Berliner Manufakturen : Flinke Hände

Berlins Manufakturen sind erfolgreich - manche sogar weltweit. In ihren Produkten steckt viel Arbeit.

Sabine Hölper,Matthias Jekosch

Zittrige Hände kann Uhrmacher Peter Schulze bei seiner Arbeit nicht gebrauchen. Ein Uhrwerk liegt vor ihm. Kleine Zahnräder greifen in kleine Hebel, die von klitzekleinen Schrauben gehalten werden. Dies soll das unverwechselbare Werk einer „Quadriga“ werden, des Prunkstücks der Uhrenmanufaktur Askania in Friedenau. Bis zur fertigen Uhr müssen Schrauben gebläut, Hebel mattiert und versilbert und der kaum erkennbare Askania-Schriftzug eingraviert werden. Schulze setzt eine Lupe vor sein Auge, die von einem Ring um den Kopf gehalten wird, und konzentriert sich. Etwa 20 Stunden dauert das Veredeln, vier Uhrmacher arbeiten daran. „Das ist, was eine Uhr aus der Manufaktur ausmacht: Es steckt richtig viel Zeit drin“, sagt Produktionsleiter Markus Maier. Die zahlt der Kunde beim fertigen Produkt natürlich mit. Fast 3000 Euro kostet die limitierte „Quadriga“.

In Berlin sind Handarbeiten, egal in welcher Branche, so gefragt, dass bald ein „Zunftquartier“ entstehen soll: 100 Manufakturen und ähnliche Betriebe sollen sich spätestens in zwei Jahren im Industriekulturdenkmal Alte Schultheiss- Mälzerei in Schöneberg ansiedeln. Federführend ist die Zunft AG, die „Orte für die Herstellung und Vermarktung wertiger und nachhaltig hergestellter Produkte“ entwickelt und betreibt. „In einer Manufaktur geht es um serielle, handwerkliche Produktion“, sagt der Beiratsvorsitzende Christoph Hinderfeld.

Auch die Spandauer Firma Contag setzt auf Handarbeit. Vor 27 Jahren entstand sie in einer Garage als Zwei- Mann-Unternehmen. Heute beschäftigt sie mehr als 70 Mitarbeiter und stellt Prototypen von Leiterplatten für Daimler-Chrysler, Siemens, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und etwa 1000 weitere Kunden her. Auf Leiterplatten werden die Bauteile elektronischer Geräte montiert. Bei so viel Arbeit sind nicht nur flinke Hände gefragt, es kommen auch Maschinen zum Einsatz. „Aber wir nehmen die Platten öfter in die Hand als Konkurrenten“, sagt ein Firmensprecher. Dadurch könne Contag sehr schnell arbeiten. Die Umsätze sind in den letzten Jahren immer um etwa 30 Prozent gewachsen, im Jahr 2006 setzte die Firma 6,2 Millionen Euro um. Den Mitarbeitern stehen ein Beachvolleyballplatz, Betriebssport oder kostenlose Massagen zur Verfügung. Dafür bekam Contag den Preis „Top-Arbeitgeber Berlin 2007“.

Atmosphäre ist gerade in einer Manufaktur wichtig. Die Mitarbeiter des Schuhherstellers Trippen sollten kurzzeitig zurück ans Fließband. „Das haben wir aber schon wieder abgebaut“, sagt Inhaber Michael Oehler. Wie zuvor sitzen die Arbeiter in Fünfergruppen an Werktischen und fügen Teile zusammen. Auf den Sohlen der Firma mit Sitz und Designatelier in Treptow laufen Menschen in 35 Ländern. 140 000 Paar Schuhe im Jahr werden in Brandenburg und in Italien hergestellt. Für ein Paar zahlt der Kunde zwischen 100 und 300 Euro.

Für ihre Teller und Tassen kann die wohl bekannteste und älteste Berliner Manufaktur, die Königliche Porzellan-Manufaktur (KPM), weitaus stolzere Preise nehmen. In dieser Woche stellte sie auf der Frankfurter Messe „Ambiente“ eine Tasse mit einem eingearbeiteten Diamanten vor; sie kostet 18 000 Euro. „80 Prozent des Produktionsprozesses sind Handarbeit“, heißt es. Nur so sei es möglich, jeden Kundenwunsch umzusetzen.

Die meisten Berliner Manufakturen sind kleiner und günstiger. In seiner Lampenmanufaktur Berlin in Prenzlauer Berg stellt Olaf Bornemann Nachbauten von Designklassikern aus der Zeit nach der Jahrhundertwende her – für weniger als 100 Euro. Den relativ niedrigen Preis kann er sich leisten, „weil wir nicht in wochenlanger Arbeit Unikate herstellen“. Dennoch geht Bornemann auf Sonderwünsche wie die Farbe des Lampenschirmes ein. Seit der Eröffnung seiner Werkstatt vor fünf Jahren freut er sich über steigende Umsätze.

Auch die Idee von Jens Rose ging auf. Früher führte er einen Frühstücksservice, der Büros belieferte. Dort war „Kalter Hund“ ein Renner, und so beschloss Rose, die „Spezialität aus Kindheitstagen“ selbst herzustellen. Ende 2006 eröffnete er in Friedrichshain die „Kalter Hund Manufaktur Rose“. Elf Varianten des Kekskuchens aus Kokosfett, Kakao, Eiern, Mandeln und braunem Rohrzucker hat er im Angebot. Der teuerste kostet 15 Euro. Vom Rührgerät abgesehen, wird alles mit der Hand gemacht.

In seinem Atelier in der Pankstraße stellt Frank Ludwig schlichte Tassen und Kannen unter dem Logo „Pinguindesgin“ her, 14 bis 27 Euro das Stück. Der Designer versucht, sich die Arbeit zu erleichtern. „Ich töpfere nicht jedes Stück einzeln, sondern stelle Gipsformen her, in die ich das flüssige Porzellan hineingieße.“ Diese Formen seien das „Grundsystem“, das ihm die Produktion von Kleinserien erlaube, so der Absolvent der Kunsthochschule Berlin-Weißensee.

Wohl kaum eine andere Manufaktur betont ihre Herkunft aus Berlin aber so deutlich wie Askania. „Quadriga“, „Tempelhof“ oder „Alexanderplatz“ heißen die Serien. Zuletzt stellte man die Berlinale- Uhr vor. Geschäftsführer Leonhard Müller zog mit Askania 2006 in die Hauptstadt. Zusammen mit einem Mikroskophersteller aus Rathenow hatte er Siemens 2003 die Namensrechte am Traditionsunternehmen von 1871 abgekauft.

Müller sitzt im Empfangsraum der Manufaktur in Friedenau. Am Handgelenk trägt er eine schwere Fliegeruhr seiner Firma. Heutzutage seien Uhren eher ein Schmuck- und ein Statussymbol als ein Zeitmesser, sagt Müller. Vielleicht hat er seine Uhr deshalb noch gar nicht eingestellt: Sie zeigt halb fünf – obwohl gerade später Vormittag ist.

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