch und wischt über die schwarze Ablage – mehrmals am Tag. Denn seit die Hotusa Hotelgruppe und die LIP Ludger Inholte Projektentwicklung bauen, verteilt sich Staub über die Auslagen. „Aber am schlimmsten ist der Lärm“, sagt die 24-Jährige. „Manchmal habe ich Kopfschmerzen.“ Seit Januar haben die Bauherren beiderseits der Straße den Boden ausgehoben und Fundamente gelegt. Auf der Südseite stehen schon zwei große Geschäftshäuser. Gegenüber entsteht das Luxushotel Eurostars mit 220 Zimmern. Ein überdachter Weg führt Fußgänger an den Baugruben vorbei. Kaplan lebt von Laufkundschaft. Wenn der Presslufthammer dröhnt, machen viele einen Bogen um ihr Geschäft.

„Natürlich beschweren sich Gäste über den Lärm und Dreck“, sagt auch Beatrice Ruszynski. Seit elf Jahren verkauft sie nebenan im Imbiss. Beide Händler wussten bisher nicht, dass ab April 2011 die Ecke Friedrichstraße / Unter den Linden dicht gemacht wird. Unter dem U-6-Bahnhof Französische Straße entsteht der Kreuzungsbahnhof für die U5. Laut BVG muss an der Oberfläche gebaut werden.

Rainer Boldt von der Interessengemeinschaft Friedrichstraße hält das Vorhaben von Senat und BVG für „wenig durchdacht“ und rechnet damit, dass „deutlich weniger Leute kommen und die Umsätze einbrechen“. Der Lärm könne bis in die Leipziger Straße und bis zu den Friedrichstadtpassagen zu hören sein. Fast eine Milliarde Euro wurde bis jetzt investiert. „Das Geld hätte man sinnvoller verwenden können“, sagt Boldt. „Wir brauchen diese U-Bahn nicht und bewegen uns am Rande eines Todesstoßes für die Straße“, kritisiert auch Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg.

Steffen Ritter, Sprecher der Dussmann-Gruppe, ist gelassener – obwohl das Kulturkaufhaus direkt betroffen sein wird. „Lärm und Schmutz wirken sich natürlich auf den Umsatz aus“, sagt er. Man wolle die Baustelle aber beleben: Gemeinsam mit der Komischen Oper oder dem Ensemble des Admiralpalasts will Dussmann dort Theateraufführungen, Konzerte oder Lesungen veranstalten. „Die Kulturbaustelle wäre gut für das Image der Straße und der BVG“, sagt Ritter.

Eine Dauerbaustelle ist die Steglitzer Schloßstraße. In den Vorjahren eröffneten zwei neue Center, während das Forum Steglitz, Peek & Cloppenburg und das Karstadt-Warenhaus modernisiert wurden. Bis 2011 entsteht nun das Center „Boulevard Berlin“, und der Bezirk plant eine Umgestaltung der Fahrbahnen. Derzeit liegen Baustadtrat Uwe Stäglin (SPD) aber keine Beschwerden vor.

In Charlottenburg-Wilmersdorf will Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU) dem „starken Belastungsszenario“ etwas entgegensetzen: 2010 könne es „Baustellenzeitungen“ und Führungen rund um den Ku’damm und die Tauentzienstraße geben, finanzieren soll dies die Privatwirtschaft. Die Weihnachtsbeleuchtung auf dem Boulevard muss schon 2009 wegen der Bauarbeiten reduziert werden. Als Ausgleich möchte Gröhler „die Bauzäune der BVG illuminieren“.

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