Berliner Industrie : Produktion muss sein

Mit einer aktuellen Studie wollen Gewerkschaften und Arbeitgeber der Berliner Industriepolitik neue Anstöße geben. Forscher meinen, die Stadt könnte 90.000 Jobs mehr haben.

Alexander Visser,Sabine Beikler
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Berlin -  Wissenschaftler mehrerer Institute kommen darin zum Schluss, dass Berlin mehr tun muss, um im Vergleich zu anderen Metropolen nicht den Anschluss zu verlieren. Die Industrie solle nicht gegen moderne Dienstleistungen ausgespielt werden, sagte der Berliner DGB-Vorsitzende Dieter Scholz bei der Präsentation der Studie am Dienstag. Aber eine leistungsfähige Wirtschaft brauche einen stabilen industriellen Sektor. „Erfolgreiche Ballungszentren zeigen deutlich, dass Dienstleistungen mit hoher Wertschöpfung auf der Basis einer starken industriellen Grundlage entstehen“, sagte Scholz.

Seit 1990 ist ein Großteil der früher stark subventionierten Berliner Industrie weggebrochen, weniger als 100 000 Arbeitsplätze sind übrig. Bis heute liegt der Anteil der Industriebeschäftigung deutlich unter dem anderer Großstädte. Die Forscher sprechen von einer Beschäftigungslücke von 90  000 Stellen. Erst in den vergangenen Jahren kehrte die Industrie zurück auf die Tagesordnung, unter anderem als Teil der Innovationsstrategie von Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) und in Form von Industriekonferenzen unter Vorsitz des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD).

Die Wissenschaftler von Regioconsult, WMP Hamburg und dem Berliner DIW erkennen in ihrer Studie „Neue Wachstumschancen für Berlin“ auch eine Trendwende. „Es zeigen sich deutliche Ansätze für ein neues wirtschaftliches Profil und für eine neue Dynamik in der Stadt.“ Um die Industrie weiter zu stärken, brauche Berlin ein industriepolitisches Leitbild. „Die Industrie muss einen zentralen Stellenwert in der Stadt bekommen, über alle Senatsverwaltungen und Bezirke hinweg“, sagte Scholz. Unterstützt wird er dabei von den Unternehmensverbänden Berlin-Brandenburg (UVB). „Chefsache“müsse die Industrie werden, forderte UVB-Hauptgeschäftsführer Christian Amsinck. Senatssprecher Richard Meng weist die Kritik zurück: „Das ist der Stand von vorgestern. Bei Klaus Wowereit steht die Industrie längst wieder ganz oben“, sagte Meng dem Tagesspiegel.

Das sieht die Opposition völlig anders. „Es fehlen eine Industrieansiedlungspolitik und andere wirtschaftspolitische Initiativen des Senats“, kritisierte Grünen-Fraktionschef Volker Ratzmann. Es gebe ausreichend Flächen, die vermarktet werden könnten für die Entwicklung neuer Technologien. Auch die Förderung würde nicht funktionieren, da die Mittel der Investitionsbank des Landes nicht abfließen würden. „Der Senat hat keinerlei Vision für die Berliner Zukunft“, sagte FDP-Fraktionschef Christoph Meyer. Und die Stimmung in der Stadt sei nicht investorenfreundlich. „Potenzielle Arbeitgeber fühlen sich in Berlin nicht willkommen.“ Rot-Rot sei mit der Industriepolitik gescheitert, sagte der Berliner CDU-Partei- und Fraktionschef Frank Henkel. „Trotz moderner Dienstleistung braucht man die Produktionsindustrie.“ Wowereit müsse sich endlich zur Industrie bekennen. 

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