Berliner Hotels : Ein Zimmer gibt’s immer

Noch immer öffnen reihenweise neue Hotels in der Hauptstadt. Doch Experten sehen den Markt inzwischen als gesättigt an.

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Das neu eröffnete Scandic Hotel am Potsdamer Platz ist das fünftgrößte Hotel Berlins.
Das neu eröffnete Scandic Hotel am Potsdamer Platz ist das fünftgrößte Hotel Berlins.Foto: Thilo Rückeis

Die Touristenzahlen in Berlin steigen weiter auf immer neue Rekordhöhen, und auch der Bettenboom in der Hotellerie ist ungebrochen. Gerade hat die skandinavische Scandic-Gruppe am Potsdamer Platz ein Vier-Sterne-Haus mit 563 Zimmern eröffnet, das als neues Flaggschiff der Kette gilt. Seit Ende September empfängt an der Uhlandstraße zudem das erste Berliner Hampton-Hotel seine Gäste. Diese Marke der Economy-Klasse gehört zur Hilton-Gruppe, die auch das Luxushotel Waldorf-Astoria im Zoofenster-Hochhaus in Charlottenburg baut und im November eine 20 Millionen Euro teure Modernisierung ihres Hauses am Gendarmenmarkt beenden will.

Allein in diesem Jahr sind dem Hotel- und Gaststättenverband Berlin zehn Hotelneubauten mit insgesamt mehr als 1700 Zimmern bekannt. 2011 sollen rund 4000 Zimmer hinzukommen und ab 2012 weitere 3500. Verbandshauptgeschäftsführer Thomas Lengfelder ist besorgt: „Wir sehen den Hotelmarkt als wirklich schon gesättigt an, die Kapazität ist deutlich stärker gestiegen als der Zuwachs an Touristen.“ Daran ändere auch die neueste Rekordzahl nichts: Die Wirtschaftsverwaltung rechnet 2010 mit mehr als 20 Millionen Übernachtungen. Trotzdem liegt die durchschnittliche Bettenauslastung wegen der vielen Hotels nur bei 50 Prozent und damit deutlich niedriger als in anderen Metropolen. Lengfelder sieht jedoch wenig Steuerungsmöglichkeiten: „Wir haben nun einmal eine soziale Marktwirtschaft.“

Die meisten Hotels entstehen in der Kategorie drei bis vier Sterne. Für Luxushäuser gebe es nur noch wenig Bedarf, sagen Branchenkenner. Doch das sehen Investoren anders. Hilton setzt mit dem Waldorf-Astoria nicht zuletzt auf den berühmten Namen des Stammhauses in New York und kündigt für den Herbst 2011 ein „Fünf Sterne plus“-Hotel für höchste Ansprüche an. Zur Luxusklasse wird auch das Hotel „Das Stue“ mit 82 Zimmern gehören, das in der einstigen dänischen Gesandtschaft zwischen dem Zoo und dem Neuen See in Charlottenburg entsteht. Spanische Bauherren investieren 37 Millionen Euro und wollten das Hotel eigentlich Mitte Dezember eröffnen. Jetzt teilte ein Sprecher mit, dass der Termin auf den März 2011 verschoben wurde. Welche baulichen Probleme das Projekt verzögern, sagte er nicht. Laut Gründungsdirektor Sven Brunssen soll das Haus gemütlicher und individueller wirken als große Business-Hotels. Das zeigt auch der Name: „Stue“ heißt auf Dänisch „Stube“. Brunssen sieht eine Marktlücke und rechnet sich „trotz des umkämpften Berliner Marktes gute Chancen aus“.

Derweil ist ein anderes Vorhaben wieder aufgelebt. Die spanische Silken-Gruppe hatte an der Ecke Lietzenburger und Nürnberger Straße ein Mittelklassehaus bis zum Rohbau fertiggestellt, den Innenausbau dann aber ohne Angabe von Gründen gestoppt. Nach rund einjährigem Stillstand hat nun die portugiesische Sana-Gruppe das Projekt übernommen. In der nahen Joachimstaler Straße wollte im Oktober die Kette „H10“ ein Hotel aufmachen, der Termin musste allerdings auf den 15. Januar verschoben werden.

Die neu benannte Tourismus-Marketinggesellschaft Visit Berlin – bisher bekannt als Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM) – sieht einen „Nachholeffekt“ im Zuge der Entwicklung zur Weltstadt. Die Vielzahl der Projekte sei „atemberaubend“, sagt Geschäftsführer Burkhard Kieker, „ich würde mir auch mal eine Verschnaufpause wünschen“. 50 Prozent Bettenauslastung seien „auf die Dauer nicht zuträglich, bei 60 bis 65 Prozent würde eine gewisse Gesundung eintreten“. Andererseits ist er überzeugt davon, dass Bauherren ihre Marktchancen genau analysieren. Als Verlierer sieht Kieker vor allem Pensionen und kleine Privathotels.

Mit der neuen Reisemesse „Berlin Travel Convention“ im Friedrichstadtpalast will die Agentur Ikusei nun die „Leistungsträger“ des Tourismus näher zusammenbringen – von Hotelbesitzern und Reedereien bis zu den Betreibern von Sehenswürdigkeiten wie dem Fernsehturm am Alexanderplatz, den Staatlichen Museen oder dem Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds (siehe Infokasten). Agenturchef Philipp Wilimzig sieht die Entwicklung ähnlich wie der Hotelverband: „Die Angebote für Touristen wachsen schneller, als Gäste in die Stadt kommen.“

Weitgehend einig ist sich die Branche in der Ablehnung einer Bettensteuer. Eine solche „City Tax“ hat Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) soeben wieder angeregt. Zuvor hatten sich dafür bereits die Grünen ausgesprochen. Inzwischen sagte auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), er könne sich eine Abgabe vorstellen, die zweckgebunden in die Tourismus- und Kongressbranche fließe. Bei einem Euro pro Gast kämen 20 Millionen Euro zusammen. Auch Kieker verlangt, das Geld dürfe nicht im allgemeinen Landeshaushalt landen und für „Gullys in Marzahn“ verwendet werden. Ob und wie die Abgabe kommt, weiß derzeit niemand – beschlossen ist noch nichts.

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